Mama, ich begrabe dich

Scholastique Mukasonga: Frau auf bloßen Füßen; Cover: Peter Hammer Verlag

In Frau auf bloßen Füßen erschreibt sich Scholastique Mukasonga den Grabstein für ihre Mutter, den sie ihr nie setzen konnte. Denn ihre Mutter Stefania fiel – wie Mukasongas gesamte Familie und über 800.000 andere Tutsi – dem Völkermord in Ruanda 1994 zum Opfer. Ihre Kindheit lässt Mukasonga in dieser Biografie wiederauferstehen: Traditionen und Aberglaube, die aufkommende Globalisierung – und inmitten dessen die ruandischen Tutsifrauen und die allgegenwärtige Todesangst.

von THOMAS STÖCK

Was, wenn man nicht die eigene Mutter begraben kann? Scholastique Mukasongas Mutter hat ihr und ihren Schwestern stets eingeschärft, dass sie ihren Leichnam niemals unbedeckt lassen dürfen. Anderenfalls würde sie dieses Versäumnis ihren Lebtag verfolgen. Damit sollte die Mutter Recht behalten. Als Stefania, so heißt Mukasongas Mutter, ihr Leben lässt, tobt ein blutiger Konflikt in ihrer beider Heimat: In etwa 100 Tagen werden nach Schätzungen der UN mehr als 800.000 Tutsi durch die Bevölkerungsmehrheit der Hutu abgeschlachtet. Die offizielle ruandische Regierung schätzt gar über eine Million Tote, die unter Einbeziehung der Opfer des gleichzeitig tobenden Bürgerkriegs – auch hier kämpft die Partei der Mehrheitsbevölkerung gegen im Exil lebende Tutsi – nicht unrealistisch scheint. Der Genozid an der ruandischen Minderheit steht in einer Reihe mit den anderen großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Das nach Auschwitz proklamierte „Nie wieder!“, es hat versagt. Die Welt schaute zu, als Stefania und Hunderttausende weitere Ruander abgeschlachtet wurden. Trotz der Systematik und Strukturiertheit im Handeln der Täter (oder gerade deswegen?) gingen diese unvorstellbar grausam vor. Ich bitte Sie an dieser Stelle, vor diesem Grauen nicht die Augen zu verschließen, sondern zu lesen, welches Schicksal Stefania laut ihrer Tochter vielleicht ereilt hat:

„Vielleicht haben die Mörder um ihren Leichnam herumgestanden, den ihre Macheten zerstückelt hatten. Vielleicht haben von Menschenblut trunkene Hyänen und Hunde sich an ihrem Fleisch satt gefressen. Ihre armseligen Überreste haben sich in der Pestilenz des riesigen Massengrabs im Völkermord aufgelöst, und heute, aber auch das weiß ich nicht, sind sie möglicherweise im Durcheinander eines Beinhauses nur Knochen zwischen Knochen, Schädel zwischen Schädel.“

Im Land der Vertriebenen

Frau auf bloßen Füßen thematisiert jedoch nicht den Genozid von 1994, sondern das gemeinsame Leben von Mukasongas Familie in ihrer Kindheit. Im Zentrum von Mukasongas biografischen Anekdoten steht das Leben in der Bugesera, einer sumpfigen Region, in die Binnenflüchtlinge nach der Unabhängigkeit 1962 migrieren mussten. Ihre Heimat wurde häufig angezündet. Bei den Flüchtlingen handelte es sich um Tutsi, eine Bevölkerungsminderheit, die häufig mit Viehhaltern gleichgesetzt wurde (und teils noch wird). In der präkolonialen Ära waren Hutu, Tutsi und Twa soziale Kategorien. Diese waren veränderbar, wer Tutsi war, konnte auch Hutu werden. Erst mit der Ankunft von europäischen (insb. deutschen) Pseudowissenschaftlern wurden diese Kategorien fälschlicherweise als Ethnien wahrgenommen – und die Kolonialherrscher nutzten die Rassenideologie, um eine indirekte Herrschaft auszuüben. Die Pseudowissenschaftler behaupteten, Tutsi seien ursprünglich ein hamitisches Volk aus Äthiopien, halb jüdisch und halb arisch, die Hutu hingegen seien ein Bantuvolk. In diesem wie in anderen Fällen wurden im Namen der Wissenschaft unfassbaren Verbrechen der Weg geebnet.

Mukasongas Familie lebte im Flüchtlingslager in der Bugesera nicht nur in prekären Verhältnissen, sondern auch in der ständigen Angst vor Übergriffen von Hutu-Soldaten. Stefanias Ängste, die uns bereits vor Augen geführt wurden, sind der ständige Begleiter dieser Familien, die jeden Abend um ihr Leben fürchten müssen. Die Vertreibungsaktionen waren bereits von Tötungen begleitet und bis 1994 kommt es immer wieder zu gewalttätigen Übergriffen gegen die Tutsi-Minderheit. Mukasonga ergriff 1973 die Flucht in das Nachbarland Burundi – nur deshalb kann sie heute überhaupt noch schreiben.

