Handlungsarmut versus Gedankenflut 

Krstine Bilkau: Nebenan; Cover: Luchterhand

Nach ihrem preisgekrönten Debütroman Die Glücklichen ist Nebenan Kristine Bilkaus dritter Roman. Wer auf der Suche nach mitreißenden Spannungsbögen ist, sucht in Bilkaus handlungsarmem Roman lange. Dafür besticht er durch eine detaillierte Beschreibung der Gedanken- und Gefühlswelten der Figuren.  Nun hat er einen Platz auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2022.  

von SASKIA BRÜNGER

Weiterlesen

Narben der Erde

Esther Kinsky: Rombo; Cover: Suhrkamp

Das schicksalhafte Beben im Jahre 1976 erschütterte den italienischen Friaul bis ins Mark. Die Spurenlese dieser Naturkatastrophe betreibt Esther Kinskys Roman Rombo. Ihre Erinnerungsfunde gliedert sie ein in eine natürliche Poetik, die von menschgemachten Narben geziert ist. Zugleich bedeutet das Beben das Ende der traditionellen Lebensweise der Bewohner der Berge Friauls. Eine spannende Nominierung für den Deutschen Buchpreis, aber ob es für den Sieg reicht?

von THOMAS STÖCK

Weiterlesen

Wie Katz und Maus: Der Kangal und der Wolf

Anna Yeliz Schentke: Kangal; Cover: S. Fischer

Anna Yeliz Schentkes Debütroman Kangal berichtet von den sich etablierenden Überwachungsstrukturen in der türkischen Diktatur unter Recep Tayyip Erdoğan in Folge des Putschversuchs 2016. Zur titelgebenden Metapher wird dabei der türkische Hirtenhund Kangal, der sich mutig den Wölfen der Diktatur entgegenstellt. In plastischen, direkten Formulierungen wird ein Klima der Angst aufgerufen, das aufgrund der Sprachmischung eine poetische Einladung wie Herausforderung an deutschsprachige Leser aufbietet. Ein politisch hochbrisanter Roman, aber für den Deutschen Buchpreis zu wenig.

von THOMAS STÖCK

Weiterlesen

„Heutzutage ist man keine ernstzunehmende Intellektuelle, bis man einen Shitstorm bekommen hat“ – Ein Gespräch mit Mithu Sanyal

Die Kulturwissenschaftlerin, Journalistin und Autorin Mithu Sanyal; Foto: Stephan Röhl; Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.en

Am 20. Juni 2022 hat uns die Autorin, Journalistin und Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal mit ihrem Debütroman Identitti (2021) im Seminar „Postcolonial Studies in Literatur und Kultur“ am Germanistischen Institut der Ruhr-Universität Bochum besucht. Identitti hat es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2021 geschafft und wird seit November 2021 am Schauspielhaus Düsseldorf, seit April 2022 am Staatstheater in Darmstadt inszeniert. Der Roman hat Aufmerksamkeit auf ein bislang in der Gesellschaft und damit auch in der Literatur unterrepräsentiertes Thema gelenkt: die Identitätssuche und Repräsentation von BIPoCs (Black, Indigenous, People of Colour) in einer weißen und weiß geprägten Kultur. Wir durften mit der Autorin über ihr Buch, dessen Entstehung und die Hintergründe sprechen.

von JANA SCHRÄDER-GRAU

Weiterlesen

Epische Liebeserklärung ans Heldentum

Anne Weber: Annette, ein Heldinnenepos; Cover: Matthes & Seitz Berlin

Annette, ein Heldinnenepos ist eine in Versen verfasste Biografie der Freiheitskämpferin Anne Beaumanoir. Anne Weber zeigt offen ihre Bewunderung für die Protagonistin, deren real existierendes Vorbild sie als lebendige Heldin verehrt, ohne ihre menschlichen Schwächen auszublenden. Das hat ihr jüngst den Deutschen Buchpreis eingehandelt.

von STEFAN JAKOB

Weiterlesen

Die Realität eines Bildungsversprechens

Deniz Ohde, Streulicht; Cover: Suhrkamp

Deniz Ohde schaffte es mit ihrem Debütroman Streulicht direkt auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2020. Und das zurecht: Ruppig und doch feinsinnig schreibt sie über erlebte Ungleichheiten im Bildungssystem, über Zuschreibungen als Arbeiterkind oder Kind einer Migrantin und den Drang, sich davon zu befreien. Unausweichlich hinterlässt der Roman die Frage: Was bedeutet der Bildungsgedanke heute?

von ALINA BRAUCKS

Weiterlesen

„Wer noch Milchzähne hat, den könnt ihr laufenlassen.“

Stephan Thome – Gott der Barbaren Cover: Suhrkamp

In seiner Erzählung Gott der Barbaren über den Taiping-Aufstand im China des 19. Jahrhunderts stilisiert Stephan Thome seinen Roman zu einer Kulturgeschichte des Fremden. Inmitten von politischen Würdenträgern, gewaltenthemmten Kriegern und unaussprechlichem Leid versucht der Deutsche Philipp Johann Neukamp, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen. Doch während die Gewaltexzesse in immer grausamere Taten kulminieren, geht dem Roman selbst ein wenig die Puste aus.

von THOMAS STÖCK Weiterlesen

Sex und Sühne

Nino Haratischwili – Die Katze und der General Cover: Frankfurter Verlagsanstalt

Nino Haratischwili gelingt es, das bewegende Schicksal einer vergewaltigten und ermordeten Tschetschenin zu den zwei Fragen verkommen zu lassen, wer mit wem in die Kiste hüpft und wann endlich mal Tacheles geredet wird.  Die hölzern wirkenden Figuren drucksen mehrheitlich um den heißen Brei herum. Übrig bleibt der perfekte Roman – für jeden, der sich an plumper Unterhaltungslektüre ergötzen kann.

von THOMAS STÖCK Weiterlesen

Ein Kinderspiel mit dem Zitate-Mosaik

María Cecilia Barbetta – Nachtleuchten Cover: S. Fischer

María Cecilia Barbettas Nachtleuchten ist wohl der Traum eines jeden Literaturwissenschaftlers. Die argentinisch-deutsche Autorin kombiniert autoreferenzielle und intertextuelle Bezüge zu einem Textgewebe, welches aus unzähligen roten Fäden gleich einen ganzen roten Teppich entstehen lässt. Dabei spielt sie gekonnt mit Wörtern, den Möglichkeiten eines veränderbaren Schriftbildes und auf inhaltlicher Ebene mit grausam-grotesken Anwandlungen eines Landes zwischen Diktatur und Demokratie.

von THOMAS STÖCK Weiterlesen

Die Federn des Bösen

Susanne Röckel – Der Vogelgott Cover: Jung und Jung

Susanne Röckel entführt ihre Leser in die Abgründe des menschlichen Verstandes. Durch die Entdeckung eines naturvölkischen Glaubens gerät Familie Weyde in den Sog des Schrecklichen – von Erzählungen und Darstellungen eines mysteriösen Vogelgottes sind sie ebenso fasziniert wie abgestoßen. Dabei sehen sich die Figuren einer feindlichen Umwelt ausgesetzt, deren Atmosphäre Röckel sprachlich auf faszinierende Weise ausstaffiert. Der Vogelgott: ein Schauerroman mit einer Familie zwischen Genie und Wahnsinn.

von THOMAS STÖCK Weiterlesen