Aleppinische Buddenbrooks

Khaled Khalifa: Keiner betete an ihren Gräbern; Cover: Rowohlt

Khaled Khalifas Keiner betete an ihren Gräbern begleitet uns hinab in die liebestollen Schicksale der Bürger Aleppos. Von Narben gezeichnet sind deren Leben durch die zahlreichen Katastrophen, die das osmanische Reich, das französische Mandatsgebiet sowie das unabhängige Syrien heimsuchen. Von der Flut, dem Ersten Weltkrieg, von Hunger und Massakern, von Pest und Cholera – nichts bleibt den Menschen erspart. Doch selbst die Liebe bietet den Bewohnern des Romans keinen Halt: ein schaurig-schönes Panorama für das Leiden bietet Aleppo.

von THOMAS STÖCK

Ein Familienroman von epischer Breite – so lässt sich Khaled Khalifas Keiner betete an ihren Gräbern charakterisieren. Und diese Charakterisierung verleitet dazu, den Roman mit anderen Werken zu vergleichen. Für deutsche Leser liegt sicherlich die Assoziation mit Thomas Manns Buddenbrooks (1901) nahe. Doch statt einer Familie sind es eigentlich zwei, die im Handlungszentrum stehen. Und diese könnten verschiedener nicht sein: Auf der einen Seite steht der junge Hanna Gregorus. Die christliche Vollwaise ist der einzige Überlebende eines Massakers an seiner Familie, das aus Rache verübt wurde für einen Mord an einem osmanischen Offizier, der sich an einer Frau der Familie vergangen hatte. Hanna kommt unter in der muslimischen Familie Ahmad Bayazidis, der eng mit Hannas Vater befreundet war. Hanna wächst also gemeinsam mit Zakaria und Suad auf, Ahmads Kindern. Hanna und Zakaria werden zeitlebens enge Freunde sein und an ihre Seite gesellen sich zwei weitere Freunde, Azar Istanbuli und William Issa. William ist ebenfalls Christ, Azar stammt aus einer jüdischen Familie.

Statt an Buddenbrooks erinnern die ausschweifenden Jugenderlebnisse der vier Freunde an filmische Gangsterepen wie Once Upon a Time in America (1984) von Sergio Leone. Mit Messern drangsalieren die Jungen unbescholtene Bürger, lassen sich mit Prostituierten ein und versetzen ihre Eltern und die traditionelle Elite der Stadt in Angst und Schrecken. Doch auch diese Assoziation mag auf Dauer nicht verhaften, wird doch schnell klar, dass die Jugendjahre nur einen kleinen Ausschnitt der siebzig Jahre währenden Erzählung bilden. Das Aleppo unter osmanischer Ägide wandelt sich in eine von Krieg und Hunger heimgesuchte Elendskulisse. Und so erklingen zwischen den Zeilen die Töne von Joseph Roths Radetzkymarsch, die Abklänge auf ein im Untergang begriffenes Reich vieler Völker. Doch aus den Ruinen des osmanischen Reichs ertönen sogleich die vielzähligen Stimmen, die eine Unabhängigkeit einfordern: die Jungtürken in Istanbul, die Armenier und Kurden, später auch die Juden mit ihren Forderungen nach einem israelischen Staat.

In uns die Sintflut

Leser der ersten Seiten des Romans könnten an dieser Stelle mitunter verwirrt sein, denn der Roman hat seinen Ausgangspunkt an einer ganz anderen Stelle. Auf den ersten Seiten sind es Hanna und Zakaria, die in ihren Wohnort, das kleine Dorf Hosch Hanna einziehen, um die Leichen einer Flutkatastrophe zu bergen. (Hanna und Hosch Hanna sind nur einer der vielen Momente, in denen die Namensgebung zur Verwirrung führen kann.) Ein über die Ufer getretener Fluss hat beinahe das gesamte Dorf ausgelöscht und nur Hanna, Zakaria, dessen Frau Schaha sowie eine armenische Christin namens Marjana haben überlebt. Zakarias und Schahas Kinder sowie Hannas Frau Josephine sowie das gemeinsame Kind hingegen sind den Fluten zum Opfer gefallen. Denn trotz ihrer Liederlichkeiten sind Zakaria und Hanna auch liebende Familienväter – bis der Tod sie ihrer Familienidylle entreißt. Ironischerweise ist es gerade ihr sündhafter Lebensstil, der sie vor der Katastrophe errettet. Von hier aus werden die Erlebnisse der Figuren in Vor- und Rückblenden erzählt.

