In der lesBar mit Heidi, Rainald Grebe und Bastian Beny

Foto: Unsplash

Ein problematisches Kunstwerk, eine problematische Oper, ein problematischer Schlager, ein Problem nach dem anderen, eine Strategie zum Weghören, ein Affe, eine Exil-Alpinistin, eine philosophische Frage mit theoretischer Möglichkeit zur Beantwortung, ein wirklich schlechter Film, ein Blödelbarde mit Potential zur Selbstverletzung, ein natürlicher Sprudel und endlich mal ein trinkbarer Schaumwein in rot. Herzlich willkommen zum Achtsamkeitstraining in der lesBar!

von NICK PULINA

Servus in die Runde,

herrje, was war das wieder für ein Monat für die Kunst? Die Documenta wird antisemitisch unterwandert, der Staatsoper Hannover mansplaint Eugen Onegin zu viel, sodass schleunigst eine Triggerwarnung hermuss, und von heute auf morgen soll der deutsche Schlager sexistische Tendenzen haben? Es gibt nicht so viele Mäuse, wie man melken müsste…

Was also tun? Natürlich, eine politische Auseinandersetzung wäre denkbar. Aber seien Sie ehrlich, sind Sie es nicht auch langsam leid, alles und jeden bis zum letzten Semikolon ausdiskutieren zu müssen? Verstehen Sie mich nicht falsch, Diskurs ist wichtig, aber wer nur ein Stichwort in den Raum wirft, um dann alle zu schelten, die dieses nicht der richtigen Weise nach verarbeiten, sucht keinen Diskurs. Es ist strittig, ob Sexismus in einem schnöden Ballermannhit toleriert werden sollte, man kann diskutieren, inwiefern die Kunstfreiheit durch das Abhängen des Documenta-Exponats eingeschränkt wird und Triggerwarnungen im künstlerischen Kontext… nun ja, irgendwer wird sie diskutieren wollen. Nur leider schafft es kaum noch jemand.

Versetzen wir uns in folgende Lage: Sie sitzen auf einer Grillparty, mümmeln entspannt Ihren Wassermelone-Feta-Salat, eine Bratwurst oder einen Feta aus dem Alu-Päckchen (ist ungesund, ich weiß, ich weiß) und irgendjemand fängt wieder mit einer dieser leidigen Scheindebatten an. Was tun Sie? Hier meine Top 5 der besten mentalen Auswege:

  1. Der Klassiker – Sie denken an den Affen. Sie wissen schon, diese kleine, hässliche Stoff-Plastik-Assemblage in Bigfoot-Optik mit zwei gellend nervigen Becken in der Hand, die es auf Erschütterung zusammenzuschlagen beginnt. Kommen Sie schon, haben Sie nie SpongeBob oder Die Simpsons geschaut? Na bitte.
  2. Sie versuchen, im Kopf die Verwandtschaftsverhältnisse von Heidi, dem Alm-Öhi und Peter auseinanderzudividieren. Was erst einmal eindeutig scheint, ist komplexer, als Sie sich zu erinnern glauben. Immer wenn Sie sicher sind, die Antwort gefunden zu haben, fällt Ihnen doch eine Unstimmigkeit auf und Sie fangen wieder von vorne an.
  3. Stellen Sie sich folgende Frage: Gibt es mehr Türen oder Räder auf der Welt? Keine Antwort, aber auch hier gilt, immer wenn Sie sich sicher zu sein scheinen, stolpern Sie in ein „Ach nein, Moment mal“.
  4. Welcher Film ist der schlechteste, den Sie je gesehen haben? Kommen Sie mir jetzt nicht mit Klassikern wie Sharknado, Der goldene Nazi-Vampir von Absam 2 oder Als die Frauen noch Schwänze hatten, das ist keinen Gedanken wert. Nein, nein, fanden Sie nicht auch, dass Harry Potter ein „gewaltverherrlichender Päderastentraum mit Zauberstab“ (Sebastian Krämer) war? Oder Der Herr der Ringe die langatmigste Art gezeigt hat, sich alter Erbstücke zu entledigen? Nicht zuletzt ist Star Wars doch auch nichts anderes als eine achtzehnstündige und physikalisch vollkommen hanebüchene Darstellung einer Sitzung des Schweriner Stadtrats, nur eben im Weltall. So, nun, wo Sie genügend Hass gegen mich entwickelt haben – einem Fandom gehören Sie doch mindestens an –, kanalisieren Sie diese Energie und fragen sich mal selbst, was Ihnen wirklich Kopfschmerzen bereitet hat.
  5. Singen Sie in Ihrem Kopf. Im Prinzip ist es egal, was Sie singen. Nur bloß keinen deutschen Schlager, sie wollen ja nicht aus Versehen summen und doch noch Teil der Scheindebatte werden. Wie wäre es mit Rainald Grebe? Mein Retter in guten wie in schlechten Tagen, auch in den besten und schlechtesten. Seine Musik heitert auf und bricht Herzen, bringt Sie zum Lachen und treibt Sie in den Suizid, ist dadaistisch und doch so tiefenmelancholisch wie der berühmte traurige Clown. Sie kennen Ihn? Wunderbar, dann singen Sie drauflos. Sie kennen ihn nicht? Na, dann wird’s aber höchste Eisenbahn. Ich habe Ihnen eine Playlist zusammengestellt. Viel Spaß!

