Ukraine: Sehnsuchtsraum Frieden

Dareg A. Zabarah (Hg.): Charkiw / Charkow (Europa Erlesen); Cover: Wieser Verlag

In der Ukraine tobt ein Krieg, mit dem Wladimir Putin seine Großmachtfantasien zu erfüllen sucht. Darunter leiden die Menschen der Ukraine, die sich mutig den russischen Truppenverbänden entgegenstellen – doch der Krieg nimmt neben den Menschen auch die ukrainische Kultur unter Beschuss. Höchste Zeit für uns, uns das kulturelle Erbe des Landes anhand der Stadt Charkiw ins Gedächtnis zu rufen und uns für die friedliche Völkerverständigung einzusetzen.

von THOMAS STÖCK

Europa wird erneut vom Krieg heimgesucht und selbst in den Ländern der NATO geht die Angst um. Werden wir die Nächsten sein, die um unser Leben fürchten müssen? Eigentlich schwelt der Konflikt zwischen der Ukraine und Russland bereits seit 2014 aufgrund der Annexion der Krim sowie der Kämpfe im Donbass um die Städte Luhansk und Donezk. Doch mit dem Einmarsch russischer Truppen in praktisch die gesamte Ukraine hat auch die westliche Politikkaste ein Einsehen darin, dass Wladimir Putins Außenpolitik nicht mit einem neuen Versuch des Appeasements begegnet werden kann. Ein Weltkrieg scheint nahe. Doch es regt sich Widerstand.

Gemeint ist in diesem Fall nicht nur die ukrainische Bevölkerung, die sich an der Seite ihrer eigenen Truppen der russischen Armee entgegenstellt. Gemeint sind auch nicht ausschließlich Wladimir Klitschko, regierender Bürgermeister von Kiew, und Wolodymyr Selensky, amtierender Präsident der Ukraine, die ihrer Stadt und ihrem Land die Treue halten – auch wenn es beeindruckend ist, dass die Ukrainer einen ehemaligen Profiboxer und einen Comedian wählten und diese sich in diesen Zeiten als Politiker mit Rückgrat entpuppen. Es ist Selenskys größte Rolle seines Lebens – und das, obwohl er bereits 2015 in der Fernsehserie Diener des Volkes den aufgestiegenen Präsidenten mimte. Fernsehgeschichte repeats itself oder wie auch immer der Spruch ging. Bei allem Respekt vor dem Handeln der ukrainischen Bevölkerung möchte ich gleichsam die mutigen Stimmen innerhalb des russischen Volkes hervorheben, die sich trotz Demonstrationsverbots öffentlich gegen den Krieg aussprechen. Und auch unter den russischen Soldaten regt sich wohl mitunter Widerstand, haben doch zahlreiche unter ihnen Verwandte und Freunde in der Ukraine. Es bleibt zu hoffen, dass diese Stimmen der Mutigen immer zahlreicher werden und Putins Treiben zeitig ein Ende setzen.

Charkiw – eine Stadt am Ende

Das größte Leid erfährt zurzeit jedoch logischerweise die ukrainische Bevölkerung. Neben Kiew steht derzeit besonders die ostukrainische Stadt Charkiw unter Beschuss. 1,5 Millionen Menschen leben hier. Und mit den Menschen steht auch eine kulturträchtige Metropole unter Beschuss, deren Geschichte wir in der Reihe Europa Erlesen des Wieser-Verlags begegnen. Zu Ehren der Industriestadt blicken wir heute gemeinsam auf Charkiw / Charkow aus dieser Reihe. Charkiw ist gemeinsam mit Kiew, der Krim, Czernowitz (heute Czerniwzi), Lemberg (heute Lwiw) sowie Odessa einer von sechs Kulturräumen, die uns der österreichische Verlag in literarischen Streifzügen vorstellt. In Reiseberichten, Erzählungen, Gedichten und anderen Textformen können wir so eintauchen in die wechselnden Gestalten, die diese Räume im Laufe der Jahrhunderte annahmen. Diese etwas anderen Reiseführer stimmen nachdenklich, zeugen sie doch vielfach von einem Erfahrungsraum, der unwiederbringlich vom Strom der Zeit verschluckt wurde. Ein Schicksal, das der Stadt nun erneut droht.

