Warum ein guter Erzähler noch keine gute Erzählung macht

Poljak Wlassowetz: Litiotopia; Cover: Kopf & Kragen Literaturverlag

In Bolivien wird das weiße Gold unserer Tage geschürft: Lithium. Nutznießer in Poljak Wlassowetz’ Roman Litiotopia ist die deutsche Familie Federmann, die bereits mit den ersten Konquistadoren das Land in Beschlag genommen hat. Der Kampf des jüngsten Familienzöglings Ferdinand Federmann verkommt jedoch zur Farce, weil Wlassowetz sich nicht entscheiden kann, ob er nun eine Dystopie schreiben will, einen Roman im Stile des magischen Realismus lateinamerikanischer Prägung – oder nicht doch lieber ein Hollywood-reifes Drehbuch.

von THOMAS STÖCK

Augenscheinlich hat Litiotopia alles, was ein guter Roman braucht: ein faszinierendes Setting, ein seine Zeit prägendes Thema und eine Sprache, die vermuten lässt, Poljak Wlassowetz habe einen Thesaurus verschluckt. In Bolivien entspinnt sich die Geschichte von Ferdinand Federmann, genannt Amaru. Der deutsche Nachfahre eines „Neokolonialisten“, wohnhaft in Berlin, wird Opfer eines Anschlags der „Bewegung 3. Juli“. Diese Bewegung führt seine Kindheitsliebe Tika an, um Männer wie Amarus Vater den Garaus zu machen. Auch Amaru ist dazu verleitet, sich ihnen anzuschließen. Die weltweit agierende Bewegung hat ihren Ursprung im Kampf des bolivianischen Volkes gegen die Fremdherrschaft, dem auch Tikas Vater zum Opfer gefallen ist. Amaru wiederum soll das bolivianische Volk in die Freiheit führen, weil er der Nachfolger ist von Amaru I., dem letzten Inkakönig, sowie von Amaru II., einem Unabhängigkeitskämpfer aus dem 18. Jahrhundert, die beide ihr Leben für den Kampf um die Freiheit gelassen haben.

Richtige Anlagen und falsche Verquickungen

Litiotopia birgt das Potenzial, ein herausragender Roman zu werden, denn gerade in sprachlicher Hinsicht gelingt Wlassowetz’ Ansatz, ein für uns leicht verständliches Bild der bolivianischen Gesellschaft zu zeichnen. Doch ein guter Romancier sollte auch ein guter Baumeister sein, denn sonst bricht das Handlungsgerüst schnell in sich zusammen. Im ersten Kapitel erweckt der Roman noch den Eindruck, er sei eine Dystopie in nicht allzu ferner Zukunft: In Berlin im Jahre 2029 setzt die Handlung ein. Amarus Kampf gegen seinen Vater könnte also in eine realistisch gezeichnete Gesellschaft führen, in der die Auswüchse des Kapitalismus auf die Spitze getrieben werden.

Doch dem ist nicht so. Die vermeintlich genaue zeitliche Situierung bricht schnell in sich zusammen, da Wlassowetz uns die bolivianische Kultur als einen Ort verkauft, an dem Traum und Realität zu nah beieinanderliegen, als dass man sie unterscheiden könnte. In einigen Szenen erweckt der Autor den Eindruck, sich am magischen Realismus von Persönlichkeiten wie Gabriel García Marquez zu orientieren, und damit weckt er zunächst große Hoffnungen. Doch entpuppen sich magischer Realismus und Dystopie schnell als unvereinbar. Der Kniff, sich einen unzuverlässigen Erzähler auszuwählen, unterminiert das Nachzeichnen einer ausgebeuteten Gesellschaft, denn bei einem unzuverlässigen Erzähler kann man sich nicht sicher sein, ob das, was er erzählt, auch die Wahrheit ist. Ich wage zu behaupten, dies entspricht nicht dem Anliegen von Litiotopia.

Ein allzu politischer Roman

Ein weiteres Problem zeigt sich in der Politisierung des Plots. Wlassowetz hat als Begleitung zu Litiotopia ein Manifest für ein gutes Leben verfasst. Im Untertitel schließt dieses Manifest an die „Bewegung 3. Juli“ an, spricht sich aber immerhin von den Gewaltexzessen los, die die Romanwelt aus ihren Fugen hebt. Der Autor möchte sein Werk also auch als politisches Statement verstanden wissen, wenngleich nicht alles wörtlich aufzufassen ist. Die auffallende zeitliche Nähe zu unserer Gegenwart verleitet Wlassowetz jedoch auch dazu, zeithistorische Persönlichkeiten wie den 2019 aus dem Amt geschiedenen bolivianischen Präsidenten Evo Morales in Erscheinung treten zu lassen. „Hermano Evo“, wie sein „Kosename“ lautet, wird von Figuren wie Tika und Amaru regelrecht verherrlicht. Im Figurenglossar wird zu Morales lediglich erwähnt, dass er dem „Lithiumputsch“ zum Opfer gefallen sein soll.

