„Und ein wunderliches Gefühl der Unvergänglichkeit“

In seinen Erzählungen huldigte der holländische Schriftsteller Nescio auf berührende Weise den Bohemiens, Außenseitern und Möchtegern-Poeten, die am spießbürgerlichen und engstirnigen Holland des frühen 20. Jahrhunderts scheitern. Dieser schmerzliche Dualismus mag dem wenig bekannten Autor selbst nicht fremd gewesen sein. Jan Frederik Grönloh, der sich hinter dem Pseudonym Nescio (lat. Ich weiß nicht) verbarg, schrieb zeitlebens in seiner Freizeit, während er als Angestellter Teil des braven Bürgertums blieb. Seine lyrisch anmutende Prosa, die zwischen feiner Ironie und Melancholie changiert, ist ein Ereignis.

Der längst überfälligen Wiederentdeckung der wenigen Erzählungen Nescios hat sich nun der Suhrkamp-Verlag in einer Neuübersetzung angenommen.

von LEONARD MERKES Weiterlesen

Advertisements

Blutleere Orestie

Aischylos' "Orestie" am Schauspielhaus Bochum Foto: Birgit Hupfeld

Aischylos‘ „Orestie“ am Schauspielhaus Bochum Foto: Birgit Hupfeld

Aischylosʼ wohl berühmtestes Drama um den Atridenfluch, Blutrache und Muttermord gehört seit Langem zu den Theaterklassikern. Es dauerte jedoch knapp 100 Jahre, bis die Orestie auch auf der Bochumer Bühne Einzug hielt. Lisa Nielebock inszeniert die Trilogie nun in den Kammerspielen – statt karg-analytischen 110 Minuten hätte man sich aber mehr Dramatik und mehr Zeit für Spiel und kontextuelles Regiekonzept gewünscht.

von ANNIKA MEYER Weiterlesen

Der ganz alltägliche Wandel

Doris Anselms Kurzgeschichtenband und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus erzählt von jenen Momenten, die das Leben entscheidend verändern. Die Autorin schildert diese gezielt und lässt dabei weder Kinder, noch Businessmen oder Hausfrauen aus: Unterschiedlichste Personen treten nacheinander in den Mittelpunkt, werden dem Leser jedoch nicht nahegebracht, sondern verwundern zunächst und lassen ihn einen Großteil der Figuren negativ und realitätsfremd wahrnehmen. Ein Kurzgeschichtenband, der die Stimmung eines verregneten Herbsttages heraufbeschwört, trostlos und negativ.

von VIVIANE SCHWERTFEGER  Weiterlesen

Ein junger Mann seziert seine Seele

Ein autofiktionaler Roman, der im realen Leben rechtliche Folgen hat – das gibt es selten. Der 24-jährige Schriftsteller Édouard Louis berichtet in seinem Werk Im Herzen der Gewalt von einer dramatischen Nacht an Heiligabend, die sein Leben und seinen Blick auf die Welt drastisch verändert hat. Gegen den Mann, der ihn vergewaltigt und beinahe ermordet hatte, hat er Anzeige erstattet – doch der wehrt sich gegen die Vorwürfe. 

Von HANNAH SCHMIDT Weiterlesen

49 Jahre seit Philip K. Dick und noch immer keine elektrischen Schafe!

Blade Runner 2049

Denis Villeneuves Blade Runner 2049 läuft seit dem 5. Oktober in den deutschen Kinos.

Hollywood hat es schon wieder getan. Nach Star Wars und Alien wurde jetzt der nächste Sci-fi-Meilenstein per Sequel aus den 70ern und 80ern ins 21. Jahrhundert gehievt: Denis Villeneuve wagt sich mit Blade Runner 2049 an eine Fortsetzung zu Ridley Scotts Blade Runner von 1982. Yay oder Nay? Eine Enttäuschung à la Star Wars: Episode I blieb uns immerhin erspart.

