Zwischen Kaiserreichkitsch und Politikerleichen, oder: Ein Samstag in Weimar

Thomas Hüetlin: Berlin, 24. Juni 1922; Cover: Kiepenheuer & Witsch

Mehr als pünktlich zum 100. Jahrestag des Mordes am damaligen deutschen Außenminister Walther Rathenau veröffentlicht Kiepenheuer & Witsch mit Berlin, 24. Juni 1922 ein rasant erzähltes und geschriebenes Sachbuch zu diesem Attentat, das bis heute noch nicht so recht in den Köpfen der Deutschen präsent ist. Journalist und Autor Thomas Hüetlin führt uns in die einsam-elitäre Welt Rathenaus, aber auch in die Köpfe derjenigen, die ihn am helllichten Tag auf offener Straße äußerst brutal und blutig ermordet haben. Außerdem: teutonische Rührseligkeit, beleidigte Terroristenliteraten und Liebesbriefe auf Hakenkreuzpapier.

von CARO KAISER

Sagt Ihnen der Name John F. Kennedy etwas? Ich wage zu behaupten, dass er das tut. Sagt Ihnen der Name Walther Rathenau etwas? Wenn Sie historisch interessiert sind oder einen guten Geschichtslehrer hatten, vermutlich, aber selbst Leute ohne guten Geschichtslehrer kennen John F. Kennedy. Im Gegensatz zum assassinierten 35. Präsidenten der USA ist der assassinierte achte Außenminister der Weimarer Republik hierzulande nämlich nicht jedem ein Begriff. Sollte er aber! Stellen Sie sich vor, Christian Lindner wird beim Spazierengehen erschossen und kein Jahr später wird Annalena Baerbock in ihrem Cabriolet von einem überholenden Wagen aus mit einem Maschinengewehr zerfetzt. Haben Sie sich das vorgestellt? Gut. Jetzt stellen Sie sich vor, die Täter sind ehemalige Bundeswehrsoldaten – und die Bild-Zeitung bejubelt das Ganze ohne Rücksicht auf moralische Verluste. Schwer vorstellbar? Da stimme ich Ihnen zu. Und genau deswegen empfiehlt sich die Lektüre von Thomas Hüetlins „literarischer Reportage“ (O-Ton Volker Kutscher) Berlin, 24. Juni 1922. Denn vor hundert Jahren war genau dieser Wahnsinn in Deutschland fast schon Alltag.    

Schärft die Dolche, es wird in den Rücken gestochen

Adressieren wir in dieser Rezension das Offensichtlichste zuerst: Hüetlin hat ein äußerst populärwissenschaftliches und narratives Sachbuch geschrieben. Historiker und Historikerinnen gehen also bitte weiter – oder lassen sich auf Hüetlins Laienfreundlichkeit ein. Denn ebendiese Laienfreundlichkeit ist eine der Stärken des Buches: Sein Fokus liegt auf den ersten drei bis vier Jahren der Weimarer Republik – eine notorisch unübersichtliche Zeit, in der selbst versierte N24- und ZDF-History-Veteranen ihren Hitler aus den Augen verlieren können. Hüetlin schafft es aber, den Lesenden ein Gefühl für diese chaotischen, dolchstoßlegendelnden Jahre zu vermitteln, ohne sie dabei zu überfordern. Dass da dann mal zentrale historische Ereignisse ein bisschen husch, husch behandelt werden – geschenkt! Hüetlins Absicht ist es sowieso nicht, uns ein schön lesbares Schulbuch zu liefern, das uns chronologisch die Geschehnisse bis zum 24. Juni 1922 und dem Mord an Walther Rathenau erzählt. Stattdessen offeriert er uns mentalitätsgeschichtliche Psychogramme der involvierten Personen. Zu den drei Hauptprotagonisten zählen neben Rathenau selbst zwei zentrale Mitglieder der sogenannten „Organisation Consul“, einer rechtsextrem-monarchistischen Terrororganisation, die aus ehemaligen Angehörigen der deutschen Streitkräfte bestand und die für eine Reihe politischer Morde und Mordversuche in der frühen Weimarer Republik verantwortlich war: der Gewalt- und Genozidfan Hermann Ehrhardt sowie der Gewalt- und Gedichtfan Ernst von Salomon.     