Ruanda auf bloßen Füßen – das Schuhwerk ist nicht weit

Man wird der ruandischen Autorin jedoch nicht gerecht, wenn man ihr Heimatland einzig auf die Verbrechen von 1994 reduziert. Mukasongas wesentliche Anstrengung ist es, die Bräuche und Traditionen in ihrem Heimatland durch ihre Geschichten wieder lebendig werden zu lassen. Das zeigt sich an ihren Romanen wie dem 2012 mit dem Prix Renaudot prämierten Roman Die Heilige Jungfrau vom Nil (Orig.: Notre-Dame du Nil) ebenso wie in ihren ruandischen Novellen L’Igifou, die leider noch nicht ins Deutsche übersetzt wurden. Und auch in Frau auf bloßen Füßen entführt uns Mukasonga in eine uns ferne Welt mit ihren Eigenheiten. Wir lernen, dass es als beschämend gilt, sich beim Essen zu zeigen. Ruandische Väter essen nicht mit ihren Kindern, damit ihnen die Schmach erspart bleibt, mit offenem Mund gesehen zu werden. Stattdessen haben sie eine extra hierfür eingerichtete Nische in ihren spärlich eingerichteten Wohnungen. Eine weitere augenfällige Besonderheit ist der Brauch, dass sich heiratsfähige Frauen ihre Haare zu einem amasunzu drapieren müssen. Doch zeigt sich an diesem Beispiel gleichfalls die einsetzende Globalisierung des ruandischen Alltags – Mukasonga musste nie eine solche Frisur tragen, stattdessen begann sie zu ihrer Schulzeit damit, sich ihre Haare zu glätten, um europäisch und somit fortschrittlich auszusehen. Weil sie sich natürlich keinen Lockenstab oder ähnliche Gerätschaften leisten kann, bügelt sie sich die Haare.

Aus der Not machen die Menschen in der Bugesera häufig eine Tugend. Zugleich greifen sie in ihrem Alltag auf althergebrachte Rituale zurück, die sich durch alle Bereiche des Lebens ziehen. Obwohl Ruanda auch in den 1960ern weitgehend christianisiert war, zeigt sich in Frau auf bloßen Füßen der traditionelle Glaube an allen Ecken und Enden. Das große Gemeinschaftsgefühl in der Nachbarschaft, das sich beispielsweise bei den gemeinsamen Ernten zweimal im Jahr zeigt, tritt immer dann zurück, wenn die Dorfbewohner glauben, auf jemandem laste ein Fluch. Mukasonga erzählt, wie Stefania Mondbutter vergrub. Dabei handelt es sich in der ruandischen Vorstellungswelt um Tränen des Mondes, die sich auf den Blättern von Rizinusbäumen sammeln und ein böses Omen seien. Wie die Zähne unehelicher Kinder müsse man diese Mondbutter in einem Schlangenloch vergraben, um Unheil abzuwenden. In vielen weiteren Episoden zeigt Mukasonga das Wissen auf, welches ruandische Mütter an ihre Töchter vermittelten. Dieses Wissen betraf alles von der persönlichen Hygiene über die Arbeit auf dem Feld hin zum Kernbestandteil des Lebens einer ruandischen Frau, der Hochzeit und der anschließenden Mutterschaft.

Wenn ein Laib Brot das Höchste ist

Die Subsistenzwirtschaft in den Flüchtlingsgebieten ging zu dieser Zeit so weit, dass sich ein Großteil der Bevölkerung kein Brot leisten konnte. Für Schülerinnen wie Mukasonga bedeutete dies, dass sie für herausragende schulische Leistungen mit einem Laib Brot belohnt wurden. Die Mangelernährung vieler Kinder ist im Buch allgegenwärtig. Sie ist nur eine von den vielen Schrecken, die den Alltag der Tutsibevölkerung auszeichneten. Und doch gelingt Mukasonga mit Frau auf bloßen Füßen, so etwas wie eine Glückseligkeit im Alltag von Stefania und ihren Nachbarn aufzuzeigen. Stefania genießt beispielsweise hohes Ansehen in der Nachbarschaft, weshalb sie als Heiratsvermittlerin zu Rate gezogen wird. Ein Amt, das ihr natürlich schmeichelt. Und auch das Lächeln umspielt hier und da die Wangen dieser gebeutelten Frauen.

Am Ende dieser Erzählung steht jedoch der Tod. Der Tod von so vielen Menschen, der Mukasonga bis heute verfolgt und von dem sie uns erzählt. Den sie aus ihren Geschichten manches Mal ausspart und doch jedes Mal aufs Neue wieder einfängt. Das französische Original von Frau auf bloßen Füßen erschien bereits im Jahre 2008. 14 Jahre hat es gedauert, bis der erfolgreichsten ruandischen Autorin auch auf Deutsch Gehör verliehen wurde und wir an der Grablegung ihrer Mutter Stefania teilhaben konnten. Liebe Frau Mukasonga, bitte hören Sie niemals auf zu erzählen.

Scholastique Mukasonga: Frau auf bloßen Füßen. Aus dem Französischen von Gudrun und Otto Honke
Peter Hammer Verlag, 160 Seiten
Preis: 22,00 Euro
ISBN: 978-3-7795-0678-2

Ein Gedanke zu „Mama, ich begrabe dich

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