„Ich ernähre mich von deinem Hass.“

Foto: Oliver Paolo Thomas

Hand aufs Herz: Wer von uns hat nicht schon einmal einen eher unüberlegten Kommentar unter einem Video hinterlassen, sich vor der Buchung eines Hotels die Google-Rezensionen durchgelesen oder in einem Ärzteforum versucht herauszufinden, was die roten Flecken auf dem Oberarm bedeuten könnten? Im Internet lässt sich so ziemlich alles kommentieren – und das meist auch noch anonym. Im Regelfall bleiben diese Kommentare stumm. Was aber, wenn man sie auf eine Bühne bringt und einfach mal laut vorliest? In JUST HERE FOR THE COMMENTS – Eine Revue der schönsten Netzkonflikte im Rottstr 5 Theater in Bochum wird genau das ausprobiert. Ein lohnender, kurzweiliger Abend, doch eines braucht es: starke Lungen.

von REEMDA HAHN

Wir Menschen brauchen Bestätigung, das ist ein Grundbedürfnis. Und das Internet ist der beste Ort, selbst für die belanglosesten Handlungen genau das zu bekommen. Liken, teilen und vor allem kommentieren – zu all dem wird man in YouTube-Videos, TikTok-Clips, Instagram-Posts und Co. am laufenden Band mal mehr, mal weniger direkt aufgefordert. Doch schnell können augenscheinlich harmlose Kommentare eine unkontrollierte, sich verselbstständigende Diskussion in Gang setzen, bei der sich das Niveau stetig nach unten schraubt. Und so beginnt die Lesung auch mit einem Kommentar unter einem Video, das unschuldiger nicht sein könnte. Unter einem Song aus dem Videospiel Paper Mario Sticker Star kommentiert Lunar1314: „I don’t care if I get hate because of this opinion, but this is my favorite paper mario final boss song.“ Lunar ahnt nicht, dass diese Aussage einen Streit in der Kommentarsektion entbrennen lassen wird, der ein gesamtes Jahr andauert und an dem sich immer wieder neue Menschen beteiligen. Der Streit wird als „Angriest Comment Thread on Youtube“ gehandelt und ist so bekannt, dass es mittlerweile eigene Videos dazu gibt, in denen Menschen die Kommentare in verschiedenen Stimmen sprechen. Genau das tun nun auch die Schauspielerinnen und Schauspieler auf der Bühne in Form einer Action-Lesung – immer wieder werden wir an diesem Abend zum Streit unter dem Paper Mario-Song zurückkehren, den Lunar1314 unabsichtlich ausgelöst hat. Aber auch viele andere Kommentarkonflikte werden vertont. Das Ganze erinnert an ein Rollenspiel mit ständig wechselnden Szenen, in denen die beteiligten Personen stets neu ausprobieren können, wie sie sich im Netz inszenieren wollen. Zusammengetragen und gegebenenfalls auch übersetzt wurden die Kommentare dabei von Moritz Müller – erstaunlich, dass ein Stück so unterhaltsam sein kann, für das praktisch keine einzige Textzeile selbst geschrieben wurde.

„Stellen Sie sich den Menschen hinter dem Computer vor.“

Den ganzen Abend hindurch wird man jedoch im Unklaren darüber gelassen, ob die Kommentare fingiert sind oder nicht. Das kann doch niemand so ins Netz geschrieben haben, denkt man sich, das ist ja absurd. Doch spätestens der kurze Gegencheck mit dem Handy nach der Vorstellung bringt die Erkenntnis – das ist alles echt! Die Emotionen unter dem Paper Mario-Song schaukeln sich immer weiter hoch: „Ich ernähre mich von deinem Hass“, schreibt ein User. Die Argumentation dreht sich im Kreis, Urteile werden völlig zu Unrecht gefällt – was für eine Zeitverschwendung, möchte man sagen. Aber die Beteiligten bleiben dran – und das Publikum auch, schließlich will man ja nun doch wissen, wer es schafft, nach über einem Jahr das letzte Wort zu haben. Worin liegt die Faszination des Kommentareschreibens und auch des stummen Mitlesens? Ist es die Anonymität, die vermeintliche Sicherheit, nicht identifizierbar zu sein? Als Kontrast zu den ausufernden Konflikten wird das Stück immer wieder von einem der Schauspieler unterbrochen, der eine „Netiquette für das Verhalten im Internet“ vorträgt. Man solle sich den Menschen hinter dem Gerät vorstellen, heißt es da, man kommuniziere nicht mit einer Maschine. Man solle so handeln, als würde man der Person gegenüberstehen, ihr ins Gesicht schauen können. Missverständnisse könnten vermieden werden, indem man noch mal über alles drüberliest, bevor man abschickt. Schließlich der Appell: „Präsentieren Sie sich online von Ihrer besten Seite.“ Doch der Mann vor dem Mikro wendet sich mit diesen Worten nicht an die anderen auf der Bühne, er steht zum Publikum gewandt – der Kommentator als Hemmschwelle also gar nicht für die aktiv Handelnden, sondern die Stummen, die mitlesen oder eben mithören? Auf der Bühne jedenfalls zeigen diese Mahnungen keine Wirkung – es wird munter weiter diskutiert, beschimpft, gedroht.