Charkiw ist eine facettenreiche Metropole, auf die Autoren vergangener Jahrhunderte mit unterschiedlichen Augen blickten – in Abhängigkeit von den Gedanken, die sie in ihrer Zeit beschäftigten. Der deutsche Reiseschriftsteller Johann Georg Kohl zum Beispiel gibt uns im 19. Jahrhundert seine Eindrücke von Charkow (die russische Schreibweise der Stadt) zum Besten. Die Stadt bewertet er als „einen der interessantesten und wichtigsten Orte“ des russischen Reichs, gerade im Vergleich mit Kiew schneidet Charkiw besser ab. Die Universitätsstadt ist belebt, bietet eine farbenfrohe Architektur und auch an kultureller Vielfalt mangelt es nicht. Anders blickt Anton Tschechows Protagonist in Der Tod in Charkow auf die Stadt: Für ihn ist sie grau und langweilig. Charkiw ist hier der richtige Ort, um aus dem Leben zu scheiden. Für den sowjetischen Futuristen Vladimir Majakovski strahlt Charkiw dagegen das Flair einer Hauptstadt aus. Am Nabel der Zeit erblüht im gleichnamigen Gedicht eine Metropole der Sowjetrepublik, in der die Werktätigen schaffen. Auch die Außenperspektive auf Charkiw bleibt uns nicht verborgen: Der österreichische Journalist Colin Ross reist in die sowjetische Stadt kurz nach dem Ende des russischen Bürgerkriegs. Obwohl über die ukrainische Bevölkerung eine Hungerwelle zieht, lassen sich doch die ersten Zeichen der wirtschaftlichen Erholung nach dem Krieg ablesen.

Krieg gegen das ukrainische Volk

Bestimmend für das Bild Charkiws ist in diesem Band wohl dennoch der Krieg. Jonathan Littell zeichnet in seinem Roman Die Wohlgesinnten das Bild einer Stadt voller Leichen inmitten der Lebenden. Die deutschen Besatzer (zu denen auch der Ich-Erzähler zählt) zur Zeit des Zweiten Weltkriegs rächen sich am ukrainischen Volk für auf die Deutschen verübte Anschläge. Dabei vergelten sie nicht an den Tätern begangenes Unrecht, sie terrorisieren lieber die Menschen, um sie vor weiteren Taten abzuschrecken. Doch die Deutschen sind nicht die Einzigen, die zu Terrormaßnahmen griffen – Gleiches gilt für die Machthaber innerhalb der Sowjetunion. Auszüge aus Alexander Weissberg-Cybulskis Hexensabbat machten 1951 den stalinistischen Terror weltbekannt. Hier führt uns Herausgeber Dareg Zabarah eine Szene im Charkower NKWD vor, wo der Ich-Erzähler verhört wird. Es geht bei seinem Verhör nicht darum, die Wahrheit zu finden – nein, der NKWD sucht nur nach Menschen, die den Erzähler belasten können. Auch die Innensicht eines Tschekisten, zu finden im gleichnamigen Text des ukrainischen Schriftstellers Mykola Chwyljowyj, führt uns das Grauen vor Augen, das selbst die Täter erzittern lässt. Der Krieg gegen die eigene Bevölkerung hinterlässt Wunden, die bis heute nicht verheilen. Chwyljowyi beging 1933 in Charkiw Suizid.

Das Buch Charkiw / Charkow weist auch literarisch anspruchsvollere Seiten auf als diejenigen, die ich bis hierhin präsentiert habe. An zu vielen Stellen tritt jedoch das grausige historische Erbe zutage, das die Einwohner der Stadt bis heute mit sich herumtragen müssen. In die schönsten Worte kleidet dieses Erbe der Liedermacher Bulat Okudschawa in seiner Unterhaltung mit Charkow:

„O Charkow, Charkow, Deine Straßen,
Sie sind so hell auch ohne Licht
Mögen Deine Fußgänger – die Klugen
Mir ihre Weisheit vermachen.

Und mögest, alle Ärgernisse überwindend,
Du selbst in mir zu sprechen beginnen…“

Hoffentlich erblickt Charkiw bald wieder Licht. Zum Abschluss bleibt uns nur, eine Parole zu deklamieren, die ich von Seiten der Bevölkerung beider Kriegsparteien schon vernommen habe: Нет Войне. Kein Krieg.

