Zwischen rückschrittlichen Ansichten und verblüffender Universalität

Jeremias Gotthelf: Die schwarze Spinne; Cover: Reclam

Die schwarze Spinne von Jeremias Gotthelf wird von einigen Germanisten in den Rang der Weltliteratur gehoben. Als Verfechter christlich-konservativer Werte wirkt die Novelle wie eine Reaktion Gotthelfs auf die zeitgenössischen Wandlungen seiner Epoche. Wie kann der Glaube an eine sittliche Ordnung der Welt die Menschen vom Bösen retten? Gotthelfs Erzählung zeigt auf, wie dies möglich ist.

von JULIA LEWEN

Jeremias Gotthelfs Die schwarze Spinne (erstmals 1842 erschienen) gilt als die berühmteste Novelle des Schweizer Autors und wird allgemein als „Meisterwerk der Erzählliteratur des Biedermeier“ betitelt. Bei der ganzen Lobpreisung darf aber nicht vergessen werden, dass Gotthelfs Werk auch einen umstrittenen Status aufweist. Die Novelle erzählt mit ihrer rahmenden Erzählstruktur in mythenhaften Rückblicken von dem zweifachen Wüten einer todbringenden schwarzen Spinne, die als Verkörperung des Bösen und Teuflischen in eine idyllische Dorfgemeinschaft einbricht. Nur mit der Hilfe von Gottes Kraft und einem gottesfürchtigen Leben kann die Spinne – und damit das Böse – verbannt sowie das Dorf gerettet werden.

Ein Kritiker seiner Zeit

Man könnte sich darüber streiten, ob die Novelle ihren Platz in der Weltliteratur verdient oder nicht. Dies wäre mit Gotthelfs Weltansichten und Werten zu rechtfertigen, die in der Novelle sichtbar werden. Der Schweizer lebt nämlich in der Zeit des Vormärz (1830–1848), womit sein Leben von Umbrüchen, Reformen und starken Wandlungsprozessen gekennzeichnet ist. Es ist die Zeit, in der liberale Bewegungen laut werden. Bei Gotthelf jedoch, der eine sehr konservativ-christliche Position vertritt, stoßen die neuen revolutionären Bewegungen auf großen Widerstand und Kritik. Er ist ein lautstarker Vertreter der alten Ordnung. Somit kann die Novelle als Reaktion auf Gotthelfs Abneigung gegen die neuen gesellschaftlichen Wandlungen gelesen werden. Seine fragwürdigen wie rückschrittlichen Ansichten erscheinen jedem aufgeklärten Leser als altmodisch und Unannehmlichkeit. So werden zum Beispiel Frauen- und Fremdenfeindlichkeit sowie die Preisung überlieferter Bräuche sichtbar. Das Fremde wird als die Ursache des Bösen dargestellt. Laut den Erzählern sind die im Dorf befindlichen Ausländer ohne jede Gottesfurcht. Die Eindringlinge bringen alles Schlechte in die abgeschottete biedermeierliche Idylle des Dorfes mit sich. Auch gilt die Einfügung der Teufelsgestalt, die ebenfalls mit dem Fremden assoziiert wird, schon damals als ironisiert in der Literatur. Das Einbringen der Teufelsgestalt erklärt sich dadurch, dass die Novelle auf mündlich überlieferten Sagen sowie dem damals vorherrschenden Aberglauben basiert. Hierdurch orientiert sich Gotthelf auch an dem Genre der Fantastik. Wer also die Novelle heute liest, sollte dies mit einem kritischen Auge tun und mit Rücksicht auf die Epoche den fragwürdigen Sichtweisen mit Vorbehalt begegnen.

