Der verführerische Klang rostiger Wasserrohre

Tove Ditlevsen: Gesichter; Cover: Aufbau

Nachdem 2021 mit der hochgelobten Kopenhagen-Trilogie (Kindheit, Jugend und Abhängigkeit) ein regelrechtes Tove-Ditlevsen-Jahr im deutschsprachigen Feuilleton gefeiert wurde, ging es im Februar dieses Jahres schon mit der nächsten Neuübersetzung und Veröffentlichung aus dem Œuvre der 1976 verstorbenen dänischen Autorin weiter. Gesichter (dän. Originaltitel: Ansigterne, erstmals veröffentlicht 1968) erzählt die Geschichte einer gefeierten Kinderbuchautorin mit Schreibblockade, Eheproblemen – und jeder Menge schauriger Paranoia.

von CARO KAISER

Nach meiner Lektüre der Neuübersetzung von Tove Ditlevsens Roman Gesichter schwirrte mir ein grausiges Zitat vom seligen deutschen Literaturpapst, dem großen Marcel Reich-Ranicki, im Kopf: „Wen interessiert, was die Frau denkt, was sie fühlt, während sie menstruiert? Das ist keine Literatur – das ist ein Verbrechen.“ Als Frau sowohl mit Menstruationszyklus als auch Gedanken (und keinem Eintrag im Vorstrafenregister!) fehlen mir bei dieser „Literaturkritik“, die Reich-Ranicki beim ersten Ingeborg-Bachmann-Preis 1977 der vortragenden Autorin Karin Struck gab, schlichtweg die Worte. Zwei Dinge weiß ich trotzdem anzumerken: Erstens – die deutsche Gesellschaft weiß gar nicht, wie dankbar sie Herrn Reich-Ranicki dafür sein muss, dass er vor #MeToo und dem medialen Trubel rundum Menstruationstassen das Zeitliche gesegnet hat. Äußerst unangenehme öffentliche Debatten wurden zweifelsohne hierdurch umgangen. Nun soll man nichts Schlechtes über die Toten sagen und ich komme daher zu zweitens: frauenfeindliche Literaturkritiker sind wahrlich zu bemitleiden. Stellen Sie sich vor, sie lesen einen grandiosen Roman wie Tove Ditlevsens Gesichter und Sie können ihn gar nicht fachgerecht bewerten (geschweige denn genießen), weil Sie wissen, dass Tove ein weiblicher Vorname ist, und weil die Protagonistin auch noch eine Frau ist! Pfui! Weg damit! Man bringe mir Stefan George! Glücklicherweise bin ich weder frauenfeindlich noch Literaturkritiker (sondern Literaturkritikerin). Deshalb kann ich Ihnen auch erzählen, warum Gesichter so großartig ist.

Trautes Heim, Unglück allein

Lise Mundus ist eine erfolgreiche, preisgekrönte Kinderbuchautorin, die mit ihrem letzten Roman aber ein erwachsenes Publikum angesprochen hat und seitdem sehr bekannt ist in der dänischen Gesellschaft. Mit ihrem zweiten Ehemann Gert, ihren drei Kindern und dem Hausmädchen Gitte wohnt sie in Kopenhagen und hat das Privileg, von ihrer großen Leidenschaft, dem Schreiben, leben zu können. Wenn sie denn schreiben würde. Seit zwei Jahren setzt sie sich jeden Morgen an ihre verstaubte Schreibmaschine und tut – nichts. Ähnlich erfolgreich ist ihre Ehe mit Gert, der sie mit Grinsen und regelmäßiger Berichterstattung über seine außerehelichen Sexualaktivitäten betrügt (unter anderem mit dem Hausmädchen) und auch sonst kein offenes Ohr hat für die offensichtlichen psychischen Schwierigkeiten seiner Frau. Denn Lise hat nicht nur eine Schreibblockade, sie hat auch Schlafprobleme, sie war vor einigen Jahren bereits in psychotherapeutischer Behandlung und sie ist im Begriff, paranoid zu werden. Ist sie im Badezimmer, hört sie aus den rostigen, überirdischen Wasserrohren die Stimmen der anderen Familienmitglieder, hört sie sagen, wie froh sie wären, wenn Lise sich endlich umbringen würde. Um ihrer Familie eins auszuwischen, schluckt Lise eine tödliche Menge Schlaftabletten und ruft sofort einen Krankenwagen, damit sie den Suizidversuch überlebt. Das tut sie tatsächlich, doch der wahre Schrecken kommt erst noch: Lise hat nach ihrem Erwachen im Krankenhaus eine Psychose und wird auf die geschlossene psychiatrische Abteilung verlegt, wo ihr Realitätssinn weiter abbaut. Der melancholische Künstlerinnenroman wird zur surrealen Schauergeschichte.

Ein unentdecktes Horrortalent?

