Ein Protofeminist?

Henrik Ibsen (1828–1906)

Heute vor 116 Jahren ist der norwegische Dichter Henrik Ibsen in Oslo (damals noch Christiania) gestorben. Zu Lebzeiten sowohl bewundert als auch verachtet, gilt Ibsen heutzutage als einer der wichtigsten Dramatiker der europäischen Literatur. Gerade seine späteren, gesellschaftskritischen Dramen des Realismus und Naturalismus sorgten mit gewissenhafter Regelmäßigkeit für hitzige Diskussion in der dänisch-norwegischen Gesellschaftselite und im restlichen Europa. Enemy Number One für Ibsen: die bürgerliche Ehe.

von CARO KAISER

Es hätte so einfach werden können: Am 20. März 1828 in eine reiche und gut vernetzte Händlerfamilie in Skien geboren, hätte Henrik Ibsen eine finanzielle und gesellschaftliche Karriere in der damals führenden Handelsstadt Ostnorwegens bevorstehen können. Über den Verlauf der Kindheit Ibsens verschlechtert sich jedoch die Lage des Familienunternehmens (und der Heimatstadt) und der jugendliche Henrik entschließt sich für eine Lehre als Apotheker, nicht als Händler. Noch während seiner Ausbildung fängt er an, sich literarisch zu betätigen. Sein erstes Theaterstück Catilina wird 1850 veröffentlicht, aber nicht aufgeführt. Nachdem er an der Universität in Christiania für ein Medizinstudium abgelehnt wird, bekommt Ibsen Ende 1851 eine Anstellung als Dramatiker am Norske Theater in Bergen. Ibsens Karriere findet ihren Beginn, aber es sollte noch einige Jahre dauern bis zum durchschlagenden Erfolg. Erst in Ibsens „freiwilligem Exil“, das er von 1864 bis 1891 in Italien und Deutschland verbrachte, entstehen seine bedeutendsten Werke, darunter Peer Gynt (1867), Nora oder Ein Puppenheim (1879), Gespenster (1881), Ein Volksfeind (1882), Die Wildente (1884) und Hedda Gabler (1890). 1891 kehrt Ibsen zurück nach Norwegen, wo er weiterhin Theaterstücke schreibt. Am 23. Mai 1906 stirbt Ibsen in Christiania, nachdem sich sein Gesundheitszustand schon seit 1900 durch eine Reihe von Schlaganfällen stark verschlechtert hatte.

„Ich glaube, daß ich vor allen Dingen Mensch bin, so gut wie Du“ (Nora oder Ein Puppenheim, 3. Akt)

Ibsen – kein Freund der großbürgerlichen Gesellschaft, aus der er selber stammte – entwickelte im Verlauf seiner Karriere einen Hang zur Infragestellung sozialer Allgemeinplätze und Konventionen. Zu einer Zeit, in der die aufkeimende Frauenrechtsbewegung und ihre Anliegen kritisch beäugt und oft genug als widernatürlicher Unfug abgetan wurden, thematisierte Ibsen in seinen Gesellschaftsdramen den Status der Frau als Mensch zweiter Klasse, insbesondere innerhalb der Ehe. Den ersten größeren Skandal löste 1879 sein Stück Nora oder Ein Puppenheim (Originaltitel: Ett dukkehjem) aus, in dem die titelgebende Heldin Nora von ihrem älteren Ehemann Torvald bevormundet und verhätschelt wird, ohne jemals von ihm als etwas anderes als seine Ehefrau, und damit sein Eigentum, wahrgenommen zu werden. Besonders der Schluss des Stückes – Nora verlässt mit einem berühmt gewordenen Türknallen ihren Mann und die drei Kinder, um endlich nicht mehr nur Frau, sondern Mensch sein zu können – sorgte für einen solchen Skandal, dass in Deutschland zunächst nur eine abgeänderte Version aufgeführt wurde, in der Nora ihre Familie doch nicht verlässt. Dem Erfolg des Stückes tat dieses negative Aufsehen aber keinen Abbruch: Nora ist bis heute das am meisten aufgeführte Werk Ibsens, der im Übrigen nach William Shakespeare der am meisten aufgeführte Dramatiker weltweit ist. Zudem gilt das Stück als essentieller Teil der feministischen Literatur – eine Ehre die schreibenden Männern eher selten zu Teil wird, gerade wenn sie seit 115 Jahren tot sind. Aber vielleicht schneiden sich ja weiterhin ein paar Berufs- und Geschlechtsgenossen Ibsens ein Stückchen von ihm ab. Bedarf gibt es hierfür immer.

Meine Empfehlungen:

Henrik Ibsen: Nora oder ein Puppenheim / Hedda Gabler. Dramen. Aus dem Norwegischen in den von Ibsen autorisierten Übersetzungen von Marie von Borch und Emma Klingenfeld.

FISCHER Taschenbuch, 208 Seiten.

Preis: 9,90 Euro

ISBN: 9783596900473

Hendrik Ibsen: Ein Volksfeind. Schauspiel in fünf Akten. Aus dem Norwegischen übersetzt von Christel Hildebrandt.

Reclam, 133 Seiten.

Preis: 3,80 Euro

ISBN: 9783150017029

Hendrik Ibsen: Baumeister Solness. Aus dem Norwegischen übersetzt von Christel Hildebrandt.

Reclam, 128 Seiten.

Preis: 4,40 Euro

ISBN: 9783150185377 

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