Troja, ein Spielplatz der Götter

Stephen Fry: Troy. Our Greatest Story Retold; Cover: Penguin Random House UK

Menschen und ihre Geschichten sind nicht einfach. Wenn Götter ihre Hände mit im Spiel haben, wird es chaotisch. Wie sehr, dass zeigt Stephen Fry, indem er die Geschichte Trojas einmal mehr aufrollt und ihr mit Troy einen neuzeitlichen Anstrich verleiht.

von MEIKE WINKLER

Trojanisches Pferd – Untergang einer Stadt – Krieg. So oder so ähnlich könnte eine zunächst oberflächliche Assoziationskette aussehen, wenn der Name Troja fällt. Spätestens seit dem gleichnamigen Film, der 2004 in die Kinos kam, gewann der Mythos wieder an Popularität. Der Film ist jedoch ‚nur‘ eine Interpretation der Ilias von Homer, die wiederum nur einen kleinen Teil der Geschichte erzählt. Der trojanische Krieg dauerte zehn Jahre. Homer entschied sich nicht etwa am Anfang des Krieges mit seinem Werk zu beginnen, sondern sprang direkt in das neunte Jahr und hörte vor Kriegsende auf. Aus heutiger Sicht nicht nur eigentümlich, sondern auch unbefriedigend. 

Anfangen bei Adam und Eva

Fry beginnt sein Buch natürlich nicht bei den biblischen Adam und Eva, jedoch durchaus im metaphorischen Sinne. Denn streng genommen ist Troy der letzte Teil einer Trilogie über die griechische Mythologie insgesamt, welche Fry 2017 mit Mythos. The greek myths retold – der Genesis der griechischen Götter – begann und ein Jahr später eine Fortsetzung in Heroes. The myths of the ancient greek heroes retold fand. Die Lektüre der beiden vorangegangenen – übrigens sehr lesenswerten – Bände ist nicht notwendig, wie Fry selbst mehrfach in seinem Werk erwähnt, da eventuell notwendige Erklärungen in der Geschichte selbst verarbeitet oder über einen umfangreichen Anhang nachvollziehbar sind.

Troy holt jedoch um einiges weiter aus als zunächst zu erwarten wäre, denn wer sich einmal bloß mit den Verwandtschaftsverhältnissen innerhalb des Olymps beschäftigt hat, weiß wie kompliziert und verstrickt die griechische Mythologie sein kann. Nicht minder komplex gestaltet sich das Unternehmen, den trojanischen Krieg und seine Entstehung nachvollziehen zu wollen.

Vom Wollknäuel zum Wandteppich

„This chariot led to a curse which led to… which led to almost everything…“ Ein Streitwagen hat Bedeutung für den trojanischen Krieg? Ja, denn er erfüllt einen bedeutenden Teil einer Prophezeiung, aus deren Folgen ein Fluch hervorgeht, der lange Zeit auf den Mitgliedern einer königlichen Familie ruht. Dieser sorgt dafür, dass sich in jeder Generation ein Mörder gegen die Familie wendet und diese in eine Reihe von Gewalt und Verbrechen verwickelt wird. Teil dieser Familie sind Agamemnon, Heerführer der Griechen im trojanischen Krieg – nach Rückkehr von seiner Frau im Bad erdolcht – und sein Bruder Menelaus, Ehemann der vom Trojaner Paris geraubten Helena.

Auch auf trojanischer Seite geschehen zahlreiche Ereignisse, die den trojanischen Krieg erst ermöglichen. So verärgert Laomedon, Vater des späteren Königs Priamos, Apollo und Poseidon, welche die Stadt ihren Unmut spüren lassen. Heracles errettet Troja, wird jedoch um seine versprochene Belohnung gebracht, was zur ersten Zerstörung Trojas führt. 

Göttliche Interventionen, Prophezeiungen und Flüche, diese drei Elemente bilden eine Art Trinität, die sich durch die gesamte griechische Mythologie zieht. Meist sind es vereinzelte Schicksale, von denen berichtet wird, und in denen diese drei eine Rolle spielen. In der Regel wird ein einzelner Mythos isoliert präsentiert, wie etwa der Flug des Ikarus. Die Geschichte von Troja wird jedoch von so vielen mythischen Gestalten beeinflusst – die wiederum durch ihre eigenen Geschichten geformt werden –, dass sich diese Geschichte zunächst als verwirrendes Netz präsentiert, ehe sie sich nach und nach zu einem großen Strang zusammenfügt. Umso weiter sich der Lesende in diesen Kaninchenbau vorwagt, desto mehr wird er sich fragen, ob der trojanische Krieg ohne diese Trinität überhaupt stattgefunden hätte.  

Mit Schirm, Charme und Sophokles

Stephen Fry ist in vielen Bereichen tätig. Ob als Comedian, Schauspieler, Moderator oder Regisseur, der Brite hat Erfolg und weiß sich auszudrücken. So gelingt es ihm anhand der Kombination antiker Texte, wie sie Homer oder Sophokles verfassten, Troja in seiner ganzen Tragweite zusammenzusetzen. Dabei übersetzt er das Ursprüngliche in die heutige Sprache – jedoch nicht ohne eine Prise Humor und ein ironisches Augenzwinkern. Gleichzeitig zollt er den vorangegangenen Schriftstellern, und denen, die sich mit ihnen befassten, Respekt, indem er – mal mehr, mal weniger offensichtlich – verschiedene Variationen und Interpretationen in sein Werk einfließen lässt. Dadurch schreibt Fry mit Troy, ebenso wie mit seine beiden vorherigen Büchern, eine lehrreiche wie unterhaltsame Mischung aus Dokumentation, Erzählung und Roman zusammen, an der sowohl Kenner wie Neulinge der griechischen Mythologie ihren Spaß haben werden.    

Stephen Fry: Troy. Our greatest story retold
Penguin Random House UK, 414 Seiten
Preis: 22,95 Euro
ISBN: 978-0241424582

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