Herzschmerz in der Stadt der Liebe

Salih Jamal: Blinder Spiegel; Cover: Septime Verlag

Wer ein Happy End erwartet, ist hier fehl am Platz: Salih Jamal erzählt in seinem neuen Roman Blinder Spiegel von der unmöglichen und tragischen Liebe zwischen der geheimnisvollen Elle und dem nach Freiheit strebenden Lui. Poetisch entführt uns der Autor in ein Paris, wie wir es alle kennen, in dem manchen Menschen das Glück jedoch verwehrt bleibt. Uns erwartet eine schmerzhafte Geschichte in fünf Akten.

von ALINA BRAUCKS

„Mein Name ist Lui, und das ist die Geschichte von Elle und mir.“ Der Fluglotse Lui, der sich selbst als Nomade bezeichnet, zieht von Stadt zu Stadt. Nirgends hält er es lang aus, er verliert die Orientierung (ob er ein guter Fluglotse ist, erfahren wir leider nie) und wandelt auf dem Weg der Freiheit, bis er eines Tages in Paris strandet. In einem Café trifft er auf Elle. Fast schicksalhaft scheint ihre Begegnung und ihr Wiedersehen, zu dem es ohne einen in der Métro verunglückten Pfadfinder wohl kaum gekommen wäre. So tragisch ihre Bekanntschaft beginnt, so tragisch verläuft sie auch – gut, dass die beiden das zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen. Heines Zitat „Es ist nicht der Tod, der trennt. Das Leben ist’s, das uns gewaltsam trennt,“ soll sich für Elle und Lui noch als zukunftsweisend herausstellen. Sie verlieben sich und beginnen eine Affäre, deren Geheimhaltung sich als nicht allzu schwierig herausstellt, da Elles Mann eher mit seinem Unternehmen und der Politik Frankreichs als mit ihr verheiratet zu sein scheint.

Museumsbesuche, Friedhofssex und Kindheitstrauma

That’s what lovestories are made of? Luis und Elles Liebesgeschichte beginnt zart. Doch das bleibt sie nicht lang: Zunächst besuchen sie noch händchenhaltend die Klimt-Ausstellung im Atelier des Lumières und im nächsten Moment gibt es Oralsex am Grabe der Callas auf dem Père Lachaise. Zwischen den beiden entsteht eine Körperlichkeit und eine sexuelle Dynamik, die für Lui manchmal erschreckend ist, in der sich jedoch beide verlieren und verlieben. Doch mehr noch als ihre körperlichen Begierden teilen sie ihre düsteren Gemüter: Lui ist getrieben von seiner Rastlosigkeit. Nach dem Tod seiner Mutter und der Verhaftung seines Vaters wuchs er in einem Heim auf und schafft es nie, irgendwo wirklich anzukommen. Seine Rastlosigkeit scheint er nur allzu häufig mit Freiheit zu verwechseln. Elle ist geprägt durch ihre narzisstische Mutter, von der sie sich auch nach deren Tod nicht befreien kann. Diesem lang erlebtem psychischem Missbrauch versucht sie mit Körperlichem entgegenzusteuern, nicht zuletzt durch eine Ehe mit extrem gefährlichen Machtgefällen – nicht nur im Schlafzimmer. Sie braucht den Schmerz, um dem eigenen Gefühl der Verlorenheit zu entrinnen, während Lui süchtig nach den Extremen ist, durch das er das Leben am gewaltigsten spürt. „Wir suchten beide das Leid, weil es nun mal so ist, dass sich die Lust dem Schmerz zuneigt, genau zwei Finger breit, bis kurz vor dem höchsten Punkt“ sind die Worte, mit denen Lui seine Beziehung mit Elle beschreibt. Man könnte meinen, so eine Liebe steht von Anfang an unter einem schlechten Stern – das tut sie auch. Zwei Menschen, die so sehr versuchen, durch Schmerz dem Menschsein für einen kleinen Moment zu entfliehen, dass Psycholog:innen einen riesigen Spaß dran hätten. „Gibt es Glück ohne Schmerz?“ Das scheint die essenzielle Frage des Romans zu sein, nach dessen Lesen man die Frage zu verneinen vermag. Doch was ist, wenn man es mit Figuren zu tun hat, die im Schmerz ihr Glück finden? Eine Frage, die sich Lui auch noch stellt, während er seine und Elles Geschichte aufschreibt und aus dem vergitterten Fenster seiner Gefängniszelle blickt. Wie er wohl dahingekommen ist? Das sei an dieser Stelle nicht verraten.

