The Greatest Showman

Nein, die Rede ist nicht von Michael Graceys Filmmusical aus dem Jahr 2017, sondern von Colonel Parker – einem Schausteller, der in den 50er Jahren einen jungen Mann entdeckte und diesen zu seinem Projekt machte – der größten Geldmaschinerie der Musikgeschichte: Elvis Presley. In seinem neuen Film Elvis inszeniert Baz Luhrmann die Lebensgeschichte des „King of Rock“ in einem fulminanten Biopic-Spektakel aus der Perspektive des geldgierigen Managers und selbsternannten Colonels, den einige für den Tod des Superstars verantwortlich machten. 

von ALINA BRAUCKS 

Nach den Superstar-Biopic-Erfolgen von Bohemian Rhapsody (Bryan Singer und Dexter Fletcher, 2018) und Rocketman (Dexter Fletcher, 2019) klingt Elvis vielversprechend. Und er kann sich hier bedenkenlos einreihen. Baz Luhrmanns Liebhaberei für ein buntes exzessives Bild, wie wir es bereits aus Der große Gatsby (2013) kennen, bekommen wir auch nun wieder auf großer Leinwand zu sehen. Erzählt wird die Geschichte von Elvis (Austin Butler, Once Upon a Time in Hollywood), der in einem schwarzen Viertel aufwächst, dort schon früh in Berührung mit schwarzer Musik kommt und sein Herz an diese verliert. In seiner Jugend wird er bei einem Auftritt von Colonel Parker (Tom Hanks, Forrest Gump) entdeckt, der in dem jungen Elvis direkt Starpotential entdeckt, als sich die Mädchen im Publikum bei seinen Tanz-Moves kaum noch auf den Sitzen halten können. So wird der leicht koboldartige Colonel Parker bald Elvis’ Manager und dieser dessen Schützling. Gemeinsam scheint ihnen die Welt zu Füßen zu liegen.

Schwarze Musik – weißer „King of Rock“

Gospel, Blues und andere Musik aus der schwarzen Community hatten einen großen Einfluss auf Elvis’ Musik und haben sehr zu seinem Erfolg beigetragen. Einem Erfolg, der schwarzen Musikern zu dieser Zeit in den USA (u. a. auf Grund der Rassentrennung) verwehrt geblieben ist. Der weißen Narrative der Elvis-Erfolgsgeschichte ist sich das Drehbuchteam, bestehend aus Luhrmann und Jeremy Doner, anscheinend sehr bewusst. So nutzen sie als Erzählinstanz einerseits den ketterauchenden Colonel Parker, der einen riesigen Goldesel in dem Jungen sieht, der singt wie ein Schwarzer – aber weiß ist. Wir haben es also zum einen mit einem Erzähler zu tun, der geldgierig, nicht sonderlich achtsam oder fürsorglich ist, zum anderen können wir nicht davon ausgehen, dass er sensibilisiert für den Rassismus der 50er Jahre in den USA ist, geschweige denn diesem entschlossen gegenübertritt. Durch Colonel Parker als Erzähler ist es also möglich, einige Aspekte des Titelcharakters unter den Teppich zu kehren. Andererseits legen sie besonders in der ersten Hälfte des Films den Fokus auf Sänger und Sängerinnen aus der schwarzen Musikszene. So bekommen wir in der ersten knappen Stunde des Films Elvis als Sänger kaum zu hören, sondern erleben ihn als Zuhörer, der sich von seinen schwarzen Idolen in den Bann ziehen lässt. Seien es die Gospel-Chöre der Kirche seines Viertels, der Gitarrist in der Jazz-Bar nebenan, die Neuentdeckung Little Richard in der Bar, in die ihn Elvis’ Freund BB King (Kelvin Harrison Jr., The Trial of the Chicago 7) schleppt, Sister Rosetta Tharpe (Yola, Sängerin), oder Elvis’ Idol auf Lebenszeit: Mahalia Jackson (Cle Morgan, Harry Potter and the Cursed Child). In Elvis kommen so nicht nur die Fans des „King of Rock“ auf ihre Kosten. Die erste Hälfte des Films ist nicht bloß die Coming of Age-Geschichte eines Rockstars, sondern versucht, die Ursprünge Elvis’ Musik zu zeigen und diese nicht als seine „Erfindung“ darzustellen, sondern als die Musik einer Community, die seit Jahrhunderten unterdrückt und diskriminiert wird.

