Kann alles, kennt jeden

Jean Cocteau im Jahr 1923, Foto von der Agence de presse Meurisse.

Dichter, Prosautor, Dramatiker, Maler, Drehbuchschreiber, Regisseur, Schauspieler, Bühnenbildner – Jean Cocteau war ein Mann mit vielen künstlerischen Talenten. Ebenso zahlreich wie seine Fertigkeiten waren seine Kontakte und Freundschaften mit anderen Künstlerinnen und Künstlern. Manche dieser Kontakte werfen aus heutiger Sicht durchaus einen Schatten auf Cocteau. Heute wäre er 133 Jahre alt geworden und auch wenn Geburtstage zum Feiern da sind, wollen wir im heutigen Porträt gerade die ambivalenten Aspekte unseres Geburtstagskindes beleuchten.

von CARO KAISER

Es ist nicht leicht einen Mann vorzustellen, der wie Jean Cocteau in so vielen künstlerischen Disziplinen gleichzeitig seine Spuren hinterlassen hat. Wir könnten über den Maler und Zeichner Cocteau sprechen, der sein großes Vorbild, Pablo Picasso, sogar persönlich kannte. Wir könnten auch über den Dichter Cocteau sprechen, der sich ab und an traute, in Sprachen jenseits seiner französischen Muttersprache zu dichten, zum Beispiel auf Deutsch (Das Blut der Liebe). Auch der Schriftsteller Cocteau bietet sich als Blickwinkel an. Ein Schriftsteller, der in seinen Romanen gerne seine Liebe zum Schauspiel einfließen ließ, mit all seinem Potenzial für Täuschung und den verschwimmenden Grenzen zwischen Wirklichkeit und Spiel (zum Beispiel in Thomas, l’imposteur und Les Enfants terribles). Ebenso interessant ist der Filmschaffende Cocteau, der mit La Belle et la Bête 1946 nicht nur einen der Grundsteine für das fantastische Kino legt, sondern auch die beste Verfilmung des auf Deutsch Die Schöne und das Biest genannten französischen Volksmärchens. (Walt-Disney-Verehrer und -Verehrerinnen sind herzlich eingeladen, im Kommentarbereich ihren Unmut über diese Wertung zu äußern. Umstimmen können Sie mich jedoch nicht.) Für ein Porträt mit begrenztem Umfang ist es aber vielleicht am nahbarsten, den (Gesellschafts-)Menschen Jean Cocteau näher vorzustellen. Denn Jean Cocteau konnte anscheinend nicht nur alles – er kannte auch jeden.   

Avantgarde, Blut und Boden

Cocteau wird gerne als Schlüsselfigur der europäisch-französischen Kultur- und Kunstszene des 20. Jahrhunderts bezeichnet, da er unfassbar gut vernetzt war (mit Blick auf manche Personengruppen der frühen 1940er Jahre vielleicht etwas zu gut, aber dazu später mehr). Eine Kostprobe? 1917 schreibt Cocteau Parade. Ballet réaliste, ein einaktiges Ballettstück, das von dem Ballettensemble Ballets Russes aufgeführt wurde, einem der bedeutendsten und einflussreichsten Ensembles des 20. Jahrhunderts. Die Musik zu dem Ballett? Komponiert von Erik Satie (Gymnopédies, 1888). Das Bühnenbild? Entworfen von niemand geringerem als Pablo Picasso. Legendär ist auch Cocteaus langjährige Freundschaft mit der Chansonsängerin Édith Piaf. Eine Freundschaft, die auch in der Öffentlichkeit so bekannt war, dass nach dem Tod Piafs am 10. Oktober 1963 und Cocteaus Tod am 11. Oktober 1963 sich schnell die Auffassung verbreitete, die Nachricht vom Tod seiner Freundin habe Cocteau so getroffen, dass sein Herz aufgehört habe, zu schlagen. Cocteau starb zwar tatsächlich an einem Herzinfarkt, dass Cocteau so unmittelbar nach Piaf verstarb, ist jedoch wahrscheinlich Zufall: Cocteaus Gesundheit und Herz hatten sich schon in den Monaten zuvor drastisch verschlechtert. Zu Cocteaus langjährigen Freunden gehörte auch der deutsche Bildhauer Arno Breker. Breker, der vor 1933 einige Jahre in Paris gelebt hatte, war einer der prominentesten und am stärksten hofierten Künstler des NS-Regimes. Nach 1945 wurde Breker zwar nur als Mitläufer eingestuft, jedoch war er Mitglied in der NSDAP gewesen und fiel auch in der BRD noch durch rechtes Sympathisantentum auf. Jean Cocteau stand ebenso politisch eher rechts – trotz seiner Affinität zum künstlerischen Avantgardismus und seiner Bisexualität. Mit den deutschen Besatzern in Paris hatte Cocteau daher auch im Vergleich zu anderen französischen Kunstschaffenden wenig Reibungspunkte und hatte sogar Kontakte zum deutschen Botschafter in Paris, Otto Abetz. Cocteaus Verhältnis zum Vichyregime, das mit NS-Deutschland kollaborierte, war jedoch interessanterweise deutlich kühler: Viele von Cocteaus Theaterstücken wurden zensiert und durften im unbesetzten Frankreich nicht aufgeführt werden. Während der Besatzungsjahre bekannte sich Cocteau offen zu seiner Freundschaft mit dem NS-Star-Bildhauer Breker, was ihm nach dem Krieg eine Anklage wegen Kollaboration mit den deutschen Besatzern einbrachte, von der er allerdings freigesprochen wurde.

Jean Cocteau als Künstler in seiner Ganzheit zu fassen, ist aufgrund seines breitgefächerten Tätigkeitsfelds schwierig. Aber auch als Mensch ist Jean Cocteau eine ambivalente Figur, wie dieser kleine Einblick in sein Verhältnis zum Nationalsozialismus und seinen vordersten Künstlern zeigt. Das Einzige, was ich Ihnen sicher sagen kann, ist in dieser simplen Rechnung ausgedrückt: La Belle et la Bête (1946) < The Beauty and the Beast (1991). Widerspruch kann im Kommentarbereich erhoben werden.       

Meine Empfehlungen:

Jean Cocteau: Kinder der Nacht. Deutsch von Friedhelm Kemp
Klett Cotta Verlag, 119 Seiten
Preis: 14,00 Euro

ISBN: 978-3-608-98162-9

Jean Cocteau: La Belle et la Bête (1946)
Regie und Drehbuch: Jean Cocteau
Besetzung: Jean Marais, Josette Day, Marcel André, Mila Parély, Nane Germon, Michel Auclair
Laufzeit: 90 Minuten

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