„Mein Freund tut so, als wär‘ er eine Dampflok? Was soll ich machen?“

Abgesehen vom Paper Mario-Diskurs werden noch viele weitere Foren besucht: Chefkoch, Sportchatrooms und auch gutefrage.net. Hier wendet sich unter anderem eine besorgte junge Frau an die Community, deren Partner sich regelmäßig wie eine Dampflok verhält – „Ich weiß, es klingt lächerlich, aber es ist mein Ernst“, klagt sie. Neben Antworten, die das Ganze als harmlose Spielerei abtun, beginnen andere Kommentare, das Verhalten des Partners tiefenpsychologisch zu bewerten – und schon entfesselt sich ein Streit über die Reliabilität der Theorien Sigmund Freuds. Obwohl sich die Menschen nicht kennen, wird sich völlig selbstverständlich in persönlichste Belange eingemischt und das bei Fragen, die man vielleicht nicht mal seinen engsten Vertrauten stellen würde. So was geht wirklich nur im Internet. Was sagt das über uns aus? Warum ist es so verlockend, sich in fremde Angelegenheiten einzumischen oder den eigenen Frust an unbekannten Personen auszulassen? Im Stück bleiben diese Fragen unkommentiert – die Konflikte werden vorgetragen, was man damit macht, muss man für sich selbst entscheiden. Unausgesprochen, aber präsent schwingen auch weitere Fragen mit, die über das Inhaltliche hinausgehen: Wie sinnvoll ist Anonymität im Internet?  Braucht es mehr Kontrollinstanzen, mehr Algorithmen? Oder ist das dann schon Zensur? Die einzige Bewertung der Konflikte geben uns die Schauspielerinnen und Schauspieler, wenn sie sich derart in Rage reden, dass sie selbst lachen müssen – und uns damit noch einmal die Absurdität und Belanglosigkeit der meisten Diskussionen vor Augen führen.

Das Internet vergisst nicht

Auch performativ hat die Actionlesung mehr Tiefe, als es auf den ersten Blick scheint. Die Lesenden sitzen an einem Tisch, vor ihnen die Skripte, das entspricht erstmal dem ganz normalen Setting einer Lesung. Doch am Tisch wird im Laufe des Abends nicht nur gesessen, aus den Gläsern wird nicht nur getrunken. Das schönste Element sind die ausgedruckten Skripte: Haben die Schauspielerinnen und Schauspieler eine Seite beendet, wird diese nicht ordentlich unter den Stapel gelegt, sondern achtlos auf den Boden geworfen. Einmal ausgesprochen, sind sie auch schon wieder vergessen – so scheint es im schnelllebigen Netz zu sein. Doch bis zum Ende des Stücks bleiben die Papiere, für alle gut sichtbar, auf dem Bühnenboden liegen, so wie eben auch die Original-Kommentare bis heute online nachlesbar sind. Im Hintergrund steht zudem ein Laptop, auf dem Kommentare in Dauerschleife abgespielt werden: Das Internet vergisst nicht. Die Schauspielerinnen und Schauspieler sind überwiegend unauffällig schwarz gekleidet – das hilft, den ständigen Rollenwechsel nachzuvollziehen, an dessen durchaus zügiges Tempo man sich erstmal gewöhnen muss. Durch die anpassungsfähige Kleidung können sie ständig jemand anderes sein, denn wer wirklich hinter dem Computer sitzt, weiß niemand. Zur Atmosphäre im Theater unter der Eisenbahnbrücke trägt sicherlich auch bei, dass auf der Bühne eine Zigarette nach der anderen geraucht wird. Das hat bei mir allerdings – trotz Maske und ohne Vorerkrankungen – einen solchen Hustenanfall ausgelöst, dass ich eine Weile vor die Tür flüchten musste. Meine Empfehlung: Gehen Sie hin, aber halten Sie für den Fall der Fälle eine Flasche Wasser bereit.

Eine Frage, die sich nach dem Stück natürlich nicht nur für die Google-Bewertungen von Hotels, Schulen oder Supermärkten stellt, ist, wie hilfreich Rezensionen sein können. Auch Rezensionen auf einem Literatur- und Kulturblog sind davon natürlich nicht ausgeschlossen. Was habe ich davon, eine rein subjektive Perspektive zu einem Buch oder Theaterstück präsentiert zu bekommen, von dem ich mir noch kein eigenes Bild gemacht habe? Diese Frage dürfen Sie uns gerne beantworten – noch mehr als sonst sind wir auf Ihre Kommentare gespannt. Nur eine Bitte haben wir: Halten Sie sich an die Netiquette. Vielen Dank.

Informationen zur Inszenierung: https://www.rottstr5-theater.de/just-here-for-the-comments.html

Nächste Vorstellung:

Sa, 02.07.2022

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