Mehr als nur eine unterhaltsame Dorfgeschichte

Doch es gibt auch reichlich positive Aspekte an der Novelle, die schon Thomas Mann mit seinem uneingeschränkten Lob gegenüber der Novelle vorgebracht und damit eine wahre Rezeptionswelle ausgelöst hat. So werden in Die schwarze Spinne auch eine Menge von menschlichen Grundproblemen thematisiert, die als Teil einer Massenpsychologie fungieren. Schuld und Sühne spielen dabei eine große Rolle. Es wird deutlich, wie die Figuren immer wieder die eigene Schuld am Befall des Dorfes von der Spinne nicht einsehen wollen und sie stattdessen auf diejenigen schieben, die den Mut haben, aus der Reihe zu treten und für alle anderen einzustehen. Auch werden die Reaktion und der Umgang mit Fremdheit thematisiert. Diese ganzen massenpsychologischen Grundprobleme in der Novelle zeigen somit auf, dass sie nicht nur eine auf Sagen beruhende, durch und durch altmodische Erzählung ist, sondern dass sie auch einen Mehrwert aufweist und eine überraschende Allgemeingültigkeit besitzt.

Die Struktur der Novelle bestehend aus einer Rahmen- und zwei Binnenhandlungen stellt das ideale Transportmittel zur Überbringung des zentralen Themas dar, nämlich der Gottesfurcht als Abwehr gegen das Böse. Diese Moral wird nämlich von beiden Erzählern in den verschiedenen Handlungen vertreten und beidseitig bekräftigt. So lautet am Ende der Novelle die Moral des Großvaters, der den Erzähler der Binnenhandlungen darstellt: „Da ward meine Überzeugung noch fester, dass weder ich noch meine Kinder und Kindeskinder etwas von der Spinne zu fürchten hätten, solange wir uns fürchten vor Gott.“ Der Erzähler der Rahmenhandlung greift die Lehre des Großvaters nochmal auf und unterstreicht diese: „[W]elche Gottesfurcht und gute Gewissen im Busen tragen […]. Denn wo solcher Sinn wohnet, darf sich die Spinne nicht regen […].“

Gottesfurcht als Allheilmittel

Die Figuren der Erzählung sowie die Leserschaft sollen sich laut der Erzähler bewusst werden, dass man in einer Welt lebt, in der Gott zwar barmherzig ist, jedoch das Böse nur eingedämmt und niemals komplett verbannt werden kann. Dies soll natürlich zur ganzen Moral der Geschichte beitragen, dass nämlich das Böse allgegenwärtig sei, es einem jedoch durch Gottes Kraft nichts anhaben kann, solange man ein streng religiöses und gottesfürchtiges Leben führt. Man sollte sich als Leser dessen bewusst sein und sich nicht von den offensichtlichen Absichten der Erzähler verführen lassen, die auf eine Moralisierung der Leserschaft abzielen. Dabei wirkt es schon fast humoristisch, wie der Autor kaum eine Möglichkeit auslässt, seine christlich-konservative

Weltordnung in den Text nicht nur einfließen zu lassen, sondern diesen komplett darin zu ertränken. Dies wird vor allem bei der Bekämpfung der teuflischen Spinne deutlich, wo allein mit christlichen Mitteln das Böse vertrieben werden kann: „Da begann der Priester einen guten Spruch und hob die heiligen Waffen, und die Spinne schrak zusammen […].“ Ein aufgeklärter Leser kann hier über die Beschwörung der alten Traditionen nur schmunzeln und sie mit Rücksicht auf die Lebenszeit und Epoche von Gotthelf betrachten. Somit lässt sich abschließend sagen, dass die Novelle zu Recht ihren Platz in der Weltliteratur hat, sie jedoch mit gewisser Vor- und Rücksicht zu konsumieren ist.

Jeremias Gotthelf (alias Albert Bitzius): Die schwarze Spinne

Reclam Verlag, 133 Seiten

Preis: 3,60 Euro

ISBN: 978-3-15-006489-4

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Ein Gedanke zu „Zwischen rückschrittlichen Ansichten und verblüffender Universalität

  1. Das Werk von Gotthelf ist vom Dialekt und den Traditionen des Emmentals inspiriert. Diese Sprache und ihr eigentümlicher Klang verleiht auch der Novelle „Die schwarze Spinne“ einen eigentümlichen Groove.

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