Doctor’s Diary (4): Warum über einen anderen Genozid schreiben

Paul Rusesabagina in der US-Botschaft in Schweden im Jahr 2013.

Nach den ersten Monaten der Organisationsphase möchte ich in der heutigen Kolumne auf die inhaltliche Findungsphase zu sprechen kommen. In meinem speziellen Fall soll es dabei um ein kleines ostafrikanisches Land gehen, dessen grausame Geschichte das Geschichtenerzählen notwendig macht: Ruanda. 1994 fand in etwa 100 Tagen ein Völkermord statt und kostete über 800.000 Angehörige der Bevölkerungsminderheit der Tutsi das Leben.

von THOMAS STÖCK

Nie wieder! Diese Worte stehen am Ende der Shoah, der Vernichtung sechs Millionen europäischer Juden. Diese Worte stehen auch am Ende eines weiteren Völkermords, der fünf Jahrzehnte später folgte. Einen Namen hat er nicht, der Genozid an den ruandischen Tutsi im Jahre 1994. Er ist der dritte offiziell anerkannte Genozid im 20. Jahrhundert[1] – nach dem Völkermord an den Armeniern sowie der Shoah. Im Gegensatz zu diesen beiden Genoziden sind die Ereignisse in Ruanda – sowie das Land selbst – vergleichsweise unbekannt. Auch ich bin eher durch Zufall auf die Verbrechen in dem kleinen afrikanischen Staat gestoßen, weil mir der Film Hotel Ruanda empfohlen wurde. Die Verfilmung des Lebens von Paul Rusesabagina, einem ruandischen Hoteldirektor, der als „Ruandas Oskar Schindler“ tituliert wird, zeigt die Verbrechen an den ruandischen Tutsi, das Versagen der Weltöffentlichkeit, die Ohnmacht der anwesenden UN-Truppen, die grausame Brutalität der Täter.

Wie das Morden verhindern?

Eine Promotion zu einem Thema zu verfassen bedeutet in der Komparatistik, sich über mehrere Jahre hinweg mit diesem Thema zu beschäftigen. Es kann daher nicht überraschen, dass Ruanda eine Herzensangelegenheit ist. Man könnte auch von der „Faszination des Bösen“ sprechen, wobei Begriffe wie Gut und Böse die komplexe Realität nicht annähernd beschreiben können. Einzelne wie massenhafte Verbrechen fesseln mich an die Buchseiten: Wie kann ein Mensch einem anderen Menschen solch eine Grausamkeit antun? Wie kann man diese Grausamkeit in Zukunft verhindern? Von einem Genozid zu erzählen bedeutet, sich gegen zukünftige Gewaltakte zu positionieren. Auch wenn das bedeutet, dass Oskar Schindler einen zweiten Auftritt hat. Die Geschichten wiederholen sich, um einer Wiederholung von Geschichte vorzubeugen.

Doch zeugen die neuerlichen Geschichten davon, dass wir eben nicht gelernt haben. Umso wichtiger ist es, auch diesen Genozid gemeinsam zu kommemorieren. Die Stellung des ruandischen Genozids gegenüber der Shoah ist jedoch auch in diesem Beitrag bereits angeklungen: Ruanda wird mit der Shoah verglichen. Eine Vergleichung des Singulären, das eine „Nie wieder!“ mit dem anderen „Nie wieder!“ in Beziehung setzen – der allgemeine Hang zur Katastrophenkomparatistik führt zu allerhand schiefen Vergleichen, wozu auch der Vergleich Rusesabaginas mit Oskar Schindler zählt. Doch zugleich existieren augenfällige Parallelen, die die Frage aufwerfen, wieso die Weltgemeinschaft erneut ein solches Verbrechen nicht verhindern konnte, bevor es in die Tat umgesetzt wurde. Der Katastrophenkomparatistik kann man leider nicht entkommen, wenn man über Ruanda reden möchte, wovon auch Robert Stockhammers Untersuchung Über einen anderen Genozid schreiben zeugt, dessen Titel ich für den heutigen Beitrag sowie für ein Seminar entliehen habe.

Ruandische Genozidliteratur – was ist das?

Meine Promotion beschäftigt sich mit der Literatur über den ruandischen Genozid. Will man die zahlreichen Werke zum Thema – denn tatsächlich wurde schon einiges über Ruanda und die dortigen Verbrechen geschrieben, auch wenn diese Werke nicht breit rezipiert wurden – systematisch darstellen, so bietet es sich an, in geografischer Sicht zu beginnen. Da gibt es zum einen Literatur von Ruandern, von denen ein Teil in der Diaspora lebt. Vielfach wird der Völkermord als eigentliches Gründungsereignis der ruandischen Literatur gedeutet, wurden Erzählungen zuvor noch weitestgehend oral tradiert. Als wichtiger Impulsgeber gilt das afrikanische Intellektuellenprojekt Rwanda. Écrire par devoir de mémoire, also Schreiben aus der Pflicht heraus zu erinnern. Hinzukommt die westliche Literatur, vornehmlich aus dem frankophonen und anglophonen Sprachraum, aber auch deutschsprachige Werke existieren in Hülle und Fülle. Doch wieso sollte man die Literatur über den Genozid überhaupt geografisch unterscheiden? Nun, das werde ich Ihnen in den kommenden Monaten zu zeigen versuchen.

Auch inhaltlich kann man eine (nicht immer ganz trennscharfe) Grenze ziehen: Auf der einen Seite befindlich ist die dokumentarische Literatur. Dabei handelt es sich um Zeugnisse von Überlebenden, Tätern und Augenzeugen, manchmal durch einen Journalisten vermittelt. Auf der anderen Seite steht die fiktionale Erzählliteratur, die sich zwar ebenfalls auf realhistorische Ereignisse stützt, deren Handlungen und Figuren zum Großteil konstruiert sind – zu welchem Zweck? Auch dahingehend wird es eine lange Reise, diese Prozesse nachzuvollziehen. Dabei steht die Erzählliteratur keinesfalls allein da, denn auch lyrische und dramatische Texte existieren, genau wie (inter-)mediale Erzählzugänge wie die Graphic Novel, Songtexte und Filme genutzt werden, um vom Genozid zu erzählen. Doch bevor wir uns den ruandischen Geschichten zuwenden, blicken wir zunächst auf die ruandische Geschichte – auf den Ursprung von allem.

Für die heutige Kolumne empfehle ich Ihnen folgende Werke:

Robert Stockhammer: Über einen anderen Genozid schreiben
Suhrkamp Verlag, 188 Seiten
Preis: 14,00 Euro
ISBN: 978-3-518123980

Hotel Ruanda (2004). Regie: Terry George. Darsteller: Don Cheadle, Sophie Okonedo, Joaquin Phoenix. Laufzeit: 122 Minuten. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


[1] Die Logik des Genozid-Zählens ist ein Thema für sich. Im Allgemeinen wird mit dem Begriff Genozid in der Geschichtswissenschaft bewusst spärlich umgegangen, um die Singularität des Einzelereignisses zu betonen, wobei auch andere Ereignisse unter diesen Begriff subsumiert werden (der Völkermord an den Herero und Nama, an den Sinti und Roma, die Verbrechen im ehemaligen Jugoslawien und viele weitere) – diese Kategorisierungen als Genozid sind jedoch nicht unumstritten und werden deshalb hier nicht genannt.

Ein Gedanke zu „Doctor’s Diary (4): Warum über einen anderen Genozid schreiben

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