Kafka im Cornflakesregal

Gonçalo M. Tavares: „In Amerika“, sagte Jonathan; Cover: Kupido Literaturverlag

Eine Reise von der Westküste der USA hoch in den Nordosten und zum Abschluss einige Tage in Florida: Mit „In Amerika“, sagte Jonathan entführt uns Gonçalo Tavares auf eine Reise in einige der großen amerikanischen Städte, aber auch in die Naturenklaven inmitten des US-amerikanischen Traums. An seiner Seite findet sich stets ein Porträt eines Kafka-Fotos, das ihn zu allerlei abgründigen Gedankengängen von eindrücklicher Sprachgewalt anregt. Kafka und die USA – das passt bereits seit dem Verschollenen wunderbar zusammen.

von THOMAS STÖCK

Gonçalo Tavares ist nicht nur eine der vielversprechendsten Stimmen der zeitgenössischen portugiesischen Literaturlandschaft, er ist auch ein findiger Städtebummler. Von einem Trip in Barcelona bringt er ein Porträt mit, welches einem der wenigen Fotos von Franz Kafka nachempfunden ist. Dieses Porträt hat Tavares zu einem interessanten Gedankenspiel verleitet: Sein Roadtrip in die USA steht unter dem Stern des Verschollenen. Es geht nach Kalifornien, LA, Nevada, in Nationalparks wie Yellowstone oder Sequoia und zu vielen weiteren Stationen. Kafkas Roman Der Verschollene ist jedoch nicht nur unvollständig – wie auch die anderen beiden Kafka-Romane –, er ist auch mit insgesamt drei verschiedenen Titeln publiziert worden. Noch zu Lebzeiten erschienen Auszüge des Werks als Der Heizer und Max Brod, Kafkas Nachlassverwalter, suchte bei der Erstveröffentlichung des gesamten Romans den Namen Amerika aus. Passend also für das nachfolgende Projekt: Tavares macht es sich mit seinem Travelogue „In Amerika“, sagte Jonathan zur Aufgabe, seine eigenen kafkaesken Gedanken niederzuschreiben. Damit ist nicht (oder zumindest nicht ausschließlich) gemeint, dem Prager nachzueifern, denn laut Duden bedeutet dieses Adjektiv auch „auf unergründliche Weise bedrohlich“. Schon im Motto seines Travelogues wird diese Herangehensweise deutlich:

„An eine allgegenwärtige Magie glauben, die das Verhältnis zwischen Abbild und Anwesenheit beeinflusst. Die neuen Technologien suggerieren: Abbild ist Anwesenheit. Antiquiert und übertrieben aktuell: Die Landschaft durch Kafkas geisterhafte Anwesenheit verändern. Projekt Kafka.“

Kafkas Geist ist jedoch weit weniger bedrohlich, als es in diesen düsteren Worten den Anschein hat. Die Parabel auf Kafkas Werk, als die das Buch uns auf dem Umschlag präsentiert wird, entpuppt sich nämlich nur allzu oft als Parodie, in der mit Augenzwinkern Kafka vor alle möglichen Alltäglichkeiten gesetzt wird: Kafka vorm Sonnenuntergang, Kafka vorm Spielzeugautomaten, Kafka im Cornflakesregal. Kafkas Gesicht, das ist für Tavares ein Gesicht, das eine Frage transportiert, die immer einen anklagenden Ton hat: „Eine Anklage, die sich nicht zwangsläufig auf gehobene oder historisch wichtige Themen bezieht. Warum diese Farbe? […] Aber auch: Warum so leben?“ Oder eben auch: Warum greifst du dir schon wieder die teuerste Cornflakespackung aus dem Regal?

