Des Rätsels Lösung – der Spannung Verfall? 

Marie Benedict: Mrs. Agatha Christie; Cover: Kiepenheuer & Witsch

Nimmt man eine der bekanntesten Krimiautorinnen als Protagonistin des eigenen Romans, gleicht das Schreiben eines solchen dem Spiel mit dem Feuer. Die Erwartung an den Roman Mrs Agatha Christie selbst, aber auch Marie Benedicts Schreibweise ist hoch. Kann der Roman dem gerecht werden und das bis heute ungelöste Rätsel um das kurzzeitige Verschwinden der Autorin einen spannenden Roman entwickeln oder lodert die Flamme der Erwartung zu stark?  

von SASKIA BRÜNGER

Mrs Agatha Christie behandelt das elftägige Verschwinden der berühmten Schriftstellerin Agatha Christie und alle Geschehnisse in ihrem Leben, die womöglich zu ebendiesem führten, und versucht, eine Lösung für dieses bis heute ungelöste Rätsel zu finden. Dafür wird die Geschichte für einen Großteil des Romans aus zwei Perspektiven erzählt. Er beginnt mit einem Kapitel aus der Sicht Agatha Christies, das (wie auch alle folgenden Kapitel aus ihrer Perspektive) „Das Manuskript“ heißt. In diesen Kapiteln wird den Lesenden ihre Vergangenheit nähergebracht. Die Handlung beginnt im Jahr 1912, in dem sie ihren späteren Ehemann Archibald „Archie“ Christie kennenlernt, und endet im Jahr 1926, also dem Jahr, in dem Agatha Christie für elf Tage verschwand. Das nächste wie auch das folgende Kapitel werden wiederum aus der Sicht Archie Christies erzählt. In diesen Kapiteln – die jeweils „Tag x nach dem Verschwinden“ betitelt werden – begleitet man die elf Tage, in denen Agatha Christie spurlos verschwunden war, ihr Ehemann vor Sorge umzukommen schien und eine großangelegte Suchaktion stattfand, um sie wiederzufinden.

Den Stimmlosen eine Stimme geben

Mrs Agatha Christie ist Marie Benedicts drittes Buch dieser Art. Es erscheint in einer Reihe über starke Frauen der Weltgeschichte. Schon über die erste Frau Albert Einsteins Mileva Marić (Frau Einstein) und Clementine Churchill, die Ehefrau Winston Churchills (Lady Churchill), verfasste sie Romane, in denen sie nunmehr drei historischen Frauen eine Stimme verleiht. Ihre Männer gaben ihnen ihre Namen und nahmen ihnen zu weiten Teilen ihre Entfaltungsmöglichkeiten. Agatha Christie fällt dabei aus diesem Muster etwas heraus. Im Gegensatz zu den anderen beiden Frauen steht sie nicht im Schatten ihres Ehemannes. Archibald Christie war zwar als Pilot für das Militär tätig und damit beruflich recht erfolgreich, dennoch sind weder sein Status noch sein Bekanntheitsgrad vergleichbar mit den anderen beiden Ehemännern, in deren Schatten die beiden anderen Protagonistinnen der Reihe stehen. Dennoch verdient sie es, wie viele andere Frauen, Gegenstand eines solchen Romans zu sein. Wie in dem Roman auch thematisiert, trauten weder Christies Familie noch ihr Ehemann ihr zu, auch nur einen spannenden Kriminalroman zu verfassen. Dass Christie sich davon nicht hat beeinflussen lassen und sich die Zweifel ihrer Familie als ein großer Irrtum herausstellen sollten, ist nicht überzubewerten. Auch in Marie Benedicts Fall ist es erfreulich, dass sie sich nach einem Studium der Rechtswissenschaft und der Tätigkeit in Anwaltskanzleien dazu entschlossen hat, sich der Schriftstellertätigkeit zu widmen. Sie hat für Mrs Agatha Christie eine ausgiebige Recherchearbeit geleistet und ihre Ergebnisse eindrucksvoll in diesem Werk zusammengefasst. Trotz kurzer Kapitel und dem ständigen Wechsel der Perspektive ist ihr Schreibstil jedoch an mehreren Stellen etwas langatmig. Der Höhepunkt des Romans, die Auflösung des Rätsels um Christies Verschwinden, ist schon vor der Enthüllung absehbar. Im Gegensatz dazu war es, wie auch von Benedict beschrieben, stets Christies Ziel, „einen Krimi zu schreiben, dessen Lösung die Leser nicht erraten können“. Dies gelang letzterer auch immer wieder. Dem direkten Vergleich mit Christie, der Kriminalromanautorin, kann Benedict also nicht standhalten. Andererseits ist ein solcher Vergleich wohl auch Benedict unfair gegenüber, da es sich bei Agatha Christie nicht ohne Grund um die erfolgreichste Autorin der Welt handelt.  