Elvis the Pelvis

Nicht nur mit seiner Stimme, sondern vor allem mit seinen Bewegungen auf der Bühne treibt Elvis seine weiblichen Fans in den Wahnsinn. „Elvis the Pelvis“ heißt es in den Schlagzeilen, Konzerte drohen zu eskalieren, konservative Politiker wollen ihn hinter Gittern sehen. Er bringe die Leute um den Verstand, entfessle die weibliche Sexualität und bringe die Rassentrennung durcheinander. Unvorstellbar, was ein Hüftschwung in den 50ern anrichten konnte. Senator James Eastland – für den Elvis einen riesigen Dorn im Auge darstellte – wäre bei einem Lady Gaga-Konzert wohl in Ohnmacht gefallen. Während der Colonel sich hingebungsvoll der Aufgabe widmet, nicht nur mit „I love Elvis“-Buttons, sondern auch mit „I hate Elvis“-Buttons Geld zu verdienen, verliert er kurzerhand die Kontrolle über seinen Schützling, dem – Gott bewahre – politische Statements und die Zuneigung der Fans wichtiger sind als das Wohlbefinden der Konföderalisten. Es kommt dann doch, wie es kommen muss, Elvis wird verhaftet, muss Militärdienst in Deutschland leisten, verschwindet für kurze Zeit von der Bildfläche und kehrt mit der Liebe seines Lebens – Priscilla (Olivia DeJonge, The Visit) – zurück. Jetzt muss der arme Colonel nicht nur einen Rockstar in Zaum halten, sondern auch noch einen verliebten Rockstar. Aber er ist ja ein Showman – und zwar ein ganz großer. Aus Elvis wird ein Filmstar, nach kurzem Interessenskonflikt auch ein Las Vegas-Star. Immer wieder werden Originalaufnahmen vom „King of Rock“ im Film eingebettet und man muss echt zweimal hinsehen, um zu erkennen, ob hier der echte Elvis oder Austin Butler zu sehen ist. Nicht, dass man den 30-jährigen als absoluten Doppelgänger Presleys bezeichnen könnte, aber seine Rolle hat er drauf. Und das nicht nur schauspielerisch: Butler singt tatsächlich den Großteil der Songs seiner Elvis-Rolle selbst und hat sich in einem einjährigen Stimmcoaching intensiv auf die Rolle vorbereitet. Eine Arbeit, die sich definitiv gelohnt hat. Dagegen geht Tom Hanks fast unter, der zwar überzeugend ist, sich von Butler aber regelrecht an die Wand spielen lässt.

„Ich habe Elvis nicht getötet“

Baz Luhrmann nimmt uns in einer Collage mit in Elvis’ Abwärtsspirale. Auf die Las Vegas-Show folgt dank der Managerarbeit des Colonels eine US-Tour, eine weitere US-Tour, eine weitere US-Tour und ja, eine weitere US-Tour. Show – Kostümwechsel – Show – Kostümwechsel – Show – Kostümwechsel – einsames Hotelzimmer – Show – Tabletten – Kostümwechsel – schreiende Fans – mehr Tabletten – Krankenhaus – die Show muss weitergehen. Man kann am Ende kaum noch dabei zusehen, wie Elvis sich auf die Bühne schleift, es ist fast unangenehm und man wünscht sich, dass es aufhört. Wieder ein Zeichen für Austin Butlers großartige Darstellung. Doch je tiefer Elvis fällt und je düsterer es wird – die Kostüme bleiben bunt und das Gekreische der Fans hört niemals auf. Am Ende bleibt die Frage, die ein dement wirkender, sehr alter Colonel Jahre später von sich weist: „Ich habe Elvis nicht getötet!“ Aber wer war es dann? War es doch einfach das Herz, das aufgegeben hat? War es die Liebe zu den Fans, die ihn umgebracht hat? Waren es die Tabletten? Oder doch das Management des großen Showmans Colonel Parker?

Einen kleinen Kritikpunkt gibt es allerding: Die 159 Minuten Länge merkt man dem Film an. Mit einer großen Tüte Popcorn sind Sie aber bestens ausgerüstet. Viel Spaß bei diesem farbenfrohen Spektakel.

Elvis (2022)

Regie: Buz Luhrmann

Darsteller: Austin Butler, Tom Hanks, Olivia DeJonge

Laufzeit: 159 Min.

In den deutschen Kinos seit: 23. Juni 2022
 

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