Im Steinbruch des Textes

Tomas Venclova: Variation über das Thema Erwachen; Cover: Hanser

Variation über das Thema Erwachen lautet der deutsche Titel des dritten Gedichtbandes von Tomas Venclova. Dahinter verbirgt sich ein Parforceritt eines Weltbürgers durch die Welt- und Literaturgeschichte. Für Venclovas Lyrik darf man mit Fug und Recht das Prädikat Weltliteratur bereithalten, muss sich aber auch darauf einstellen, die hochkomplexen Gedichte in einem zeitintensiven Prozess zu dechiffrieren.

von THOMAS STÖCK

Im Studium der Literaturwissenschaften versteht es ein Großteil der Studierendenschaft, das große Thema der Lyrik gekonnt zu umschiffen. Diejenigen unter ihnen, die sich trotzdem trauen, Gedichte in die Hand zu nehmen, lernen vor allem eines: Lies ein Gedicht nicht von seinem Ende her. Für Tomas Venclovas Gedichtband Variation über das Thema Erwachen gilt im Großen, was im Kleinen tabu ist: Besser, Sie lesen das Buch von seinem Ende aus. Denn so erfahren Sie eine Menge über das, was Sie auf den vorigen Seiten erwartet. Sie finden hier Kommentare des Autors zu seinen Gedichten, ein Nachwort des Herausgebers (Michael Krüger) der Lyrik Kabinett-Reihe des Hanser-Verlags und Sie begegnen einem Kommentar des Übersetzers Cornelius Hell. Darin treffen Sie auf eine Anekdote des Übersetzers aus dem Litauischen, wie er Thomas Venclova darum bat, ihm seine Gedichtbände zukommen zu lassen. Hell kam damals zu dem Schluss: „Nie werde ich das übersetzen können.“ Hell versteckte die Bücher im heimischen Regal und kramte sie erst anderthalb Jahrzehnte später wieder hervor. Venclovas Gedichte seien „in mehrfacher Hinsicht eine maximale Herausforderung“. Sagt der Übersetzer.

Weltbürger verfasst Weltliteratur

In Unkenntnis des (durchaus klingenden) Namens Tomas Venclova bestellte ich mir also dieses Rezensionsexemplar, um über eine der Literaturen der Welt etwas mehr zu erfahren. So bin ich erst kürzlich im Falle Gioconda Bellis verfahren und auch Adam Zagajewskis Gedichtband hat mir so schon viel Freude beschert. Doch Variation über das Thema Erwachen ist anders. Die „maximale Herausforderung“ zeigt sich schon beim Überfliegen der Gedichttitel, die – obwohl in Übersetzung – mehrere Sprachen beinhalten, auf eine Vielzahl anderer Texte verweisen und uns auf 80 Seiten um die Welt führen. Der viel herumgekommene Venclova ist ein Weltbürger, dessen Reisen mindestens genauso häufig mit dem Eintreten in eine neue Erzählwelt beginnt, wie sie dies mit dem Boarden eines Flugzeugs tut. Das erste Gedicht zum Beispiel, A Valediction Forbidding Sorrow ist eine Anspielung auf das Gedicht A Valediction: Forbidding Mourning von John Donne. Diesen griff Ernest Hemingway auf und erhob ihn zum Romantitel Wem die Stunde schlägt. Venclova führt zu seiner Valediction aus, er habe „einige Prinzipien der barocken Lyrik“ übernommen, zum Beispiel „Vergleiche aus der Astronomie und der Literaturtheorie“. Mit anderen Worten: Venclovas Gedichte sind voraussetzungsreich.

In meinem Titel bemühe ich das Bild, diesen Gedichtband als einen Steinbruch zu verstehen. Es erfordert große Mühe und einiges an Zeit, den Wörtern ihre Geheimnisse zu entlocken. Mir liegt der Vergleich zu Paul Celan auf der Zunge (bzw. auf den Tasten), über den ich im Studium eine Vorlesung besuchen durfte. Auch Celans Lyrik ist voraussetzungsreich – doch existiert von dessen Werk bereits eine kommentierte Gesamtausgabe, die schon viele Steine abgetragen hat. Leider verfüge ich als enthusiasmierter Lyriklaie nicht über das passende Werkzeug (und auch nicht über die nötige Zeit), in Venclovas Steinbruch eine ähnliche Arbeit zu verrichten. Ich kann nur versuchen zu beschreiben, was ich in diesem Steinbruch alles antreffe. Und da komme ich auch nochmal auf Celan zurück, weil ein Vergleich mit ihm auch in anderer Hinsicht äußerst passend ist. Denn Venclovas Lyrik steht Celans Lyrik in nichts nach: Beide verfassten sie Weltliteratur.