Die „Führer von morgen“ der Vergangenheit und ihr soldatischer Schmollmund

Ehrhardt ist berühmt-berüchtigt für das nach ihm benannte Freikorps – der Marinebrigade Ehrhardt, die wiederum selber berühmt-berüchtigt dafür war, dass sie nicht nur besonders diszipliniert, motiviert und schlagkräftig war, sondern auch besonders republikfeindlich. Es mag auf den ersten Blick etwas verwundern, wie eine militärische Einheit, die von einer Republik (gut!) bezahlt und mit Arbeit versorgt wird, ebendiese Republik mit einer solchen Vehemenz und einem solchen Ekel ablehnen kann. Wo diese tiefsitzende, trotzig-beleidigte Ablehnung für Demokratie und Liberalismus herkommt, erklärt Hüetlin weniger am Gründer der Organisation Consul, Ehrhardt, sondern an dem fast zwanzig Jahre jüngeren Ernst von Salomon. Über Salomon führt uns Hüetlin in das wohl preußischste Etablissement des späten – und sehr preußischen – Kaiserreichs: Kadettenanstalten. Salomon, Jahrgang 1902 und damit knapp zu jung, um für einen verwirrten Adligen mit zu viel Macht und größenwahnsinnigen Militärberatern auf einem matschigen, französischen Feld abgeschlachtet zu werden, verbringt die prägenden Jahre seiner Jugend in genau einer solchen Anstalt. Diese waren dazu gedacht, die militärische Elite der Zukunft auszubilden – und im wilhelminischen Deutschland war die militärische auch die gesellschaftliche Elite. Salomon ist also in dem Glauben und Selbstverständnis aufgewachsen, irgendwann zur crème de la crème, zur Spitze der Pickelhaube zu gehören. Blöd nur, wenn das eigene Land seinen brutalen Angriffskrieg verliert, der geliebte Kaiser nach Oranje flüchtet und das stolze deutsche Militär auf Größe und Ausrüstungsniveau der Pfadfinder eingestampft wird – und das auch noch von den bösen Briten und den noch viel böseren Franzosen! Hüetlin präsentiert hier das Dilemma von Salomon und den anderen jungen Terroristen der Organisation Consul: Sie hätten für den Kaiser auf dem Schlachtfeld sterben müssen, aber stattdessen waren sie dazu verdammt, in einer drastisch entmilitarisierten und kaiserlosen Republik zu leben. Sich den Gegebenheiten anpassen und am Wiederaufbau ihres angeblich so geliebten Vaterlandes zu arbeiten, kam für sie allerdings nicht infrage – zu tief saß das Gefühl von Verletztheit über den sicher geglaubten und verlorengegangenen Sieg, aber auch über den Verlust der eigenen beruflichen Zukunft. Die neue Armee der Weimarer Republik, die Reichswehr, war aufgrund der Bestimmungen des Versailler Vertrages mit 115.000 Berufssoldaten lächerlich klein, gesellschaftlich marginalisiert und hatte schlichtweg für viele der ehemaligen Kadettenschüler keinen Platz. Die einzig logische Maßnahme also? Genau, Leben im terroristischen Untergrund!

Eine Sprache direkt aus dem germanischen Giftschrank

Hüetlin erzählt uns natürlich nicht nur über die Vergangenheit der Rathenaumörder, sondern auch über die Tätigkeiten der Clique um Ernst von Salomon in den ersten Jahren der Weimarer Republik. Wir sehen Ernst von Salomon, wie er in einer kleinen Wechselstube in Frankfurt am Main Ausländer mit falschen Wechselkursen über den Tisch zieht, um mit dem ergaunerten Geld Waffen zu kaufen. Wir erleben einen gescheiterten Mordversuch an Philip Scheidemann und die geglückte Befreiung eines verurteilten Kriegsverbrechers aus dem Gefängnis. Vor allen Dingen erleben wir aber eins: Kaiserreichkitsch, Teutonentand und Fremdscham im Endstadium für bundesrepublikanische Gemüter. Hüetlin hat zur Recherche offensichtlich nicht nur Ernst von Salomons literarisch noch einigermaßen hochwertiges Œuvre gelesen, sondern auch die tiefsten Abgründe der soldatisch-kitschigen, deutschtümelnden Freikorpsliteratur. Diese hat einen ganz eigenen Klang – und Hüetlin reproduziert ihn in einem halb spöttischen, halb ernsthaften Ton, der einer Nachkriegsdeutschland-sozialisierten Person die Haare zu Berge stehen lässt. Eine Geschmacksprobe? „Die deutsche Flotte. Diese graueiserne Germanenfestung auf dem Wasser.“ Oder über die Angewohnheit der Organisation Consul, nicht vertrauenswürdige Mitglieder zu ermorden: „Die Herabwürdigung zum kriechenden Ungeziefer, das von germanischen Kriegerstiefeln zermalmt wurde“. Oder über die Briten: „Dieses ehrlose Gesindel aus Krämern und Händlerseelen. Den Abstand, den kaltblütige Geschäftstüchtigkeit und Pragmatismus hergestellt hatten, einebnen durch teutonische Gewalt.“ Ich bin ganz ehrlich: Ich weiß nicht, ob ich Hüetlin für solche Sätze schlechtreden oder loben soll. Er hat den deutschnationalen Sound ziemlich gut getroffen. Aber dieser deutschnationale Sound lässt mich instinktiv die Hände vor meinem schamerröteten Gesicht zusammenschlagen. „Pickelhaubenhart“? „Hakenkreuzselige Germanenwelt“? „Autobahnharte Diktatur“? Ist das kreativ oder Schund? Wahrscheinlich beides.   