Wer diese Kolumne kennt, wird sich fragen, warum ich nicht einfach fünf Weine empfehle. Im seichten Delirium fällt es sich doch gleich viel leichter, nicht zuzuhören. Weit gefehlt, liebe Lesende. Nach dem zweiten Glas wird die Zunge locker und Sie steigen womöglich doch noch ein. Und auf einmal hören Sie sich Richard David Precht verteidigen oder die zweite Lautverschiebung leugnen. So weit darf es nicht kommen. Sie nehmen also was zur Hand? Den Pet.naturel Pet Nat von Batian Beny. 

Hergestellt aus zwei, freundlich gesagt, weniger spannenden Rebsorten: Dornfelder und Portugieser. Ja genau, den beiden bei Oma heiß beliebten Weißherbst-Trauben. Aber lassen Sie sich nicht von ihnen täuschen, genauso wenig von der Farbe! Ja, das Zeug ist rot und nochmal ja, roter Schaumwein ist fies, aber hier erleben wir die die Regel bestätigende Ausnahme. Farblich ist dieser Schäumer im Bereich von tiefrotem Pink angesiedelt und ein ziemlicher Naturbursche. Aromatisch steht da neben viel Beerenfrucht vor allem das Zeugnis eines reduktiven Ausbaus in der Nase. Das heißt so viel wie: Riecht nach China-Böller und dem Morgen nach Silvester – im bestmöglichen Sinn. Ich liebe diese Aromatik, die hier im Übrigen recht schnell verfliegt und noch mehr Frucht durchlässt. Am Gaumen wird es staubtrocken, aber fruchtbetont, frisch und animierend. Das Beste daran: Er hat nur 9 % Alkohol und kostet nicht einmal 15 Euro.

Kleiner Blubber-Exkurs: Pet Nat steht für „pétillant naturel“, also „natürlich schäumend“. Im Gegensatz zu Sekt oder Champagner wird für ihn kein fertiger Wein nochmal mit Zucker und Hefe versetzt und ein zweites Mal zum Gären gebracht, sondern direkt der Most abgefüllt. Was also als Traubensaft mit Hefe in die Flasche kommt, bleibt da so lange drin, bis ein Schaumwein daraus geworden ist. Wie wir spätestens seit Die Feuerzangenbowle (jeder nur einen winzigen Schlock!) wissen, wird bei der alkoholischen Gärung Zucker in Alkohol und CO2 umgewandelt. Wenn letzteres nun aber wegen des Kronkorkens auf dem Flaschenhals nicht raus kann, setzt es sich im Wein fest und bleibt dort als Kohlensäure gelöst bestehen. Tada, fertig ist der einfach vergorene Bubbler, hergestellt nach der traditionellsten Methode der Schaumweinproduktion, und nebenbei gesagt zur Zeit der heiße Scheiß am Weinhimmel.

Ich hoffe, Ihnen den einen oder anderen hilfreichen Tipp gegeben zu haben und wünsche erneut viel Kraft und ausreichend Humor, um mit der aktuellen Lage umgehen zu können. Sie wissen ja: „Die Welt ist aus den Fugen.“

Cheers,

Ihr

Nick Pulina

PS: Heidi ist die Enkelin vom Öhi und die Cousine von… nein, die Großnichte vom Öhi und die Schwip-Schwäger… nein… die Gästin vom Öhi… oder…

PPS: Wenn Sie den Pet Nat kaufen gehen, schnappen Sie sich in demselben Laden auch eine Flasche Lambrusco. Das Zeug hat einen qualitativen Aufschwung erlebt, Sie können es sich nicht vorstellen.

PPPS: Was ist Ihr Lieblingsthema für Scheindebatten? Lassen Sie es mich wissen unter @culinanick auf Instagram.

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