Zwischen Odysseus und Homer

Zwei andere Namen bringt Venclova sogar selbst ein, die mich an sein Schaffen erinnern. Da ist zum einen Derek Walcott, dem er das Gedicht Saint-Pierre widmet, und da ist zum anderen James Joyce, auf dessen Ulysses Venclova in Ormond Quay anspielt. Der Eine hat den Literaturnobelpreis (für Omeros) gewonnen, der Andere hätte ihn verdient gehabt. Was beide jedoch eint, sind die schiere Komplexität ihrer Werke sowie ihr Anknüpfen an griechische Mythen. Ulysses ist uns besser bekannt als Odysseus, Omeros wiederum ist der griechische Name für Homer. Venclova schließt an Walcott und Joyce an, indem er seine Erfahrungen durch Aktualisierungen griechischer Mythen aufarbeitet.

Am Schiffsmast präsentiert uns beispielsweise das lyrische Ich an einen Schiffsmast gebunden, wie es den Gesang der Sirenen erträgt. Dabei bestehen die sonst ungenannten Verlockungen der Sirenen hier in „Varianten des Lebens“, wie es Venclova nennt. Also in möglichen Welten, die augenscheinlich eine größere Verlockung darstellen als die traurige Realität. Zugleich verarbeitet der Litauer hier seine Eindrücke der Städte Kaunas, Florenz und Moskau. Landschaft mit Polyphem verweist nicht nur auf den Zyklopen, auf den auch Odysseus trifft, sondern zugleich auf ein Gemälde gleichen Namens von Nicolas Poussin, der auf seinem Bild die montenegrinische Stadt Kotor künstlerisch verewigt hat – das Sommerdomizil Venclovas. In Der Eumenidenhain lebten einst die gleichnamigen Göttinnen der Rache bzw. später des Mitleids und der Versöhnung. In ihrem Hain wiederum verstarb König Ödipus und zufällig finden sich in der Nähe auch noch die Überreste von Platons Akademie.

Die Reise in die griechische Welt führt uns außerdem zu einem Postskriptum zu Xenophon, dessen Beschreibung eines Feldzugs im Nahen Osten eine nahtlose Fortsetzung bei Venclova erfährt. Von Heraklit her wiederum greift dessen Ausspruch „panta rhei“ auf: Alles fließt. Diesen stellt Venclova Plato entgegen, der behauptet, in der Oberwelt seien die Ideen der Dinge auf ewig festgeschrieben. Auch dem lyrischen Wir geht es wie Plato, auch sie glauben an die Ewigkeit ihrer nächtlichen Zweisamkeit. Doch sie müssen erkennen, dass auch die schönste Nacht endet. Selbst diese Ode an die Vergänglichkeit ist in ein philosophisches Gewand gekleidet.

Ein Buch für Reisewillige

Erlauben Sie mir, ein Bild erneut aufzugreifen: die Reise um die Welt auf 80 Seiten. Es dürfte schon angeklungen sein, dass Venclova selbst in einzelnen Gedichten Zeitebenen gern überlagert, um wie im Xenophon-Gedicht eine Kontinuität des Tötens seit der Antike zu behaupten. Ebenso verfährt der Dichter auf räumlicher Ebene: Von Griechenland nach Montenegro, aus den USA nach Litauen, ins tibetische Hochland, in die Sowjetunion, auf Grönland zur Zeit der Wikinger oder ins biblische Königreich Saba im heutigen Jemen entführen uns die Verse des Litauers. Wenn Yggdrasil mit Uranus, Gaia und Kronos vor der Kaaba in einem Gedichtband aufeinandertrifft, dann wissen Sie, dass Sie es mit Venclova zu tun haben. Wie diese Gedichte zu entschlüsseln sind? In mühevollster Kleinarbeit sollten Sie die Worte einzeln abtragen. Variation über das Thema Erwachen ist eine lange Reise in ferne Welten.

Tomas Venclova: Variation über das Thema Erwachen. Gedichte. Aus dem Litauischen von Cornelius Hell. Mit einem Nachwort von Michael Krüger (Edition Lyrik Kabinett, Bd. 50)
Hanser Verlag, 112 Seiten
Preis: 20,00 Euro
ISBN: 978-3-446-27298-9

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