Kafkas Kuriositätenkabinett

Tavares’ Roadtrip spielt also permanent mit der Frage, wie Kafka auf bestimmte Alltagssituationen reagieren würde. Dabei ist dem portugiesischen Schriftsteller natürlich bewusst, dass auch Kafka nur menschlich war und nicht in jeder dieser Situationen den Teufel an die Wand gemalt hätte. Doch führt dieses Gedankenexperiment zu sehr produktiven Ergebnissen, von denen ich nachfolgend einige präsentieren möchte. So weiß Tavares neben dem Kafka-Porträt einen weiteren Begleiter an seiner Seite: Jonathan. Der Text spielt mit der Existenz dieser Figur, die als Sprachrohr für viele kafkaeske Gedankengänge dient: „Jonathan denkt an Kafka als Maler. Welche Farben würde er verwenden?“ Wie schon das Porträt in schwarzweiß gehalten ist, stellt sich Jonathan auch den Prager vor. Trotz der Möglichkeit, auf andere Farben zurückzugreifen, sieht Kafka nur schwarz und weiß. Doch Kafka würde nicht an einer weißen Leinwand den Pinsel schwingen, repräsentiert diese doch eine gastfreundschaftliche Einladung, sie zu nutzen. Nein, Kafkas Leinwand wäre schwarz, als würde sie sagen: „Kein Durchgang!“ Und nur vereinzelt würde sich auf ihr das weiße Licht zeigen, das in seltenen Momenten bis zu uns durchdringt.

Bei einem Tennis-ähnlichen Spiel namens Padel zeigt Tavares auf, dass Kafka uns alle von Zeit zu Zeit heimsuchen kann. Bei diesem Spiel geht es darum, einen Tennisball mit der Hand gegen eine Wand zu spielen. Tavares und Jonathan treffen auf dem Platz auf einen einarmigen Mitspieler. Dieser löst in ihnen Unbehagen aus. Tavares schreibt von einem verstörenden Gefühl: „Warum zum Teufel machen Leute sowas? Warum zwingen sie uns, Angst zu haben?“ Jonathan wiederum weiß keine Reaktion auf das, was er sieht. Er überlegt, was er tun könnte:

„In die Hände klatschen, die rechte gegen die linke schlagen und einen Knall erzeugen? Die Hände instinktiv hinter dem Rücken verstecken, als wolle er damit sagen: Diese Gliedmaßen sind eigentlich überbewertet? Was tun, wenn man zwei Arme hat und zu dem Mann mit der roten Kappe rüber schaut, dem ein Arm fehlt? Warum tut er das? Er scheint uns anzuklagen.“

Natürlich klagt uns der einarmige Mann nicht an, denn was für uns außergewöhnlich ist, ist für ihn normal. Wir brauchen kein schlechtes Gewissen haben, sondern unser Gegenüber einfach nur respektvoll und genauso wie jede andere Person behandeln. Und trotzdem meldet sich bei so manchem von uns das Gewissen, das da sagt, wir müssten uns schuldig fühlen.

Kafkas Stimmgewalt

Auf diese Weise gelingt es Tavares permanent, auch die positivsten Erlebnisse mit negativen zu verbinden und ihnen so diesen unergründlichen Bedrohungscharakter unterzumischen. In den Universal Studios, dem „vergnüglichsten Vergnügungspark“, berichtet uns Jonathan von einem seiner Albträume. Diese nur drei Seiten lange Erzählung setzt ein mit Jonathan in einer Warteschlange in den Universal Studios. Durch ein Schild wird er aufgefordert, jedwede Prothese abzunehmen. Das kafkaeske Voranschreiten dieser Albtraumszenerie mag ich an dieser Stelle nicht spoilern. Die Erzählung wartet jedoch mit einer abschließenden Pointe auf: Auf Jonathans Frage, was sein Traum wohl bedeute, entgegnet ihm Tavares nur, er sei weder Freud noch sein Schüler. Antworten findet man bei Kafka wie bei Tavares eher selten auf die Fragen, die sie aufwerfen.

Es existieren noch weitere großartige, manchmal auch eher mittelprächtige Gedankenspiele, die jedoch in ihrer Präzision immer den genialen Blick eines genauen Beobachters offenlegen. Schon an den zahlreichen Zitaten dieser Rezension sieht man, dass der Text hier besser für sich selbst spricht, als ich dies tun könnte. Tavares fängt so auch ein Stück weit Kafkas Stimme ein, der stets ohne große Worte eine Atmosphäre heraufzubeschwören imstande war, die uns bis heute unerklärlich ist. Und mit Gewalt brechen diese Worte über uns herein – sowie mit der Erkenntnis, dass das durch sie ausgelöste Unbehagen unser treuer Begleiter ist und wir dem Unbehagen selbst im Supermarkt auf jedem Regalboden begegnen könnten.

Gonçalo M. Tavares: „In Amerika“, sagte Jonathan. Aus dem Portugiesischen von Christiane Quandt und Frank Henseleit
Kupido Literaturverlag, 108 Seiten
Preis: 18,80 Euro
ISBN: 978-3-96675-079-0

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