„Filmmaking is the only career for a lazy man“

Aki Kaurismäki im Jahre 1990. © Gorup de Besanez

Aki Kaurismäki – Lieblingsregisseur sämtlicher Programmkinobesitzer dieser Welt – wird heute 65 Jahre alt. Der finnische Regisseur, der bekannt ist für seine sozialkritischen, staubtrocken-humorigen, dialogarmen und popmusikreichen Filme, gilt vielen als Beweis, dass eine extravagante Ausbildung an exklusiv-elitären Filmschulen alles andere als ein Garant für einen guten Filmschaffenden ist. Lakonisch, aber selten um ein politisches Statement verlegen, macht Kaurismäki die beste Werbung für die finnische Filmkunst und die schlechteste Werbung für sein Heimatland allgemein.

von CARO KAISER

In einem äußerst lesenswerten Interview mit dem Filmblogger Philip Concannon aus dem Jahr 2012 lässt Aki Kaurismäki den bemerkenswerten Satz fallen: „Filmmaking is the only career for a lazy man.“ Der Satz ist nicht nur bemerkenswert, weil die Filmkunst bekanntlich ziemlich zeit- und kostenintensiv ist, sondern auch, weil er aus dem Mund eines Mannes kommt, der allein 1990 zwei Spielfilme gedreht hat. In den gesamten 1990er Jahren hat Kaurismäki bei sieben Spielfilmen, einer Dokumentation und vier Kurzfilmen Regie geführt und das Drehbuch geschrieben. Bei weniger emsigen Regisseuren ist das ein ganzes Lebenswerk! Zugegebenermaßen hat Kaurismäki seinen künstlerischen Output in den 2010ern deutlich reduziert mit lediglich zwei Spiel- und zwei Kurzfilmen. Nach der Veröffentlichung seines letzten Films Die andere Seite der Hoffnung (Orig.: Toivon tuolla puolen) 2017 hat Kaurismäki sogar sein Karriereende angekündigt. Das hat er 1994 schon einmal getan, aber bislang hält sich der Mann aus Südfinnland dieses Mal an seinen Vorsatz.

Wer braucht schon einen Oscar, wenn man gute Filme macht?

Anders als bei einigen weltweit berühmten Regisseuren hat Kaurismäki sein filmisches Handwerk nicht an einer Filmschule gelernt. An der Universität Tampere studierte er Literatur- und Kommunikationswissenschaft und hielt sich die Jahre danach mit Gelegenheitsjobs über Wasser, schrieb Filmrezensionen für Magazine. Wer allerdings sehr wohl an einer Filmschule gelernt hat, ist Kaurismäkis älterer Bruder Mika (der übrigens noch filmisch aktiv ist). 1981 schloss dieser sein Filmstudium an der Hochschule für Film und Fernsehen München mit dem Film Der Lügner (Orig.: Valehtelija) ab. Drehbuchautor und Hauptdarsteller? Sein jüngerer Bruder Aki. Nur zwei Jahre später feiert dann auch dieser sein Regiedebüt mit einer modernen Reinterpretation von Fjodor Dostojewskis Roman Verbrechen und Strafe. Mit dem stilistischen und schauspielerischen Minimalismus seiner Regieführung, dem trocken-skurrilen, wortkargen Humor seiner Drehbücher und dem warmherzigen Blick, mit dem Kaurismäki Menschen am Rande der respektablen Gesellschaft porträtiert, hat sich der Finne zu einem der Filmemacher des europäischen Autorenfilms der 1980er bis 2000er hochgefilmt. Dabei war sich Kaurismäki nie zu schade, die Chance auf prestigeträchtige Preise aufzugeben, um für seine politischen Meinungen einzustehen. Als sein Film Der Mann ohne Vergangenheit (Orig.: mies vailla menneisyyttä) 2003 bei den Oscars für den besten fremdsprachigen Film nominiert war, weigerte sich Kaurismäki aus Protest gegen den von den USA kurz zuvor begonnenen Irakkrieg, die Veranstaltung zu besuchen. Drei Jahre später war der Irakkrieg zwar offiziell beendet, Kaurismäki aber weder zum USA- noch zum George W. Bush-Fan geworden, und gab der finnischen Filmkammer nicht die Erlaubnis, seinen Film Lichter der Vorstadt (Orig.: Laitakaupungin valot) als offiziellen finnischen Beitrag bei den Oscars einzureichen, obwohl die Filmkammer sich bereits für Kaurismäkis Werk entschieden hatte.  