Mittagessen mit Edison, Porträtsitzen für Munch und Lebensratschläge von Einstein

Kommen wir aber (endlich) zum eigentlichen Protagonisten: Walther Rathenau. Die absoluten Highlights dieses Buches sind ohne Zweifel die Kapitel über diesen deutsch-jüdischen Fabrikantensohn, charismatischen Einsiedler und zum ewigen Scheitern verdammten Politiker. Schade, dass sie im Vergleich zu den Kapiteln über die teutonischen Flachpfeifen der Organisation Consul in der Unterzahl sind. Rathenau entpuppt sich schnell als faszinierende Persönlichkeit. Als Sohn des Gründers einer der weltweit größten Elektrokonzerne seiner Zeit (der AEG) isst er schon als Jugendlicher mit Thomas „Glühbirne“ Alva Edison zu Mittag. Als Erwachsener lässt er sich von Edvard „Der Schrei“ Munch porträtieren (und schließt das entstandene Bild dann auf seinem Dachboden weg, weil er moderne Kunst eigentlich gar nicht so hübsch findet). Und als frisch gebackener Außenminister kommt Albert Einstein ihn besuchen, um ihn angesichts des täglich schlimmer werdenden Antisemitismus zum Rücktritt zu bewegen. Doch auch wenn Rathenau nach einem bestens vernetzten Mann auf der Höhe des Zeitgeistes klingt, arbeitet Hüetlin immer wieder die Einsamkeit und Isolation heraus, die Rathenau als Person umgaben. Wir begegnen einem Mann, der zwar jeden kennt, aber mit niemanden befreundet ist. Hinzu kommt, dass Rathenau als vorbildliches Kind des Kaiserreichs zwar patriotisch-nationalistisch (und auch ein bisschen antisemitisch) eingestellt war, ihm als jüdischer Deutscher diese Vaterlandsliebe aber nie so ganz abgekauft wurde. Generell sind es Widersprüche wie diese, die Rathenau im Vergleich zu den gewaltekstatischen Möchtegern-Kreuzrittern in der Organisation Consul so interessant machen. Emblematisch hierfür ist Rathenaus enge Beziehung zum völkischen Journalisten und Germanenverehrer Wilhelm Schwaner, in dessen hakenkreuzverzierter, jüdischen Deutschen wie ihm definitiv nicht allzu freundlich gesinnter Zeitschrift er einige Artikel veröffentlichte. Laut Hüetlin waren sogar auf Schwaners Briefpapier kleine Hakenkreuze! Der Mann war seiner Zeit stiltechnisch weit voraus. Leider handelt Hüetlin diese paradox-faszinierende Beziehung auf knappen fünf Seiten ab. Wirklich ankreiden kann man das Hüetlin allerdings nicht, denn schon der Untertitel des Werkes Der Rathenaumord und der Beginn des rechten Terrors in Deutschland macht deutlich, dass es Hüetlin in erster Linie eben (leider!) nicht um Rathenau geht, sondern um dessen Tod und seine Relevanz für uns heute. Und so schließt Hüetlin sein Buch auch mit einem Kapitel ab, in dem er den Bogen spannt vom rechten Terror der ersten deutschen Republik zum rechten Terror der heutigen deutschen Republik. Der Unterschied zwischen damals und heute? Unsere heutigen Ehrhardts und Salomons sind in der Meinungsminderheit. Stellen wir sicher, dass es so bleibt.

Thomas Hüetlin: Berlin, 24. Juni 1922. Der Rathenaumord und der Beginn des rechten Terrors in Deutschland
Kiepenheuer & Witsch, 304 Seiten
Preis: 24,00 Euro
ISBN: 978-3-462-05438-5

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