In der lesBar mit der Deutschen Bahn und Helge Schneider

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Foto: meine Supermaus

Ein vergünstigter Reisespaß, ein verwegener Vergleich, ein Zug als Material, eine Beobachterposition, ein Wir, das keines ist, eine Bastelecke, ein Hochzeitsgeschenk, ein Satz mit Effekt, ein Mühlheimer Multitalent, ein kleiner Plottwist und ein Getränkt, das seiner würdig ist. Herzlich willkommen zur Inspirationsreise mit der lesBar!

von NICK PULINA

Servus in die Runde,

wie schnell doch die Zeit vergeht! Schon in zwei Wochen soll er versiegen, jener künstlerischer Jungbrunnen an Material, Inspiration und Ideen. Nein, ich meine nicht die übersommerlichen Hitze- und Trockenheitswellen, die dem Gehirn durch Übersteuerung und Dehydrierung irgendwelche Wahnvorstellungen entlockt – ich meine das 9-Euro-Ticket.

Wo für Heiner Müller der Aufenthalt in der DDR ein „Aufenthalt in einem Material“ war, ist es für mich der Aufenthalt in den Zügen, Bahnen und Bussen. Erwarten Sie hier nun bitte kein „Bahn-Bashing“. Ich mag den Laden. Überfüllte Züge bringen uns wieder näher zueinander, Verspätungen können massiv entschleunigen und ausgefallene Klimaanlagen – denen ich trotz mindestens fünfzig Bahnstunden im Juli nicht einmal begegnet bin – lassen negative Energien verdampfen. Oder so.

Eine Fähigkeit, die das Bahnfahren auch Abseits von Klimathemen auf ewig dem Fliegen voraushaben wird, ist ihre völkerverbindende Kompetenz. Ja ja, sie durchzieht Europa mit einem Schienennetz, schön und gut. Ich meine allerdings die Mikroebene, den einzelnen Wagen, das einzelne Abteil. Was schweißt mehr zusammen als die gemeinsame Erfahrung des Transzendentalen? Und das kann eine mehrstündige Fahrt im von Wochenendausflüglern gefüllten Regionalexpress definitiv sein. Eine meiner schönsten Begegnungen habe ich Ihnen mitgebracht:

Es ist ein heißer Nachmittag im Juli, als ich den ICE von München nach Dortmund besteige. Mein Platz wie immer: Ruheabteil, Vierer mit Tisch, Gangplatz. Diese Kombination hat sich über die letzten Jahre bewährt. Zwischen München und Frankfurt ist alles wie immer. Es ist recht voll, aber man tummelt sich meist eher in der Zugmitte. Ich arbeite, lese ein bisschen Zeitung und verschlinge ein paar Folgen einer Serie. Als wir FFM erreichen, steigt plötzlich die gesamte Meute an Passagier:innen aus. Ich hinterfrage kurz, ob es eine Noträumung gegeben haben könnte, als schon wieder die Dämme brechen und eine neue Welle Gäste in den Zug spült.

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Foto: Deutsche Bahn AG / Oliver Lang

Neben mir am Fenster sitzt nun ein junger Mann von schätzungsweise 28 Jahren. Ihm gegenüber platziert sich nach einigen Minuten eine wahrscheinlich etwas jüngere Frau, die erst umständlich ihren wuchtigen Rucksack und einen Zeichenrollenköcher in der Gepäckablage verstaut und sich dann auf Tisch und freiem Nebensitz ausbreitet. 

Quizfrage: Welches Platz beanspruchende Utensil hatte sie dabei, das es rechtfertigt, guten Gewissens einen Sitz im überbuchten ICE zu blockieren? – Richtig: einen Bastelkoffer. Und, Action!

Er: Huch, was hast du denn vor?
Sie (kichernd): Ich muss noch was fertig basteln.
E: Ah ja. Und das musst du in der Bahn machen?
S: Ja, sonst wäre ich damit nicht mehr fertig geworden.
E: Wofür ist das denn?
S: Für eine Hochzeit, auf der wir morgen eingeladen sind.
E: Ach witzig, wir müssen morgen auch auf eine Hochzeit.
S: Haha, was ein Zufall.

Nun, dass sich zwei Hochzeitstourist:innen im gleichen ICE auch noch gegenübersitzen, ist tatsächlich ein netter Zufall. Aber ist Ihnen etwas aufgefallen? Also abseits der Chuzpe, jemanden im Gang stehen zu lassen, um Platz für sein Bastelzeug zu haben. „Wir müssen morgen auf eine Hochzeit“. Auch eine charmante Art „Ich habe übrigens einen Freund“ zu sagen. Woher sonst das „Wir“? Ärztin ist sie nicht, soviel weiß ich inzwischen. Er allerdings schon. Vielleicht fühlt er sich im  Pluralis benevolentiae zu Hause, aber sie?!

E: Und, was schenkt ihr Ihnen?
S: Sie haben sich Geld gewünscht, also kriegen sie Geld. Aber sie gibt sich auch immer so
krass viel Mühe mit Geschenken, deswegen dachte ich, ich bastele wenigstens die Karte selbst.
E: Du gibst dir ja echt Mühe.
S: Ja haha, sonst würde ich mich auch voll schlecht fühlen. Was schenkt ihr denn?
E: Ja, also es geht um meinen besten Freund. Ich kenne seine Verlobte allerdings nicht so gut, 
deswegen wussten wir nicht, was wir schenken sollen, und da dachten wir: Konzertkarten
gehen doch immer. Da kann man ja nicht viel falsch machen.
S: Oh, da kann man doch mega viel falsch machen?

