Wie Katz und Maus: Der Kangal und der Wolf

Anna Yeliz Schentke: Kangal; Cover: S. Fischer

Anna Yeliz Schentkes Debütroman Kangal berichtet von den sich etablierenden Überwachungsstrukturen in der türkischen Diktatur unter Recep Tayyip Erdoğan in Folge des Putschversuchs 2016. Zur titelgebenden Metapher wird dabei der türkische Hirtenhund Kangal, der sich mutig den Wölfen der Diktatur entgegenstellt. In plastischen, direkten Formulierungen wird ein Klima der Angst aufgerufen, das aufgrund der Sprachmischung eine poetische Einladung wie Herausforderung an deutschsprachige Leser aufbietet. Ein politisch hochbrisanter Roman, aber für den Deutschen Buchpreis zu wenig.

von THOMAS STÖCK

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Kontrovers, Kontroverser, Geschlechtsidentität

Rainer Herrn: Der Liebe und dem Leid; Cover: Suhrkamp

Blickt man in die Meinungsspalten der Zeitungen im In- und Ausland, so merkt man, dass das große Schreckensgespenst „Geschlecht“ – oder im konservativen Neudeutsch: „Gender“ – durch die Lande zieht. Ein Alleinstellungsmerkmal unserer Zeit? Mitnichten, wie Rainer Herrns Monographie Der Liebe und dem Leid. Das Institut für Sexualwissenschaft 1919–1933 zeigt. Das Buch führt uns in die Weimarer Republik und in ihre kontroversen Diskussionen rundum Geschlecht, Sexualität und Geschlechtsidentität. Herrn gelingt dabei der Hattrick der Wissenschaftskommunikation: wissenschaftlich sauber gearbeitet, sprachlich ansprechend und auch für Laien verständlich. Eine Empfehlung!

von CARO KAISER

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Doctor’s Diary (5): 1 Million Tote in 100 Tagen

Viele der ruandischen Traditionen sind durch die Kolonialisierung verlorengegangen. Dazu zählen auch die traditionellen Frisuren, amasunzu genannt.

Wer den Völkermord in Ruanda verstehen will, muss einen Blick in die Geschichte des Landes werfen. Und siehe da: Kolonialismus, Pseudowissenschaft, Machtausübung zu Lasten der Bevölkerung und am Ende überlässt man die Afrikaner sich selbst. Ruanda ist ein Paradebeispiel für die (Post-)Kolonialpolitik der europäischen Staaten – versagt haben sie alle. Inklusive der ruandischen Mehrheitsbevölkerung, die sich von den rassistischen Fantasien der Machthaber einlullen ließ.

von THOMAS STÖCK

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Kinderbuchautor und Satiriker

Erich Kästner (1899–1974) um 1930; Foto: Grete Kolliner

Erich Kästner, dessen Todestag sich heute zum 48. Mal jährt, ist wohl so gut wie jedem aus der Kindheit bekannt – ob Emil und die Detektive oder Das fliegende Klassenzimmer sowie die 2002 erschienene Verfilmung, die jedes Jahr zu Weihnachten gezeigt wird. Kästner hat aber nicht nur Kinderbücher geschrieben. Auch seine Romane und seine Lyrik sind thematisch immer noch aktuell.

von CELINA FARKEN

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„Sie sind aber contra“

Mit Contra präsentiert Sönke Wortmann eine deutschsprachige Filmkomödie über das Verhältnis von Studentin und Professor. Dem großen Themenkomplex des Rassismus an Universitäten wird dabei mit einer angemessenen Ernsthaftigkeit begegnet. Obwohl Contra ein tiefgründiges, lehrreiches und zugleich unterhaltsames Filmerlebnis verspricht, wirkt die Bearbeitung des Rassismusthemas gelegentlich gestelzt. Doch das ist Kritik auf sehr hohem Niveau.

von ALINA WOLSKI

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Ab in den Kaninchenbau

Francis Nenik: E. Oder Die Insel; Cover: Voland & Quist

Die deutsche Geschichte zwischen 1933 und 1945 ist tot erzählt, künstlerisch überaufgearbeitet, für nichts Neues mehr zu gebrauchen? Pah! Francis Nenik zeigt mit seinem bereits im Mai erschienenen Roman E. oder Die Insel, dass die deutsche Vergangenheitsbewältigung weiterhin mit Themen und Geschehnissen aufwarten kann, die im kollektiven Gedächtnis noch nicht ihren festen Platz gefunden haben. Und das ganz ohne kitschige Familiengeschichten! Das größte Mysterium: Warum ist der Roman nicht für den Deutschen Buchpreis 2021 nominiert?

von CARO KAISER

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Frühaufsteher oder Langschläfer?

Erich Kästner: Der Gang vor die Hunde; Cover: Atrium Verlag

Erich Kästners Der Gang vor die Hunde ist ein Paradebeispiel der Gesellschaftskritik verpackt in Ironie. Zuerst erschienen unter dem Titel Fabian. Die Geschichte eines Moralisten wirft der Roman einen kritischen Blick auf die Gesellschaft der 1930er-Jahre und auf Themen, die auch heute noch aktuell sind. Dieses Jahr kam die Verfilmung des Romans in die Kinos, daher lohnt es sich noch einmal mehr, einen Blick auf die Vorlage zu werfen.

von CELINA FARKEN

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Wo geht’s hier zur Mitmach-Revolution?

Hannes Köhler: Götterfunken; Cover: Ullstein

In seinem Anfang August erschienenen Roman Götterfunken erzählt Hannes Köhler die ineinander verflochtenen Geschichten dreier Männer, die in ihren Zwanzigern gemeinsam einen anarchistischen Anschlag in Barcelona geplant und verübt haben. In den späten 2010ern ist von diesem revolutionären Eifer jedoch nur noch eine schemenhafte Grundeinstellung vorhanden und auch ihre Beziehungen untereinander sind so lebendig wie die anarchistische Weltrevolution. Ein wunderbar recherchierter, konstruierter und geschriebener Roman über das Älterwerden von Körpern, Beziehungen und philosophisch-politischen Idealen.

Von CARO KAISER

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Die Realität eines Bildungsversprechens

Deniz Ohde, Streulicht; Cover: Suhrkamp

Deniz Ohde schaffte es mit ihrem Debütroman Streulicht direkt auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2020. Und das zurecht: Ruppig und doch feinsinnig schreibt sie über erlebte Ungleichheiten im Bildungssystem, über Zuschreibungen als Arbeiterkind oder Kind einer Migrantin und den Drang, sich davon zu befreien. Unausweichlich hinterlässt der Roman die Frage: Was bedeutet der Bildungsgedanke heute?

von ALINA BRAUCKS

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Weiße Westen, Persil sei Dank

"Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" am Musiktheater im Revier Foto: Karl und Monika Forster

„Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ am Musiktheater im Revier Foto: Karl und Monika Forster

„Darum lasst uns hier eine Stadt gründen. Und sie nennen Mahagonny. Das heißt: Netzstadt.“ Während die neu gegründete Stadt Mahagonny mitten im amerikanischen Nirgendwo ihr Netz auswirft und immer neue Bewohner einfängt, kann Jan Peters Inszenierung von Kurt Weills Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny im Musiktheater im Revier Gelsenkirchen nur wenige Premierenbesucher fesseln. Weit entfernt von frenetischem Applaus, klatscht das Publikum eher höflich. Etwas euphorischer hätte es jedoch reagieren dürfen, zeigt das MiR doch ein mutiges Stück, in einer Inszenierung, die gern noch etwas mutiger hätte sein dürfen. 

von STEFAN KLEIN Weiterlesen