Nicht umsonst steht diese Katastrophe am Beginn einer kräftezehrenden Reise, tragen doch alle Beteiligten in sich die Erinnerung an die Toten. Die Vergänglichkeit schleppen die Figuren von nun an permanent mit sich herum. Hannas Verlust seiner zweiten Familie ist zudem begleitet von den Störfeuern seiner unerfüllten Liebe zu Suad, seiner Stiefschwester. Denn tatsächlich sehnt sich Suad – wie viele andere Frauen auch im vordergründig prüden und konservativen Aleppo – nach den jungen Abenteurern und ihren Ausschweifungen. Doch wo die Liebe hinfällt, zu knospen beginnt und in späteren Jahren erblüht: Das Schweigen hat sich zwischen den beiden eingenistet und verhindert die Zusammenkunft dessen, was nicht sein darf. Und mit der Flut entzieht sich Hanna allen weltlichen Eskapaden und kehrt in einem Kloster ein. Dieses gründet die vierte Überlebende im Bunde, Marjana, welche – wie könnte es anders sein? – sich ebenfalls zu Hanna hingezogen fühlt. Doch aus dem Saulus möchte sie keinen Ehemann machen, sondern einen waschechten Paulus. So kommt es, dass Hanna zum Heiligen stilisiert und dessen Sünden einer göttlichen Botschaft unterworfen werden.

Romeo und Julia auf Arabisch

Religion spielt, wie schon durch die bloße Nennung der Zugehörigkeiten der Figuren impliziert, eine tragende Rolle in diesem Erzählkosmos. Der weltoffene Teil der Bevölkerung ist dabei den permanenten Schikanen, dem Tratsch und auch den Todesdrohungen ausgesetzt, die die konservativen Kräfte von allen Seiten zum Einsatz bringen, um sich selbst zu bereichern und positiv darzustellen. Und ein ums andere Mal fällt eine Stimme der Vernunft Gottes Häschern zum Opfer. Tragendes Element dieser Verfolgungen sind die Muslime, die als Elite des osmanischen Reichs natürlich auch den Großteil der Macht auf sich vereinen und deshalb wissen, dass ihr Handeln zumeist keine Konsequenzen hat. Nicht umsonst schweigen Hanna und Suad über ihre Gefühle, bergen diese doch ein ungeheures Risiko, das ihr Duckmäusertum plausibilisiert.

Doch auch die mutigen Romeos und Julias gibt es, die sich über die Forderungen der Capulets und Montagues hinwegsetzen, auf dass ihre religiösen Trennlinien auf ewig festgeschrieben sind. Der bereits genannte William Issa, seines Zeichens Christ, sowie Aischa Mufti, eine Muslimin, entbrennen zueinander in Liebe. Und die Zwei sind tatsächlich gewillt, Schimpf, Schande und sogar den Tod auf sich zu nehmen, um ihre Liebe ausleben zu können. Wie zwei Sternschnuppen, die gemeinsam den Nachthimmel über Aleppo für kurze Zeit erhellen, dann aber vergehen, werden William und Aischa zum Stadtgespräch. Auch ihr Schicksal ist es, das Hanna und Zakaria nachhaltig schockiert.

Quo vadis, Syrien?

Für eine Vielzahl der Figuren trifft es zu, dass sie Sternschnuppen gleich die Augen von Khalifas Leserschaft zum Leuchten bringen. Zu zahlreich sind die Katastrophen, denen sie sich ausgesetzt sehen. Die Flut trifft Hanna und Zakaria hart, an anderer Stelle ist es der Hunger, der das vom Krieg gebeutelte Land und seine Leute in den Tod treibt. Parallel dazu grassiert die Pest. Und wem der Tod bis jetzt noch nichts anhaben konnte, den verfolgen die gläubigen Häscher mit Fackeln und Messern in der Hand. Der wütende Mob ist auch ein Ausdruck dessen, was Khalifa mit seinem Roman beklagt: Statt Kultur und Genusssucht der aleppinischen Bohème sind die Straßen erfüllt mit den Klängen von gewaltsüchtigen Mullahs und Erzbischöfen. Das alte Aleppo, für das Hanna und Zakaria stehen, ist dem Tode geweiht – und dies wissen auch die Figuren.

Nur Wenige können diesem Schicksal entfliehen. Zu ihnen zählt eine Figur mit dem Namen Dschunaid Khalifa. Teil der Romanfiktion ist es, dass es sich bei Dschunaid um einen Großonkel des Schriftstellers Khalid Khalifa handelt. Seine Geschichten sind ein Teil der künstlerischen Vielfalt, mit der Aleppo aufwarten kann: Architekten, Maler, Fotografen. All diese Leute wirkten einst in Aleppo. Doch keiner betete an ihren Gräbern, ihre Lebensgeschichten sind in Schweigen gehüllt. Genau dieses Schweigen durchbricht Khalifa. Ein episches Zeugnis der Wehmut über das unwiederbringlich Verlorene.

Khaled Khalifa: Keiner betete an ihren Gräbern. Aus dem Arabischen von Larissa Bender
Rowohlt Verlag, 544 Seiten
Preis: 26,00 Euro
ISBN: 978-3-498-00204-6

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