Poesie in fünf Akten

Mit seinen 113 Seiten hat Blinder Spiegel eher etwas von einer Novelle als einem Roman. Die Rastlosigkeit seines Protagonisten spiegelt sich in der rasanten Erzählweise des Autors wider. Als Drama in fünf Akten beschreibt Lui seine Liebesgeschichte und in seinen fünf Kapiteln (die man durchaus als Exposition, Steigerung, Höhepunkt, Retardation und Schluss interpretieren kann) gibt Salih Jamal alles, um dieser Geschichte so viel sprachliche Schönheit zu geben wie nur möglich. Verspielt, aber nicht kitschig wirken die Sätze, die zum Mehrfachlesen anregen. Gleich zu Beginn des Romans wird man in Jamals poetische Welt gezogen:

„Grüne Augen sind die seltensten der Welt, und man sagt, dass sie auch die schönsten sind. In ihnen schimmert hinter dem Grün ein leuchtendes Rotgold, und um das Schwarz der Pupillen stand ein brennender Kreis, der wenn sie mich lange und tief anblickte, flimmernd zitterte. Dann war es mir so, als stünde ich allein am Rande der Welt.“

Diese Bilder werden im Laufe zwar düsterer und melancholischer, aber auch leidenschaftlicher und verlieren nicht an Schönheit. Die Sexszenen – an denen es nicht mangelt – wirken fast konträr: Sie sind klar, unverblümt und ohne peinliche Umschreibungen erzählt. Es wirkt fast, als sei das schwer Verdauliche (Gedanken über Einsamkeit, traumatische Kindheiten, unheilvolle Liebe etc.) gehüllt in ein Poesie-Wattebällchen. Die reine Begierde kommt ohne aus. Wortgewaltige Sprache trifft auf unmissverständliche Ehrlichkeit.

Paris, wie wir es kennen und lieben

Atmosphäre wird bei Salih Jamal großgeschrieben. Cafés an jeder Ecke, die volle Métro, die Spitze des Eiffelturms, die Touristen auf dem Canal Saint-Martin, die Museen mit diversen Ausstellungen und der Wein zur Mittagsstunde – all das lässt uns nie vergessen, wo wir uns befinden und lässt uns eintauchen in die Pariser Bars mit ihren „Wirrwarr aus Stimmen“, dem „Zischen der mächtigen, chromblitzenden Espressomaschinen“ und dem Klimpern des Geschirrs, das über die Theke hinweg zu hören ist, während die Menschen entspannt ihren Kaffee trinken. Näher kommt man an Paris nur mit dem Zug oder Ihrem Reisemittel der Wahl. Auf wenigen Seiten gelangen wir vom dritten Arrondissement nahe des Marais, zur Bastille, über das Musée d’Orsay zum Vorort der Reichen und Schönen Saint-Cloud. Und ja, hier ist alles ein bisschen sehr Paris-Klischee. Das weiß auch Lui und dennoch: „Nirgends kann man größer träumen und das Sein und den Augenblick auf so vollendete Weise genießen wir hier.“ So ist Blinder Spiegel zwar ein kurzes Lesevergnügen – aber auf jeden Fall ein intensives.

Salih Jamal: Blinder Spiegel
Septime Verlag, 113 Seiten

Preis: 20,00 Euro
ISBN: 978-3-99120-010-9

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