Doctor’s Diary (5): 1 Million Tote in 100 Tagen

Viele der ruandischen Traditionen sind durch die Kolonialisierung verlorengegangen. Dazu zählen auch die traditionellen Frisuren, amasunzu genannt.

Wer den Völkermord in Ruanda verstehen will, muss einen Blick in die Geschichte des Landes werfen. Und siehe da: Kolonialismus, Pseudowissenschaft, Machtausübung zu Lasten der Bevölkerung und am Ende überlässt man die Afrikaner sich selbst. Ruanda ist ein Paradebeispiel für die (Post-)Kolonialpolitik der europäischen Staaten – versagt haben sie alle. Inklusive der ruandischen Mehrheitsbevölkerung, die sich von den rassistischen Fantasien der Machthaber einlullen ließ.

von THOMAS STÖCK

1994 gingen die Gräuel des Genozids an den ruandischen Tutsi um die Welt. Wie konnte es dazu kommen, dass in etwa 100 Tagen über eine Million Menschen ihr Leben ließen? Diese Frage, die ich bereits in meiner letzten Kolumne angekündigt habe, versuche ich in der heutigen Kolumne zu beantworten.

Seinen Ausgangspunkt hat die Geschichte des ruandischen Völkermords in der Kolonialzeit. Als ein Großteil der Welt bereits am Reißbrett unter den europäischen Mächten aufgeteilt war, im Jahre 1884 nämlich, da wurde Ruanda als Teil des „Schutzgebiets“ Deutsch-Ostafrika eine Kolonie des deutschen Kaiserreichs. Zu diesem Gebiet zählten neben Ruanda der Bruder-Staat Burundi sowie Tansania (ohne Sansibar) und kleine Teile des heutigen Mosambik. Die deutsche Kolonialherrschaft im Land währte nur bis 1916 – dennoch war sie prägend für die Zukunft des Landes. Denn mit den Kolonialbeamten kamen auch Missionare sowie Forschungsreisende. Sowohl Missionare als auch Forschungsreisende waren an der Ausübung der indirekten Herrschaft in Ruanda maßgeblich beteiligt. Den beiden großen Bevölkerungsgruppen des Landes, Hutu und Tutsi, die sich im Zuge der Christianisierung beide der europäischen Kultur unterzuordnen hatten, wurde nämlich eine unterschiedliche Herkunft nachgesagt. Die deutschen „Wissenschaftler“ – dieses Ausdrucks sind diese Scharlatane eigentlich gar nicht würdig – gelangten nämlich zur sogenannten Hamiten-Hypothese.

Die Hamiten-Hypothese

Die Hamiten-Hypothese behauptet, dass es sich bei den Hutu um ein Bantu-Volk handelt, welches lange vor den Tutsi das ruandische Land besiedelte. Die Tutsi wiederum sollen ein aus Äthiopien stammendes Volk von Hamiten sein, welches erst spät im heutigen Ruanda siedelte und die Hutu unterwarf. Im Unterwerfen hatten die Tutsi natürlich etwas mit den Weißen gemein, sodass behauptet wurde, die angeblich groß gewachsenen und mit schönen Nasen ausgestatteten Tutsi seien „weiße Neger“, die die dummen, kleinen und hässlichen Hutu geschickt unterjochten. Zupass kam dieser „wissenschaftlichen“ Geschichtsinterpretation, dass die Tutsi in weiten Teilen eine homogene Herrscherkaste aus Viehzüchtern bildeten, wohingegen die Hutu eine untergeordnete Bevölkerungsschicht bildete, die hauptsächlich die Felder beackerte.

Noch nach der Kolonialisierung blieb die jahrhundertealte monarchische Herrschaft des Landes unangetastet. Über ihre Geschichte verrieten die Ruander – insbesondere die Tutsi am Königshof – den Weißen jedoch nichts. Sie ließen die Weißen im Glauben, die Hamiten-Hypothese entspräche historischen Wahrheiten. Tatsächlich hüllten sich aber die Geschichtenerzähler, der König und sein Gefolge in Schweigen. Im Laufe der Jahrzehnte, in denen die Weißen ihre Version der ruandischen Geschichte niederschrieben, verdrängte das schriftliche Wissen zunehmend das mündliche.

