Ich denke, doch wer bin ich?

Yannic Han Biao Federer: Tao; Cover: Suhrkamp

In Yannic Han Biao Federers Roman Tao schwingt sich der gleichnamige Protagonist dazu auf, der Vergangenheit seines chinesischstämmigen Vaters nachzuspüren. In Deutschland sind es insbesondere seine Mitmenschen, die sich für seine vermeintlich wahre Herkunft interessieren – sehr zum Leidwesen Taos. Eine handwerklich gut gemachte Erzählung, deren hyperrealistische Aufmachung jedoch nicht jedermanns Sache sein dürfte.

von THOMAS STÖCK

Ein junger Deutscher namens Tobi lebt seit kurzem von seiner (nunmehr Ex-)Freundin Miriam getrennt. Tobi, das ist eigentlich Tao – doch kennen ihn nur die wenigsten unter seinem richtigen Namen. Miriam ist eine der wenigen Personen, die seinen richtigen Namen kennen. Mit ihr verbindet ihn eigentlich viel – beide müssen nämlich nach wie vor den Verlust ihrer Väter verkraften. Taos Vater, das deutet sein Name schon an, wurde nicht in Deutschland geboren. Dessen Großvater musste von China nach Indonesien übersiedeln, wo sie in mittelprächtigen Verhältnissen lebten, bis sich in Indonesien anti-chinesische Ressentiments Bahn brachen und Taos Vater nach Deutschland flüchtete. Dort lernte er Taos Mutter kennen.

Herkunft statt Ankunft

Während Miriams Vater gestorben ist, weil er einer dubiosen Heilerin auf den Leim gegangen ist, die sein Krebsleiden unbehandelt gelassen hat, verhält es sich mit Taos Vater anders. Unter mysteriösen Umständen ist dieser in Hongkong auf der Suche nach der Herkunft seines eigenen Vaters umgekommen. Tao selbst hat eigentlich keine Beziehung zu China (oder Indonesien) – und doch, wie es traurigerweise immer noch häufig so ist, wird Tao ständig als fremd im eigenen Land wahrgenommen. Mehrmals begegnet dem Leser im Romanverlauf die Frage „Wo kommst du wirklich her?“, weil Antworten wie Köln oder Freiburg außerhalb des Vorstellungsbereichs vieler Personen liegen, denen Tao in Deutschland begegnet. Im Gegensatz zur Frage „Wo kommst du her?“ impliziert erstere eine Andersheit, ein Nicht-von-hier-Kommen. Und in vielen Fällen, wenn Tao sich zum Beispiel als Tobi vorstellt, einwandfreies Hochdeutsch redet – zumindest innerhalb des Rahmens, in dem man im Kölner Raum von Hochdeutsch reden kann – und auch sonst in der deutschen Kultur aufgegangen ist, basiert diese Frage einzig und allein auf seinem Aussehen. Dabei kann diese wenig sensible Frage auch von vermeintlich wohlmeinenden Personen ausgehen, die ja selbst einen „asiatischen“ Freund haben. Ob der Chinese oder Vietnamese ist, ist dabei doch fast egal. Oder? Oder.

Die Möglichkeiten des Möglichen

Die Tristesse dieses alltagsrassistischen Panoramas findet auf den Straßen Kölns statt. Köln Kalk, um genau zu sein. Oder, um noch genauer zu sein, vor irgendeiner Dönerbude, dem nächstbesten Netto und so fort. Mit allerlei Markennamen wirft Federer um sich – und dies nicht etwa im Stile eines Bret Easton Ellis, um die Verkommenheit einer einzig auf Äußerlichkeiten und klingenden Namen fußenden Schicht aufzuzeigen (American Psycho), sondern einzig und allein, um realistisch zu wirken. Da reihen sich Szenen aneinander, in denen Tao (also Tobi) und sein bester Freund Micha sich SMS-Nachrichten schreiben oder in denen ein Drucker nicht richtig funktioniert. Handwerklich funktionieren diese Szenen trefflich, sie vermitteln eine große Authentizität. Doch verhält es sich mit hyperrealistischem Erzählen wie mit hyperrealistischem Malen: Warum soll ich malen, wenn ich ein Foto machen kann? Sicher, eine beeindruckende Leistung, die Wirklichkeit exakt nachzubilden – doch wozu? Nach Köln Kalk kann ich auch selbst fahren, um Dönerbuden und Supermärkte vor Ort anzutreffen.

Zum Glück existieren da noch ein paar mehr Facetten, die Tao deutlich erträglicher machen als zum Beispiel Andreas Stichmanns Eine Liebe in Pjöngjang. Micha schreibt nämlich ein Hörspiel über seinen besten Freund – erneut nicht unbedingt das sensibelste Verhalten, weil er seinem Kumpel vorher nichts davon erzählt. Micha berichtet davon, wie sein ebenfalls vaterloser Protagonist aufgrund der Studentenproteste nach Hongkong reist, um an der Demokratiebewegung zu partizipieren und um dort, unter all den Chinesen, als Gleicher unter Gleichen zu gelten. Ungeachtet natürlich der sprachlichen Barriere, die in Michas verklärter Weltsicht keine Rolle spielt. Tao ist mit dieser romantisch-verklärenden Rückkehr des Fremden in seine „wahre“ Heimat natürlich nicht zufrieden und entspinnt eine eigene Geschichte: die von Alex. Und mit dieser Binnenerzählung betritt Federer – endlich, muss man sagen – den Raum des Möglichen. Doch steht diese Episode relativ am Ende des Romans, wodurch die Möglichkeiten des Möglichen schnell erschöpft sind.

Zeichen ohne Sinn

Tao, dieser Name verweist auf eine Kultur, die Tobi eigentlich fremd ist. An einigen Stellen werden lieblos einige Worte Chinesisch in Alex’ Erfahrungen eingebaut, doch wie will Tobi diesen Worten auch einen Sinn verleihen, wenn er selbst kaum Chinesisch spricht? Tao ist nicht in zwei Kulturräumen aufgewachsen, wie dies etwa für die Protagonistin im fabelhaften Roman Sechzehn Wörter von Nava Ebrahimi gilt, in dem sich das Zusammenfallen der persischen und der deutschen Kultur an sechzehn Wörtern entspinnt. Schon der Name Tao ist eigentlich ein Zeichen ohne Sinn. Eine leere Stelle in der Identität eines Deutschen, den Deutsche nicht als deutsch wahrnehmen. Eine Herkunft, die nicht mehr nachvollzogen werden kann. Der Tod des Vaters bedeutet für Tao, dass seine Frage „Wer bin ich?“ zur Hälfte unbeantwortet bleiben muss. Nur schade, dass Tao sich diese Frage in Köln Kalk stellen muss.

Yannic Han Biao Federer: Tao. Roman
Suhrkamp Verlag, 190 Seiten
Preis: 23,00 Euro
ISBN: 978-3-518-43052-1

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