Bienvenue au Café de Flore

Simone de Beauvoir 1955 in Beijing; Foto der Xinhua News Agency.

Klirrende Teller, der Geruch von frischem Gebäck, ein Zischen der Kaffeemaschine: Nehmen Sie Platz auf einem weichen, roten, samtbezogenen Sofa im wohl bekanntesten Café von ganz Paris und genießen Sie den Ausblick auf den St. Germain Boulevard, den auch die Frau genossen hat, durch die das Café de Flore seine Berühmtheit erlangte: Simone de Beauvoir. Stundenlange philosophische Diskussionen führte sie hier unter anderem mit ihrem langjährigen Partner Jean-Paul Sartre. Heute jährt sich ihr Todestag. Zeit also, einen Blick auf ihr Werk zu werfen.

von ALINA BRAUCKS

Im vergangenen Herbst ist ein bis dato unbenannter und unveröffentlichter Roman von Simone de Beauvoir unter dem Titel Die Unzertrennlichen (Les inséparables) erschienen und in diesem Jahr ist eine Ausstellung zu ihrem Hauptwerk Das andere Geschlecht (Le deuxième sexe) in der Bundeskunsthalle Bonn zu sehen. Simone de Beauvoir so aktuell wie eh und je. Aber beginnen wir von vorn: Im Januar 1908 wird Simone Lucie Ernestine Marie Bertrand de Beauvoir in Paris geboren. Während ihrer Schulausbildung am Cours Désir in Paris beginnt ihre enge Freundschaft mit Elizabeth Mabille, genannt Zaza (den Namen sollten Sie sich merken!). Nach ihrem Philosophiestudium, dem Beginn ihrer Beziehung mit Jean-Paul Sartre und diversen Lehrverpflichtungen in Paris, Marseille und Rouen wird im Jahr 1943 ihr erster Roman Sie kam und blieb (L’Invitée) veröffentlicht. Fortan ist Beauvoir als freie Schriftstellerin tätig. Sie schreibt weitere Romane, u. a. Das Blut der anderen (Le sang des autres, 1945) und Alle Menschen sind sterblich (Tous les hommes sont mortels, 1946) und veröffentlicht ihre philosophischen Aufsätze in der von Sartre gegründeten Zeitschrift Les Temps Modernes. Im Jahr 1949 erscheint ihr philosophisches Werk, ihr feministisches Manifest: Das andere Geschlecht (Le deuxième sexe).

„Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.“

Verteufelt vom Vatikan und jahrelang auf dem Index: Das andere Geschlecht ist mit Sicherheit nicht nur Beauvoirs berühmteste, sondern auch ihre radikalste Schrift. In diesem Werk charakterisiert sie die Situation der Frau in einer patriarchalen Welt. So sieht sie beispielsweise die Frau aufgrund ihrer Fortpflanzungsfunktion in einer größeren Dienstbarkeit gegenüber dem Mann. Die Sozialisierung von Mädchen und Frauen sei damit auf ihre Unterordnung bestimmt. Beauvoir, die aus Überzeugung ehe- und kinderlos blieb, machte sich damit nicht nur für die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau stark, sondern bot einen radikalen Gegenentwurf zum konservativen Frauen- und besonders Mutterbild der 1940er Jahre. Ihre radikale Entmystifizierung von Mutterschaft stoß dabei auch auf Kritik aus den feministischen Reihen. Tabuthemen wie Sexualität, lesbische Liebe und Abtreibungen, die Beauvoir in ihrem Hauptwerk behandelt, lösten Kritik und Entsetzen aus, bevor Das andere Geschlecht zu einem Hauptwerk der feministischen Theorie werden konnte. „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.“ („On ne naît pas femme: on le devient.“) Mit diesem Zitat eröffnet Beauvoir einen neuen Diskurs. Sie sieht eine gesellschaftliche und kulturelle Konditionierung der Frau, die diese immer wieder als untergeordnetes Geschlecht repräsentiert. Erstmals wird die Kategorie Geschlecht ins Zentrum einer sozialwissenschaftlichen Untersuchung gerückt und unterscheidet dabei konsequent zwischen biologischem Geschlecht sowie dessen kulturellen und sozialen Prägungen. Kulturelle und soziale Faktoren wirken demnach auf die Frau im Laufe ihres Heranwachsens ein und bringen sie dadurch in eine untergeordnete Rolle – schuld ist also nicht allein ihre Geburt als Frau. Beauvoir machte mit dieser Erkenntnis weibliche Sichtweisen zum Teil des wissenschaftlichen Diskurses in einer männlich dominierten Welt. Bis heute gilt Das andere Geschlecht damit als Pionierwerk der Gender Studies.