Dem Spannungsbogen seine Spannung nehmen

Die Thematik des Romans ist eine spannende und hat großes Potenzial. Christie selbst hat das Rätsel um ihr Verschwinden nie gelöst. Einer möglichen Lösung einen Roman zu widmen, ist sicherlich die Art der Auseinandersetzung, die auch Christie selbst sich gewünscht haben könnte. Zusätzlich wird das Verschwinden Christies als der vielleicht spannendste Fall der Kriminalautorin angekündigt, wodurch die Erwartungen an den Roman sehr hoch sind. Dem Anspruch, dieses Rätsel Christies in einem fesselnden Roman zu lösen, wird Benedict nicht ausnahmslos gerecht. Viele potenziell spannungserzeugende Momente werden nicht zur Genüge ausgeschöpft. Spannung besteht zwar, etwa zwischen dem Ehepaar Christie, spannend ist der Roman selbst jedoch nicht immer. Der Eindruck entsteht vor allem durch den ständigen Wechsel der Erzählinstanzen nach zunächst jedem Kapitel. Dadurch kann keine wirkliche Verbindung zu den Figuren, aber auch nur spärlich ein sich immer weiter steigernder Spannungsbogen aufgebaut werden. Ein Wechsel, wie er in diesem Roman geschieht, eröffnet häufig die Frage der Reliabilität der jeweiligen Erzählinstanz. In diesem Fall wurde die Spannung, die die Frage für gewöhnlich eröffnet, wessen Version der Geschichte man glauben sollte, jedoch schon vor der Lektüre des Romans genommen. Sowohl der Titel als auch die Romanreihe verraten schon vorab, auf wessen Seite man hier stehen sollte. Hinzu kommt die Benennung von Agathas Kapiteln als „Manuskript“. All das nimmt der Geschichte einen weiteren möglichen Spannungseffekt und deutet von Beginn an darauf hin, wer – zumindest laut diesem Lösungsvorschlag des Rätsels – hinter Agathas Verschwinden steckt. Neben dem Wechsel, der die Figuren zuweilen unnahbar scheinen lässt, machen auch die Charaktereigenschaften der Figuren einen Kritikpunkt aus. Die Autorin ist in der Gestaltung der Figuren insofern eingeschränkt, als dass diese auf wahren Persönlichkeiten und berühmten historischen Menschen beruhen. Charaktereigenschaften, die die Figuren spannender gestalten würden, versucht sie deshalb möglicherweise zu vermeiden – auch, um sich nicht weiter als nötig von der Realität distanzieren zu müssen. Diese Gratwanderung meistert die Autorin jedoch nicht immer, sodass auch die Figuren zuweilen recht platt wirken. Mrs Agatha Christie ist somit alles in allem ein guter Roman, der allerdings nicht an meine Erwartungen heranreicht.

Marie Benedict: Mrs Agatha Christie. Aus dem amerikanischen Englisch von Marieke Heimburger

Kiepenheuer & Witsch, 320 Seiten

Preis: 16,00 Euro

ISBN: 978-3-462-00295-9

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