Ein Mann der vielen Künste

Selbstporträt E. T. A. Hoffmanns (1776–1822)

Wer sich schon einmal mit den fantastischen und schaurigen Texten der Romantik beschäftigt hat, ist E. T. A. Hoffmann bestimmt begegnet. Mit Erzählungen wie Der Sandmann oder der Sammlung Die Serapionsbrüder begeistert er bis heute eine Vielzahl Leser und Leserinnen und sorgt mit seinen vielfältigen Werken noch immer für viel Gesprächsstoff. Heute vor 200 Jahren ist er gestorben.  

von VIKTORIA GORETZKI

Den am 24. Januar 1776 in Königsberg geborenen Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann verbindet man vermutlich mit Lektüren wie Der Sandmann oder das Wirklichkeitsmärchen Der Goldene Topf, die häufig Schullektüre sind. Spätestens dann, wenn man sich näher mit der Epoche der Romantik auseinandersetzt, kommt man aber nicht mehr um Hoffmann herum, denn er gilt als einer der bedeutsamsten Schriftsteller dieser Epoche. Dabei interessierte sich Hoffmann aber nicht nur für Literatur. Mit 16 Jahren beginnt er, so wie alle Männer der Familie Jura zu studieren und schließt die Examen oftmals mit einem „sehr gut“ ab. Doch vor allem interessiert sich Hoffmann für Kunst. Kunst in den verschiedensten Arten: Zum Zeichnen gesellen sich Musik und Literatur zu seinen großen Leidenschaften, die er neben dem intensiven Studium weiterverfolgt. Vor allem die Musik nimmt einen großen Teil seiner Interessen ein. Später sagt er über sich selbst: „Im Ernste geredet, die Wochentage bin ich Jurist, und höchstens Musiker, sonntags am Tage wird gezeichnet, und Abends bin ich ein sehr witziger Autor.“ Hoffmann ist so ein großer Mozart-Fan, dass er sich im Alter von 29 Jahren sogar in Ernst Theodor Amadeus umbenennen lässt, um sein Idol zu ehren.
Erst nach 1800, nachdem er sein Studium abgeschlossen hat, widmet sich Hoffmann vermehrt den Künsten. Er komponiert Musik, geht 1808 ans Bamberger Theater, schreibt Stücke und erste Erzählungen. 1815 stellen sich nach der Publikation von seiner ersten Geschichtssammlung Fantasiestücke in Callot’s Manier erste schriftstellerische Erfolge ein. Auch beim Theater wird Hoffmann erfolgreich: 1816 wird seine Oper Undine im Staatstheater Berlin uraufgeführt und erfreut sich größter Beliebtheit. Nur sechs Jahre später, am 25. Juni 1822, stirbt Hoffman im Alter von 46 Jahren an einer Atemwegslähmung in Berlin. Sein Grab kann heute noch auf einem Friedhof in Berlin-Kreuzberg besichtigt werden.

Hoffmann, der Romantiker

Der junge Hoffmann lässt sich um 1800 von der aufkommenden Literaturbegeisterung und dem Denken der Romantik anstecken. Friedrich Schlegel, Gotthilf Heinrich Schubert und Novalis prägen ihn und nehmen Einfluss auf Hoffmanns literarisches Schaffen. Kennzeichnend für seine Texte ist stets eine Ambivalenz, ein Hin- und Hergerissensein zwischen der Wirklichkeit und einer fantasievolleren Welt sowie die Vermischung von Realität und Traum. Beispielsweise thematisiert die 1816 erstmals in den Nachtstücken veröffentlichte Erzählung Der Sandmann den für die Epoche fundamentalen Konflikt zwischen Vernunft und Fantasie, wenn der Leser den Studenten Nathanael dabei begleitet, wie er durch seine traumatischen Kindheitserlebnisse dem Wahn verfällt und die Wirklichkeit nicht mehr von seinen wirren Gedanken unterscheiden kann. Hoffmann ist der erste Schriftsteller der Romantik, der die dunkle Seite der menschlichen Existenz radikal ausleuchtet und poetisch darstellt.

Geheimbünde und das Serapiontische Prinzip

Einen bedeutsamen Einfluss auf Hoffmann nehmen zudem die Gründungen der Geheimbünde im 18. Jahrhundert. Seine Sammlung Die Serapionsbrüder geht vermutlich auf tatsächlich stattgefundene Treffen mit engen Freunden Hoffmanns zurück, bei denen sich begeistert über Literatur ausgetauscht wird. Dieser Literaturzirkel trifft sich das erste Mal am Serapionstag und nennt sich deshalb die Serapionsbrüder. Die Sammlung wird in vier Bänden von 1819 bis 1821 veröffentlicht und beinhaltet neben alten, überarbeiteten Texten auch neue Erzählungen.
Die Rahmenhandlung der Sammlung von Erzählungen und Aufsätzen beschreibt dabei ein Treffen von sechs literaturbegeisterten Männern, die sich gegenseitig Geschichten nach einem bestimmten, eigens dafür entwickelten Prinzip, dem Serapiontischen Prinzip, erzählen. Bei dem Serapiontischen Prinzip geht es in erster Linie darum, jeder Art der Nachahmungspoetik und des Realismus abzusagen und die Vorstellungen und Gefühle, die im wahren Künstler und seiner Vorstellungskraft ruhen, durch poetische Darstellung nach Außen zu tragen. Das ist teilweise etwas verwirrend, wenn man bedenkt, dass Hoffmann in einigen seiner Werke sehr detailreiche Naturbeschreibungen einbaut. Offenbar war Hoffmann so von diesen Treffen mit seinen Freunden angetan, dass er dies in einer ganzen Sammlung an Erzählungen verarbeitet und dabei ein neues, literarisches Prinzip geschaffen hat, das sogar noch 200 Jahre später im Schulunterricht besprochen wird – das muss man auch erst einmal schaffen. In den Serapionsbrüdern sind Texte enthalten wie das Märchen Nußknacker und Mausekönig oder auch die Erzählung Die Bergwerke zu Falun, in der der Bergmann Elis von einer geheimnisvollen Bergkönigin verführt und schließlich entführt wird. Wer bis jetzt noch kein sonderlich großer Hoffmann-Fan ist, kann es ja noch werden. Ich habe meine Begeisterung für seine Texte erst spät in der weitergehenden Auseinandersetzung während meines Studiums entdeckt und freue mich seitdem immer, ihm erneut zu begegnen. Hoffmann hinterlässt auf jeden Fall einen sehr großen, bedeutsamen Nachlass an außergewöhnlichen Texten, aber auch an musikalischen Werken, die bis heute, 200 Jahre nach seinem Tod, noch immer gern gelesen und besprochen werden.

Einige Empfehlungen:

E.T.A Hoffmann: Nachtstücke. Neuausgabe mit einer Biografie des Autors. Herausgegeben von Karl-Maria Guth
Hofenberg, 280 Seiten
Preis: 19,80 Euro 
ISBN: 978-3-8430-8018-7

E.T.A. Hoffmann: Die Bergwerke zu Falun / Der Artushof: Erzählungen.
Reclam, 102 Seiten
Preis: 3,60 Euro
ISBN: 978-3150140789

Alexander Kluy: E.T.A. Hoffmann. 100 Seiten
Reclam, 100 Seiten
Preis: 10,00 Euro
ISBN: 978-3-15-020555-6

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