Zeitkapseln aus einem ehemaligen nordischen shithole

Nicht nur abseits des Filmsets ist Kaurismäki für seine politische Ader bekannt. Die Protagonisten seiner Filme sind meist Menschen, die die Gesellschaft in ihrem Leid und ihrer Aussichtslosigkeit vergessen hat. Aus heutiger Sicht besonders faszinierend sind dabei die Filme aus Kaurismäkis Werk, die in der finnischen Hauptstadt Helsinki spielen. Sind Helsinki und Finnland heutzutage in den Nachrichten, ist es meist positiv – fast schon utopisch – und lässt den eigenen Glauben an die Menschheit wieder ein wenig aufflammen: So gut wie keine Obdachlose mehr, eine von der Regierung geförderte Studie zum bedingungslosen Grundeinkommen, eine gerade aus deutscher Sicht beneidenswert fortgeschrittene Digitalisierung der Schulen, Pisa-Streber und das ewige glücklichste Volk der Welt. Manchmal klingt Finnland zu gut, um wahr zu sein. Schaut man sich aber Kaurismäkis Filme aus 80ern, 90ern und frühen 2000ern an, bekommt man das genau gegenteilige Bild präsentiert: eine gefühlskalte Gesellschaft in einer hässlichen, eisigen, verarmten Stadt. Der Wohlfahrtsstaat hat Urlaub! Man möchte überall sein, aber bloß nicht in Helsinki. Viele Helsinkifilme von Kaurismäki enden mit der Auswanderung der Protagonisten (so zum Beispiel Ariel, den ich an dieser Stelle wärmstens empfehle). Wenig verwunderlich, dass Kaurismäki selbst schon seit Jahrzehnten in Portugal lebt. Auch wenn dieses Bild von Helsinki als abgestandener Ranzbude heute etwas verwunderlich wirkt, haben sie einen wahren Kern: Lange Zeit war Helsinki die Armutshauptstadt Nordeuropas, gerade nach der Auflösung des Ostblocks, mit dem Finnland enge wirtschaftliche Beziehung gepflegt hatte. Kaurismäkis Filme sind wie eine Zeitkapsel zurück in diese trostlose Epoche. Ob Sie nach Finnland reisen sollten, um zu schauen, ob es heute auch noch so ist? Kaurismäki, der ewig Grummelige, hat eine ernüchternde Antwort: „Don’t go. Life is boring enough.“ Vielleicht ist die finnische Tourismusbranche ganz froh, dass Herr Kaurismäki im Ruhestand ist.

Meine Empfehlungen:

Ariel (1988)
Regie und Drehbuch: Aki Kaurismäki
Darsteller: Turo Pajala, Susanna Haavisto, Matti Pellonpää
Laufzeit: 73 Minuten

Das Mädchen aus der Streichholzfabrik (1990)
Regie und Drehbuch: Aki Kaurismäki
Darsteller: Kait Outinen, Elina Salo, Esko Nikkari, Vesa Vierikko
Laufzeit: 68 Minuten

Wolken ziehen vorüber (1996)
Regie und Drehbuch: Aki Kaurismäki
Darsteller: Kati Outinen, Kari Väänänen, Elina Salo
Laufzeit: 96 Minuten

Der Mann ohne Vergangenheit (2002)
Regie und Drehbuch: Aki Kaurismäki
Darsteller: Markku Peltola, Kati Outinen, Kaija Pakarinen, Juhani Niemelä
Laufzeit: 97 Minute

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