Dass ihr berühmtestes Werk nicht an Relevanz verloren hat, zeigt die im März gestartete Ausstellung Simone de Beauvoir und das andere Geschlecht in der Bundeskunsthalle Bonn. Die Ausstellung widmet sich sowohl dessen Entstehung im Paris der Nachkriegszeit im Rahmen des Existentialismus als auch der Bedeutung und Rezeption dieses feministischen Manifests bis heute.

Die erste große Liebe

Das Beauvoir’sche Werk kennt auch heute noch kein Ende. Im vergangenen Jahr veröffentlichte Sylvie Le Bon de Beauvoir die bislang unveröffentlichte autofiktionale Erzählung Die Unzertrennlichen (Les inséparables) ca. siebzig Jahre nach ihrer Verfassung. Simone de Beauvoir war diese Erzählung zu ihrer Lebzeit zu intim, um sie zu veröffentlichen. Sie erzählt die Geschichte einer Freundschaft und Liebe zwischen Sylvie (Simone de Beauvoir) und Andrée (Zaza), die sich erstmals in einer katholischen Mädchenschule begegnen. Sylvie ist direkt hin und weg von der intelligenten, schlagfertigen, zuweilen frechen Andrée, ja, sie vergöttert sie regelrecht. Die beiden hochbegabten Mädchen, die beide aus einem konservativen bürgerlichen Milieu stammen, sehen jeweils in der Anderen ihre Seelenverwandte, die Lehrerin nennt sie „die Unzertrennlichen“. Es beginnt eine innige Freundschaft, die einige als Beauvoirs erste Liebe zu einer Frau bezeichnen, die Herz und Verstand bereichert. Es ist aber auch eine Freundschaft, in der Sylvie mehr gibt und mehr liebt: „Ich begriff plötzlich, voller Staunen und Freude, dass die Leere in meinem Herzen, die Trostlosigkeit meiner Tage nur einen Grund gehabt hatten: Andrées Abwesenheit.“ Als Leser:in beobachtet man die beiden jungen Frauen dabei, wie sie sich gegenseitig intellektuell herausfordern, ihre Denkarten beeinflussen, wie sie Konventionen hinterfragen und sich von der Religion abwenden. Es ist eine leidenschaftliche Verbindung, die in ihrem jugendlichen Übermut alles will und alles hinterfragt. Sie fragen sich, was es bedeutet, frei zu handeln und zu entscheiden. Solche zentralen Fragen zeigen hier bereits den Grundstein von Beauvoirs späteren existentialistischen philosophischen Werk. Betrachtet man das Gesamtwerk Beauvoirs, sieht man, welche starke Basis für ihr späteres Schaffen durch diese Freundschaft gelegt wurde. Doch Die Unzertrennlichen ist vor allem eine Liebeserklärung an die Freundin Zaza, die bereits im Alter von 22 Jahren verstarb. Zazas plötzlicher Tod hat Beauvoir immer umgetrieben und bereits in vorherigen Texten – u. a. Memoiren einer Tochter aus gutem Hause (Mémoires d’une jeune fille rangée, 1958) – hat sie versucht, ihrer Freundin ein literarisches Denkmal zu schaffen. Gestorben ist Andrée (Zaza) an einer Gehirnentzündung, doch lässt Beauvoirs Unterton nicht daran zweifeln, dass sie letzten Endes doch an dem Versuch starb, sich anzupassen an eine Welt, für die sie zu klug, zu wild und zu weit voraus war. Sie ist erstickt an den Pflichten und Normen, die man an sie als junge Frau stellte.

Meine Empfehlungen

Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht
Rowohlt Verlag, 944 Seiten
Preis: 16,00 Euro
ISBN: 978-3-499-22785-1

Simone de Beauvoir: Die Unzertrennlichen
Rowohlt Verlag, 144 Seiten
Preis: 19,99 Euro
ISBN: 978-3-498-00225-1

Simone Beauvoir und das andere Geschlecht
Ausstellung in der Bundeskunsthalle Bonn
Vom 4. März 2022 bis zum 16.10.2022Preis: 5,00 Euro, ermäßigt 3,50 Euro

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