Achtung! Jetzt kommt der Satz, der mich von der Zeitung aufhorchen ließ, die ich als stummer Zuhörer las – leider ohne Augenlöcher drin. Ein Satz wie ein Urteil. Ein Satz, den man sich nicht besser hätte ausdenken können. Er sagte: „Deshalb haben wir uns entschieden, ihnen Karten für Helge Schneider zu schenken. Helge Schneider geht immer.“

In einem Hollywoodfilm wäre ihr nun in Slow-Motion und Nahaufnahme die kleine Zickzack-Bastelschere aus der Hand gefallen und mit einem überlauten, dumpfen Knall auf das Zugtischchen gefallen. Der Schock sitzt ihr noch in den Knochen. Auf ihre sichtlich irritierte Reaktion erwiderte er nur trocken: „Sieh es doch mal so: Entweder man hasst ihn oder man liebt ihn, aber egal welchem Lager man angehört, fasziniert ist man immer.“ Bäm!

Ich konnte mir ein Lachen und ein Kompliment für diese großartige Aussage nicht verkneifen und begann prompt, Helge Schneider zu hören. Nicht die bekannten Blödelbardenlieder, obwohl auch sie ihre Aufmerksamkeit verdient haben. Schneider ist neben der über Katzenklos singenden Kunstfigur ein hervorragender Multiinstrumentalist und ein überaus talentierter Jazzmusiker. Hören Sie zum Beispiel mal in seine Alben Jazz und The Last Jazz auf einem Streamingdienst Ihrer Wahl und überzeugen sich selbst davon.

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Foto: meine Supermaus

Auch wenn ich mich der Szene als neutraler Beobachter zu entziehen versuche, kann ich mir einen kurzen Kommentar nicht verkneifen: „Hast du schon mal in Schneiders Hörspiele reingehört? Falls nicht: tu es!“

Und dieser Befehl gilt auch Ihnen, liebe Kolumnekonsumierende! In zwei ähnlich kreativ benannten Alben wie die Jazz-Platten, nämlich Hörspiele I und Hörspiele II, entfaltet sich hier Schneiders geballte dadaistisch-komödiantische Kraft. Sei es die kurze Episode, die sich zunächst wie eine Meinungsverschiedenheit zwischen Vorstandsmitgliedern einer Bank anhört und nach und nach enthüllt, dass die Streitparteien in Wirklichkeit Kinder sind, die sich im Sandkasten um das letzte Förmchen streiten oder Schneiders Besuch beim Urologen. Letzterer weist in Hörspielform endgültig die Behauptung zurück, die Hauptqualität dieses Genres läge in seiner einschläfernden Kraft. Nach einer kurzen Einführung besteht dieses Machwerk des Ohrenschmauses hauptsächlich darin, dass Schneider zwei Minuten lang in das Mikrofon brüllt. Wie mein Sitznachbar im Zug so schön sagte: „Da ist für jeden was dabei!“

Die Unterhaltung im Zug wandert, man möchte beinahe „leider“ sagen, zu weniger polarisierendem französischen Hip-Hop. Er erstellt ihr eine Playlist mit den wichtigsten Songs, er ist ja schließlich Franzose. Inzwischen bin ich auch gar nicht mehr so sicher, ob das Gewirze zu Beginn wirklich Auskunft über die Beziehungsstatus der beiden gegeben hatte. Geht mich ja auch nichts an. Es werden jedenfalls neben Musiktipps und Blicken auch noch Handynummern getauscht und sie verabschiedet sich ungefähr so umständlich, wie sie angekommen war.

Was ich Ihnen damit sagen will? Hören Sie mal wieder hin! Das klappt auch mit Kopfhörern ganz prima, machen Sie nur die Geräuschunterdrückung aus. Die Welt ist ein Material, das sich nicht nur physisch auszuschöpfen lohnt. Um gerade Zweiteres zu vermindern, taugt das Bahnfahren im übrigen ohnehin sehr gut!

Foto: Nick Pulina

Und was trinken Sie dazu? In der Bahn vielleicht lieber Wasser, Mate oder Erdbeermilch. Es sei denn, Sie sind Teil einer Damenkegelclubgruppe, dann trinken Sie selbstverständlich Sekt aus Piccoli und Kleinen Feigling. Und zu Helge Schneider trinken Sie … ja, was ist abgedreht und gleichzeitig spannend genug, um es mit Helge aufzunehmen? Wie wäre es mit einem Aperol Schmitz (Namensrechte liegen bei mir!)? Ganz einfach: Sie machen sich einen Aperol Spritz und ersetzen den Prosecco durch Kölsch. Deswegen auch Schmitz. Sie verstehen schon. Klingt erst mal furchtbar, erschließt sich dann aber und ist in seiner Andersartigkeit faszinierend. Ein bisschen wie Helge Schneider. Nur mit Orangenscheibchen.

Cheers

Ihr

Nick Pulina

PS: Wer mich mal in der Bahn trifft und Lust auf ein Match hat, scheue sich nicht mich anzusprechen. Ich habe meist eine Nintendo Switch mit zwei Controllern und Mario Kart dabei und bin gewillt, sie einzusetzen.

PPS: Erinnern Sie sich noch an Helge Schneiders großartigen Marihuana-Möhrchen-Song? Wird wieder aktuell, ich sag’s Ihnen!

PPPS: Haben Sie spannende Bahnbegegnungen hinter sich? Schreiben Sie sie mir @culinanick bei Instagram.

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