 

von CARO KAISER Weiterlesen

Auf ein Gläschen Absinth in den Rhein

Wagners "Rheingold" an der Deutschen Oper am Rhein Foto: Hans Jörg Michel

Wagners „Rheingold“ an der Deutschen Oper am Rhein Foto: Hans Jörg Michel

Die Deutsche Oper am Rhein erarbeitete unter der Regie von Dietrich W. Hilsdorf eine Rheingold-Inszenierung, die schonungslos mit Richard Wagner umgeht, während sie gleichzeitig sein musikalisches Genie ehrt. Nach Premiere und Spielzeit in Düsseldorf schwimmt Hilsdorfs Vorabend zur Ringtetralogie den Rhein entlang und feierte nun Premiere im Duisburger Opernhaus. Hier wurde es vom Publikum gefeiert und lässt auf weitere spannende Wagner-Abende an den Häusern am Rhein hoffen.

von STEFAN KLEIN Weiterlesen

Märchenmusik mit Knusperhexe

Humperdincks "Hänsel und Gretel" am Aalto-Theater Essen Foto: Saad Hamza

Humperdincks „Hänsel und Gretel“ am Aalto-Theater Essen Foto: Saad Hamza

In der (vor-)weihnachtlichen Regie der Mezzosopranistin Marie-Helen Joël bringt das Essener Aalto-Theater Hänsel und Gretel kindgerecht auf die Bühne. Die musikalische Qualität des Abends führt einmal mehr vor Augen, dass Humperdincks Märchenspiel in drei Bildern durchaus keine Banalität ist, sondern ein ernst zu nehmendes Werk des post-wagnerianischen Musiktheaters.

von HELGE KREISKÖTHER Weiterlesen

Erschütternder Wandel einer Persönlichkeit durch den Einfluss von Manipulation

John Boyne - Der Junge auf dem Berg Cover: Fischer

John Boyne – Der Junge auf dem Berg Cover: Fischer

Mit Der Junge auf dem Berg hat John Boyne nach Der Junge im gestreiften Pyjama (2006) einen weiteren Jugendroman geschrieben, der sich mit dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust beschäftigt. Das Buch handelt von dem Jungen Pierrot, der in Paris aufgewachsen ist und nach dem Tod seiner Eltern auf den Berghof, die Sommerresidenz Adolf Hitlers, zu seiner dort arbeitenden Tante Beatrix kommt. Aus dem kleinen französischen Jungen Pierrot, dessen bester Freund der Jude Anshel war, wird hier der deutsche Peter, der stolzes Mitglied der Hitlerjugend wird.

von ANNA LENA KNIEPER Weiterlesen

„Gott ist tot! Hoch lebe Darwin!“

Ilona Jerger: Und Marx stand still in Darwins Garten   Cover: UllsteinMarxismus, Darwinismus und Religion – wie passt das zusammen? Dass die beiden Persönlichkeiten Karl Marx und Charles Darwin mehr verband als ihre Bärte und der schlechte Gesundheitszustand, zeigt Ilona Jerger in ihrem Roman Und Marx stand still in Darwins Garten. Dabei kommen philosophische Diskurse nicht zu kurz.

von ALINA WOLSKI Weiterlesen

Guten Morgen Baltimore, willkommen in den Sixties!

"Hairspray" an der Oper Dortmund Foto: Bjoern Hickmann - Stage Picture

„Hairspray“ an der Oper Dortmund Foto: Bjoern Hickmann – Stage Picture

Das Musical hat in Deutschland einen schweren Stand: Es wird belächelt als seicht, bunt und dauerfröhlich. Die Oper Dortmund scheint es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, diesen Klischees entgegenzutreten. Ob nun mit dem tiefenpsychologischen Next to Normal, dem düsteren Sunset Boulevard oder dem dramatischen Jesus Christ Superstar – immer wieder beweist das Haus, dass Musical mehr ist als nur eine fröhlich glitzernde Kaugummiwelt. Mit Hairspray gehen die Dortmunder nun sogar noch einen Schritt weiter: Sie spielen ein Musical, das fröhlich, glitzernd UND voller Botschaften ist.

von STEFAN KLEIN Weiterlesen