Die Trennung von Hutu und Tutsi

Doch erst die Belgier ermöglichten das schlussendliche Durchsetzen der Hamiten-Hypothese. Durch den Völkerbund wurde Belgien 1919 das Mandatsgebiet Ruanda-Urundi zugesprochen. Auch die Belgier setzten die Kollaboration mit der Tutsi-Herrscherkaste fort – und die damit einhergehende Unterdrückung der Hutu-Bevölkerung. Zugleich begannen sie in den 1930er Jahren die „Volks“-Zugehörigkeit in Ausweisdokumente der ruandischen Bevölkerung zu schreiben. Wer von nun an Hutu oder Tutsi war, blieb es auch. Dabei waren bis dato Hutu und Tutsi durchlässige Klassen. In der Geschichtswissenschaft wurde einige Zeit gemutmaßt, die Zugehörigkeit zu den Tutsi sei an den Besitz von Vieh geknüpft. Tatsächlich ist wohl auch diese Hypothese falsch. Was genau schied Hutu und Tutsi denn nun, bevor die Kolonialherren ethnische Trennlinien festsetzten? Deutlich einfacher ist es festzustellen, was die beiden Bevölkerungsgruppen eint: Sie haben eine Sprache, eine Kultur, eine Religion. Das ist ein einzigartiger Ausgangspunkt für einen Völkermord.

Im Zuge des Zweiten Weltkriegs verloren die Belgier zunehmend die Kontrolle über Ruanda-Urundi. Die Hutu-Bevölkerungsmehrheit forderte mehr Rechte ein – die Belgier ließen die Tutsi fallen und biederten sich nun den Hutu an. In Ruanda kam es zu gewaltsamen Aufständen, die von der späteren Regierungspartei Parmehutu den euphemistischen Beinamen „Hutu-Revolution“ erhielten. Tatsächlich kam es zu gegenseitigen Gewaltakten und Vertreibungsaktionen. Fortan lebten viele Tutsi in der Diaspora: vornehmlich in den Nachbarländern Burundi und Uganda.

Die Gewaltspirale bricht sich Bahn

Von der Unabhängigkeit bis 1994 regierte durchgehend der Parmehutu. Als 1973 Juvénal Habyarimana den bisherigen Präsidenten an der Staatsspitze ablöste, kam es zugleich zu blutigen Ausschreitungen gegen die Tutsi, von denen sich viele in Kirchen und Schulen flüchteten, um Schutz zu suchen vor ihren Hutu-Nachbarn. Doch schon in den Jahrzehnten vor 1973 rächten sich die Hutu an gewaltsamen Übergriffen von in der Diaspora befindlichen Tutsi. Bis zum Beginn der 1990er Jahre ebbte die Gewalt ab. Jedoch führte der Demokratisierungsprozess im Land – gepaart mit wirtschaftlichen Problemen im ostafrikanischen Land – zu radikalen Antworten der Regierung. Es kam zu militärischen Auseinandersetzungen mit Tutsi-Soldaten der Ruandischen Patriotischen Front (RPF), die aus Uganda agierten. Ihr Anführer ist der heutige Staatschef Paul Kagame.

Am 6. April 1994 wurde die Maschine von Präsident Juvénal Habyarimana abgeschossen. Einen Tag später begann das organisierte Töten. Über Monate hinweg waren Listen von Regimegegnern und Tutsi angefertigt worden, Millionen von Macheten waren aus dem Ausland (insbesondere China) herangekarrt worden. Und diesmal machte die Gewalt auch nicht an Kirchen und Schulen Halt. Murambi, Nyamata und Ntarama heißen die Stätten, in denen Tausende Menschen an einem Tag ihr Leben verloren. Die UN-Truppen im Land (deren Anführer Dallaire den bevorstehenden Genozid der UN meldete) mussten dem Töten machtlos zusehen – sie hatten kein Mandat, Einheimische zu beschützen. Die wissenschaftliche Nachlese der Gewalt begann schon kurz darauf: Zu den historischen Hintergründen und zum Ablauf der Gewalt empfiehlt sich Alison Des Forges’ Grundsatzwerk Kein Zeuge darf überleben (das von überholten Opferzahlen ausgeht, dort wird noch von 500.000 Toten ausgegangen; tatsächlich starben 800.000 Tutsi in Folge des Genozids, insgesamt verloren über eine Million Menschen inklusive der Kriegshandlungen ihr Leben).

Für die heutige Kolumne empfehle ich Ihnen folgende Werke:

Alison Des Forges: Kein Zeuge darf überleben. Der Genozid in Ruanda
Human Rights Watch Hamburger Edition, 947 Seiten
Preis: 30,00 Euro
ISBN: 978-3-868543117

Roméo Dallaire: Handschlag mit dem Teufel. Die Mitschuld der Weltgemeinschaft am Völkermord in Ruanda
Klampen Verlag, 651 Seiten
Preis: 38,00 Euro
ISBN: 978-3-866740235

Ein Gedanke zu „Doctor’s Diary (5): 1 Million Tote in 100 Tagen

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