Diese surreal-schaurige Qualität des Romans zeigt sich bereits in den ersten Kapiteln. Ein Beispiel:

„Wenn man Menschen begegnet, die man seit Jahren nicht gesehen hatte, waren deren Gesichter verändert; fremd, gealtert, ohne dass sie daran gehindert worden waren. Ihre Besitzer hatten nicht darauf achtgegeben, die Gesichter waren ihren schützenden Händen entglitten, die sie eigentlich über Wasser halten sollten wie Ertrinkende. Sie hatten, weil sie mit anderen Dingen beschäftigt waren, nicht auf dieses Gesicht aufgepasst, und so war es erst im letzten Moment durch ein neues ersetzt worden; gestohlen von einer Schlafenden oder Toten, die nun zusehen musste, wie sie ohne es zurechtkam.“

Personen, die morgens ohne Gesicht aufwachen, weil es ihnen im Schlaf gestohlen wurde und jetzt läuft jemand anderes damit herum? Wenn mir jemand sagen würde, dass das die Prämisse eines Werks des Heiligen der japanischen Horrormangas Junji Ito ist, ich würde fachmännisch nicken und sagen: „Jaja, den wollte ich schon immer mal lesen.“ Bilder wie diese können Lesende traurig zurücklassen: An Ditlevsen scheint eine vorzügliche Horrorautorin verloren gegangen zu sein. Die Szenen in der geschlossenen psychiatrischen Abteilung lassen Sylvia Plaths phänomenal-verstörenden The Bell Jar (1963) wie einen schiefgelaufenen Wellness-Urlaub aussehen. The Bell Jar und Sylvia Plath wirken überhaupt wie ein US-amerikanisches Spiegelbild zu Gesichter und Tove Ditlevsen: In beiden Fällen handelt es sich um autobiografische Romane aus den 1960ern, die sich mit dem Suizidversuch und anschließendem Klinikaufenthalt einer Frau beschäftigen und deren Autorinnen hervorragende Lyrikerinnen waren und ihrem Leben selbst frühzeitig ein Ende bereitet haben. Was ich sagen möchte: Wenn Sie Plath mögen, wird Ihnen auch Ditlevsen zusagen.  

Mehr ist mehr

Ditlevsen wird Ihnen auch zusagen, wenn Sie vom rhetorischen Mittel des Vergleiches gar nicht genug bekommen können. Ditlevsen und das Wörtchen „wie“ sind wie Romeo und Julia, wie Zartbitterschokolade und Marzipan, wie der Deutsche und sein Grillwürstchen – es ist Liebe. Hier ein paar meiner persönlichen Favoriten:  

„Jeden Abend, wenn [die Mädchen] ihr Zimmer aufräumten, mussten sie ihre Gedanken für die Nacht einfangen wie Vögel, die man in ihren Käfig lockt.“

„Als sich Asger vor zehn Jahren von ihr trennte, hinterließ er einen ganzen Vorrat an Wörtern und Haltungen und Denkweisen in ihr, wie einen vergessenen Koffer in einer Gepäckaufbewahrung.“

„[B]isweilen [schimmerte] das ursprüngliche Gesicht darunter hervor, wie wenn sich eine alte Tapete löst und stellenweise die überklebte Schicht freigibt, die noch frisch und gut erhalten ist und voller Erinnerungen an die früheren Bewohner.“

Ditlevsen schmeißt mit diesen melancholischen, bildlich sehr eindrücklichen „wie“-Vergleichen um sich wie stark alkoholisierte Rheinländer in Verkleidung mit Kamelle gut 40 Tage vor Ostern (wenn keine Pandemie ist oder Krieg in Europa). Auf einer Seite gönnt sich Ditlevsen nicht selten vier bis fünf Verwendungen ihrer stilistischen Lieblingsfigur. Man mag das als repetitiv oder hemmungslos bezeichnen, gar als schlechten Stil. Aber wenn man etwas gut kann, warum nicht? Manchmal ist nicht weniger mehr, sondern mehr ist mehr. Oder würden Sie Agatha Christie vorwerfen, dass sie zu viele Krimis geschrieben hat? Und trotz der hohen Frequenz an ausschweifenden „wie“-Vergleichen, schafft es Ditlevsen, auf den nur 160 Seiten von Gesichter, eine Fülle an Themen anzuschneiden und zu diskutieren: der abschätzige Blick vieler Literaturkritiker auf Kinderbücher und auf die Menschen, die sie schreiben; die LSD-Kultur der 1960er Jahre; das Älterwerden in einer Gesellschaft, die Frauen nur für ihre Jugend achtet; der Konflikt zwischen literarischem Erfolg und dem Wunsch nach Unbekanntheit und Privatsphäre; elterliche Selbstvorwürfe, wenn man eines seiner Kinder mehr liebt als die anderen; zwielichtige Ärzte und Psychiater; Ehemänner, die ihre erfolgreichen Ehefrauen verachten. Für einen Roman, der vermutlich zu großen Teilen aus Marketinggründen nicht Novelle genannt wird, wird den Lesenden einiges zum Nachdenken und, für besonders Eifrige, auch Nachrecherchieren geboten (hier sei auch auf das äußerst lesenswerte Nachwort der Übersetzerin Ursel Allenstein verwiesen!).

Eine Sache, über die Ditlevsen allerdings nicht schreibt, sind die Gedanken, die sie hat, während sie menstruiert. Aber wissen Sie was? Ich würde das lesen. Mit Vergnügen und ohne Strafanzeige.

Tove Ditlevsen: Gesichter. Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein
Aufbau, 160 Seiten
Preis: 20,00 Euro
ISBN: 9783351039387

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