Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – Kolonialismus aus neuer Perspektive

Nana Oforiatta Ayim: The God Child; Cover: Bloomsbury

Ghanaische Geschichte verpackt in einem autobiographischen Roman: Mit ihrem Debüt The God Child trägt Nana Oforiatta Ayim dazu bei, postkoloniale Strukturen bewusst zu machen und arbeitet dabei nicht nur die Geschichte ihrer Heimat, sondern auch die ihrer eigenen Familie auf. Geschichten, die enger verwoben sind, als man zunächst vermuten würde.

von SHARLEEN WOLTERS

Die Parallelen zwischen der Autorin und ihrer Protagonistin Maya sind offensichtlich, sobald man sich näher mit Nana Oforiatta Ayim beschäftigt. Beide Nachfahrinnen eines ghanaischen Königsgeschlechts, wachsen sie hauptsächlich in Europa auf, setzen sich vermehrt mit Fragen der eigenen Identität, der Rolle des Kolonialismus und der Familiengeschichte auseinander und kämpfen für die Wahrung der ghanaischen Kultur. Aber der Roman ist nicht ausschließlich eine autobiografische Fiktion, er ist auch eine Reflexion über den Kolonialismus und die strukturellen Hintergründe – endlich aus der Perspektive der ehemaligen Kolonien.

Absurdität und Realität

Dass eine ghanaische Prinzessin in Duisburg aufwächst, kommt einem auf den ersten Blick tatsächlich wie ein absurder Plot vor, genauso wie ihre Bemühungen, einen Weihnachtsbaum aus dem winterlichen London ins tropische Ghana zu fliegen. Aber gerade diese Absurditäten zeigen die Zerrissenheit auf, die Maya im Laufe ihres Lebens prägt, während ihr ghanaischer Cousin Koyo sie nach und nach mit der Geschichte ihrer Heimat Ghana vertraut macht. Maya und Koyo tauchen ein in die mythischen Rituale Ghanas, bemühen sich, die Kultur des Heimatlandes zu bewahren und gleichzeitig ihre eigene Identität zwischen den Kulturen zu finden.

Dabei offenbart sich im Laufe des Lesens nicht nur eine spannende, wenn auch stark verworrene fiktive Erzählung, sondern vor allem auch die Problematik nachfolgender Generationen, die Kolonisierung ihres Landes aufzuarbeiten und für ihre eigene Identität zu kämpfen. Der Autorin gelingt es dabei, die Rolle der ehemaligen Kolonisatoren, sowie die Repräsentation afrikanischer Kulturen kritisch zu hinterfragen und durch teils komische, teils emotionale Phasen zu begleiten.

Die Kunst als Medium

Kunst spielt im Leben von Nana Oforiatta Ayim eine tragende Rolle. Sie setzt sich unter anderem als Botschafterin der ghanaischen Regierung für die Rückgewinnung afrikanischer Kunstgegenstände ein, die während der Kolonialherrschaften geraubt wurden und nun in europäischen Museen ausgestellt werden. Oforiatta Ayim schafft es durch ihren Roman, ihre Mission einem breiteren Publikum zugänglich zu machen: die Wahrung der kulturellen Eigenschaften ihres Heimatlandes Ghana, die Rückgewinnung ghanaischer Kunstgegenstände für ihr Land sowie die kritische Reflexion der Darstellung ehemaliger Kolonien in Europa. Und so gelingt es dem Roman, eurozentristische Perspektiven zu verrücken und auch die Geschichte des eigenen Landes beim Lesen zu hinterfragen. Besonders gelungen ist hierbei die Balance zwischen der Opferrolle einer Region, die stark unter dem Kolonialismus zu leiden hatte und immer noch leidet, sowie der Selbstbehauptung und dem wachsenden Selbstverständnis junger AfrikanerInnen, die sich für ihre Kulturen stark machen.

Oforiatta Ayims metaphorischer Schreibstil nutzt die Kunst der Worte, während wir die Protagonistin Maya von ihrer Kindheit ins junge Erwachsenenleben begleiten. Dabei folgt die Erzählung nur einer losen Chronologie, häufige Zeitsprünge und Ortswechsel sorgen beim Lesen für Verwirrung. Wer sich hiervon nicht abschrecken lässt, darf sich über eine tiefgründige und kunstvoll erzählte Reise des Erwachsenwerdens freuen, die sich erfrischend selbstbewusst mit dem Postkolonialismus auseinandersetzt.

Nana Oforiatta Ayim: The Godchild
Bloomsbury, 241 Seiten
Preis: 9,99 Euro
ISBN: 978-1-4088-8235-1

Nana Oforiatta Ayim: Wir Gotteskinder. Aus dem Englischen von Reinhild Böhnke
Penguin Random House, 272 Seiten
Preis: 22,00 Euro
ISBN: 978-3-328-60146-3

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