Tatsächlich ist das nur die halbe Wahrheit. Morales kandidierte 2019 nämlich zum vierten Mal für das Präsidentenamt, obwohl laut bolivianischer Verfassung nur zwei Amtszeiten vorgesehen sind. Durch die Opposition und in der Bevölkerung kam es zudem aufgrund von Wahlunregelmäßigkeiten zu Protesten gegen ihn, die einen Militärputsch zur Folge hatten. 2020 konnte Morales in seine Heimat zurückkehren, weil unterdessen sein Parteifreund Luis Arce Präsident wurde. Seit 2006 gibt es also weitestgehend politische Kontinuität in Bolivien. Trotz Morales’ indigener Herkunft – natürlich das Identifikationsmerkmal für Figuren wie Tika – weht ihm aus diesem Bevölkerungsteil auch einige Kritik entgegen, weil er sich vornehmlich für die Interessen der Coca-Bauern einsetzt. Um deren Stimmanteile zu behalten, sprach er sich 2019 beispielsweise auch für eine Brandrodung des Amazonas aus – der augenscheinlich dieser Tage seinem Kipppunkt entgegenbrennt. Morales, dieses Flaggschiff der Demokratie- und Umweltschutzbewegung, reiht sich in die Romanhandlung ein mit anderen „sozialistischen“, lateinamerikanischen Regenten wie die Diktatoren Nicolas Maduro (Venezuela) und Fidel Castro (Kuba). Ihr Auftauchen an sich ist logischerweise nicht verwerflich, doch werden die Figuren als Vorbilder für den Protagonisten eingeführt, der wiederum ein heldischer Befreier des einfachen Volkes sein soll. Da bringt es auch wenig, wenn Amaru in einem Nebensatz wenigstens erkennt, dass deren Gewalttaten nicht unbedingt seinem Gusto entsprechen.

Wenn eine Erzählung ihre Magie verliert

Doch nicht nur in politischer Sicht trifft Amaru fragwürdige Entscheidungen. So folgt gleich der nächste Kritikpunkt: Die Figuren sind einfach schlampig gezeichnet. Litiotopia verliert sich in der Plattitüde des Erzschurken, den Amarus Vater mimen soll – dabei tritt er abseits der Figurenrede gar nicht in Erscheinung. Die Ausdeutung seines Charakters wird uns immer von anderen Figuren in den Mund gelegt. Seine Betitelung als „Neokolonialist“, der die bolivianische Bevölkerung versklaven würde, lässt wenig Spielraum für uns, selbst über die Figuren zu reflektieren. So ist Tika die weibliche Ikone, der Amaru sich zu Füßen wirft. Eigentlich ist klar, dass Amaru gern wie sie wäre. Warum der Roman trotzdem 400 Seiten lang ist, liegt daran, dass Amaru sich nicht entscheiden kann, ob er jetzt wirklich für das Gute kämpfen oder sich doch von der bösen Seite zu einem angenehmen Leben als Ausbeuter hinreißen lassen will. In seinem Charakter ist seine Hinwendung zum väterlichen Imperium zwar nicht begründet – aber was soll’s! Wäre ja auch zu schön, wenn die Figuren nicht bloß Strichmännchen wären, sondern auch tatsächlich Hand und Fuß haben.

Es ist wirklich schade, dass Wlassowetz sein Potenzial für ein politisches Statement verschwendet, das in seinen Grundzügen – der Kampf für die Selbstbestimmung von Unterdrückten – so wahrscheinlich von jedem von uns unterschrieben werden würde. Zu diesem Zweck vollzieht er einen Parforceritt durch die bolivianische Geschichte. Natürlich hängt alles zusammen: Die „Federmänner“ beuten die Bolivianer seit der Ankunft der Konquistadoren aus, Amaru stammt also unmittelbar von ihnen ab. Gleichzeitig ist in seinem Namen angelegt, dass er zu gleichen Teilen den Unterdrückten angehört. Für das passende Hollywoodende darf natürlich auch die Lovestory mit Tika nicht fehlen. Der Auserwählte verliebt sich, muss Prüfungen bestehen und wird von einem Weisen gelehrt, was er zu tun hat. Auf Star Wars lässt Wlassowetz dann Shutter Island folgen, denn – Spoiler alert! – Tika wird im Zuge ihres Anschlags von einem Kriminalkommissar verhört. Dieser entpuppt sich als Amarus Psychiater, denn – wie könnte es anders sein? – Tika und der Kriminalkommissar sind eigentlich Amaru und dessen drogeninduzierte Fantasterei. Sollen wir also wirklich alles zuvor Passierte als Drogentrip abtun?

In diesem Roman steht der gesamte Plot auf tönernen Füßen – und doch habe ich Hoffnung, dass Wlassowetz nochmal einen Text schreibt, der ihm besser gelingt. Die atmosphärisch starken Passagen, die mich zunächst eine waschechte Dystopie vermuten ließen, gepaart mit dem sprachlich angenehmen Zugang lassen mich hoffen, dass ein nächstes Projekt ein anderes Ende nimmt. Das ist aber voraussetzungsreich: tiefschürfendere Charaktere, die sich in authentischeren Dialogen unterhalten; der Fokus auf vielleicht nur ein Genre; das Auslassen von Hollywood-eskem Erzählen. Denn eine gute Erzählung ist eben doch mehr als ihr Erzähler.

Poljak Wlassowetz: Litiotopia. Roman
Kopf & Kragen Literaturverlag, 412 Seiten
Preis: 26,00 Euro
ISBN: 978-3-949729-02-7

Ein Gedanke zu „Warum ein guter Erzähler noch keine gute Erzählung macht

  1. Pingback: Die unerklärliche Lächerlichkeit der Zeit | literaturundfeuilleton

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s