Dareg A. Zabarah (Hrsg.): Charkiw / Charkow (Reihe Europa Erlesen)
Wieser Verlag, 256 Seiten
Preis: 14,95 Euro
ISBN: 978-3-99029-294-5

Peter Rychlo (Hrsg.): Czernowitz (Reihe Europa Erlesen)
Wieser Verlag, 270 Seiten
Preis: 14,95 Euro
ISBN: 978-3-99029-187-0

Olena Novikova u. Ulrich Schweier (Hrsg.): Kiew (Reihe Europa Erlesen)
Wieser Verlag, 280 Seiten
Preis: 14,95 Euro
ISBN: 978-3-85129-481-5

Annette Luisier u. Sophie Schudel (Hrsg.): Krim (Reihe Europa Erlesen)
Wieser Verlag, 250 Seiten
Preis: 14,95 Euro
ISBN: 978-3-85129-890-1

Alois Woldan (Hrsg.): Lemberg (Reihe Europa Erlesen)
Wieser Verlag, 200 Seiten
Preis: 14,95 Euro
ISBN: 978-3-85129-701-0

Dareg A. Zabarah (Hrsg.): Odessa (Reihe Europa Erlesen)
Wieser Verlag, 270 Seiten
Preis: 14,95 Euro
ISBN: 978-3-99029-187-0

3 Gedanken zu „Ukraine: Sehnsuchtsraum Frieden

  1. Sehr schön, dass Ihr ein Zeichen setzt mit dieser Besprechung. Das ist in diesen Zeiten sehr wichtig! Ich würde mich freuen, mehr in diese Richtung zu lesen. Gleichzeitig ist es in diesen Zeiten jedoch auch wichtig, die Menschen zu vereinen, statt zu spalten. Es ist unglaublich, zu hören, dass Menschen dazu aufrufen, kein russisches Essen mehr zu essen, keine russische Literatur zu lesen, keine russische Musik zu hören. Das Problem heißt Putin und nicht Puschkin! Ich hoffe, Ihr findet auch einen Weg, auf dieses Problem aufmerksam zu machen. Denn gerade brauchen wir Solidarität und Menschlichkeit so sehr wie selten zuvor. So schrecklich alles ist, was passiert, Anfeindungen, „Kulturzensur“ u.A. machen das Problem nur noch schlimmer. Vielleicht bietet es sich ja an, auf diesem Blog eine Reihe zu starten, die dieses Problem in den Blick nimmt und die Solidarität verstärkt? Grüße an alle, Alina

    • Herzlichen Dank für das Lob!

      Ich bin auch kein Freund einer solchen Kulturzensur, vor allen Dingen weil dadurch ja auch diejenigen Personen betroffen sind, die sich mutig Putin und dessen Vasallen entgegenstellen. Ich sehe keinen Sinn darin, alles Russische pauschal zu verurteilen – als ob alle Russen Putin unterstützen. Ich denke, es ist notwendig, gerade die kritischen Stimmen aus Russland zu bestärken und nicht nur allen das Wort zu verbieten. Puschkin und andere Stimmen der Vergangenheit können nichts für die Verbrechen der Gegenwart. An ihnen muss man sich also nicht rächen.

      Jedoch gilt es auch hier zu differenzieren: Gerade diejenigen Russen, die keine Repressalien fürchten müssen, sollten sich eindeutig gegen den Krieg positionieren. Auch hier gibt es Stimmen aus dem Kultursektor, die in meinen Augen zu Recht boykottiert werden, bspw. der Star-Dirigent Waleri Gergijew und die Opernsängerin Anna Netrebko, die beide keine Kritik an Putin üben. Gerade diese Personen sind dazu in der Lage, im russischen Volk eine andere Stimmung heraufzubeschwören. Auch bei der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland hielten zu viele Intellektuelle die Füße still. Immer wieder schweigen zu viele Kulturschaffende, wenn es aufzustehen gilt. Dasselbe Problem betrifft nun die schweigende Mehrheit des russischen Volkes, wobei ich hierbei nicht diejenigen, die Repressalien für Kritik fürchten müssen, mit im Ausland lebenden Russen, die ihre Meinung frei kundtun können, über einen Kamm scheren möchte.

      Wir werden weiterhin unser Bestes geben, den Stimmen gegen Gewalt und Krieg Gehör zu verleihen. Das gilt für alle Personen gleichermaßen ungeachtet ihrer Herkunft.

      Liebe Grüße
      Thomas

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