Menschen, die Pech hatten

COVER_Leonie Ossowski_Weckels Angst_PiperEin Jugendlicher bemerkt in der Strafanstalt, dass sein Leben keinen Sinn ergibt, weigert sich zum ersten Mal seine Zellenmitbewohner oral zu befriedigen, wird von ihnen so schikaniert, dass er ineinander gehackte Nadeln schluckt und stirbt. Dieser Jugendlicher ist Weckel und der Titelheld von Leonie Ossowski Weckels Angst. Mannheimer Erzählungen. Seine Geschichte sowie jene von sieben seiner Bekannten werden so individuell und detailreich beschrieben, dass es unmöglich wird, die Figuren in die Schublade „jugendliche Straftäter“ zu stecken.

von CAROLINE KÖNIGS Weiterlesen

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Wut, Rage und Frustration

"Wut/Rage" bei den Ruhrfestspielen Foto: Krafft Angerer

„Wut/Rage“ bei den Ruhrfestspielen Foto: Krafft Angerer

Als eine der zwei letzten Premieren der diese Spielzeit sehr politischen und überaus erfolgreichen Ruhrfestspiele wurde nun – zumindest in dieser Konstellation – eine Uraufführung aus dem Hamburger Thalia Theater auf die große Bühne in Recklinghausen gebracht: Sebastian Nüblings und Julia Lochtes Konglomerat Wut/Rage von Elfriede Jelinek bzw. Simon Stephens mag thematisch harmonieren, scheitert jedoch an der exzessiven Wiedergabe, die oft den brisanten Inhalt der Textfragmente ver- und überspielt.

von ANNIKA MEYER Weiterlesen

Wie hast Du’s mit der Religion?

Ayad Akhtars "Geächtet" vom Wiener Burgtheater bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen Foto: Georg Soulek

Ayad Akhtars „Geächtet“ vom Wiener Burgtheater bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen Foto: Georg Soulek

Bei den Recklinghäuser Ruhrfestspielen werden dieses Jahr unter dem Motto „Kopf über, Welt unter“ große, oft unbequeme Fragen und komplexe Themen auf verschiedenste Weise auf der Bühne präsentiert und verhandelt. Ayad Akhtars mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnetes Stück Geächtet könnte damit den Kern der diesjährigen Spielzeit treffen – der Regisseurin Tina Lanik und dem Dramaturgen Florian Hirsch vom Wiener Burgtheater fehlt es jedoch an Mut zur Kürzung und Abstraktion, um den Zuschauer bei all den Abhandlungen über das Für und Wider des Islams, die Frage nach dem individuellen Wert des Glaubens u. v. m. emotional am Ball zu halten.

von ANNIKA MEYER Weiterlesen

Ästhetik und Gewalt im Hasenkostüm

"Oresteia" bei den Ruhrfestspiele Foto: Guido Mencari

„Oresteia“ bei den Ruhrfestspiele Foto: Guido Mencari

Wer Aischylos’ Orestie im Theater sehen will, macht sich schon zuvor auf keinen leicht verdaulichen Abend gefasst. Rache, Mord und Familienfluch sind Ingredienzen, die an die Nieren gehen. Der Regisseur Romeo Castellucci hat mit seinem Theaterkollektiv Socìetas Raffaello Sanzio bereits 1995 eine italienischsprachige Oresteia auf die Bühne gebracht – nun führt er sie, dezent aktualisiert, im Rahmen einer Europatournee bei den Ruhrfestspielen wieder auf. Eine drastische Inszenierung, die Bilder statt Worte sprechen lässt.

von ANNIKA MEYER Weiterlesen

Das kalte Herz der Stadt

Fuminori Nakamura: Der Dieb Cover: Diogenes

Fuminori Nakamura: Der Dieb Cover: Diogenes

Mit Der Dieb erscheint erstmals ein Werk des japanischen Erfolgsautors Fuminori Nakamura in deutscher Übersetzung. Ein spannender Krimi, ein magisches Märchen und ein bitteres Gesellschaftsportrait.

von ANNA KREWERTH Weiterlesen

Welcome to your dark and dirty fantasies

"Lulu" am Theater Oberhausen Foto: Birgit Hupfeld

„Lulu“ am Theater Oberhausen Foto: Birgit Hupfeld

Das Theater Oberhausen eröffnet das Jahr 2016 mit einer Menge Blut, Nacktheit und makaber-komödiantischer Musik: Lulu – Eine Mörderballade nach Wedekinds gleichnamiger Tragödie steht mit vielen Songs der Tiger Lillies auf dem Spielplan. Die 90-minütige Inszenierung des belgischen Regisseurs Stef Lernous entblößt trotz aller Bildgewalt einige Schwächen.

von HELGE KREISKÖTHER Weiterlesen

Faust meets Raupe Nimmersatt – Tradition im neuen Gewand

Jonathan Löffelbein - Besucher   Cover: kladde | buchverlagJonathan Löffelbeins Erzählung Besucher ist im Kern ein Text über einen jungen lebensmüden Menschen auf der Suche nach Sinn und der Fähigkeit, sich zu entscheiden. Was nach hundertmal gehört klingt, ist dank des Muts des Autors und der neuen Wege, die er beschreitet, ein gelungenes Debüt, das stellenweise zu hoch hinaus will, aber in jedem Fall eine lohnenswerte Lektüre darstellt.

von SIMON SAHNER Weiterlesen

There will be blood

Bloodline, Original-Netflix-Series ©NetflxSchuld und Sühne in den Florida Keys: Das Schwarze Schaf kehrt zurück in den Hort seiner Familie und schleichend, aber unweigerlich bricht das Chaos aus. Netflix bringt mit Bloodline die nächste gute Serie an den Start. Seit dem 20. März kann die erste Staffel angesehen werden, warum eine zweite Staffel für 2016 bei den Showrunnern, das Kollektiv aus den Kessler-Brüdern und Daniel Zelman, bestellt wurde, bleibt hingegen fraglich.

von NADINE HEMGESBERG

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Once upon a time in Mardin…

COVER_The CutIn The Cut schickt der deutsch-türkische Regisseur Fatih Akin seinen Protagonisten ausgerechnet vor dem Hintergrund des türkischen Genozids an den Armeniern auf eine Kontinente umspannende Reise von Jahresdauer. Das Presseecho ist verheerend, Akins Projekt sei ein unpolitisches, kitschiges Märchen und damit gescheitert. Doch was genau ist das in diesem Fall überhaupt, dieses Scheitern?

Von MEIK JANKE Weiterlesen

Eine Herzmetapher für den Bauch

Kerstin Preiwuß - Restwärme   Cover: Berlin VerlagEine Frau sitzt im Zug. Man weiß zunächst nicht, wohin sie fährt. Doch die Beschreibungen der kargen Landschaft, die am Zugfenster vorbeifliegt, und die nassen Hosenbeine der Frau, die sich an ihre Fußknöchel schmiegen und sie frösteln, lassen erahnen, dass der Bestimmungsort der Reise kein schöner sein wird. Kerstin Preiwuß erzählt in ihrem Debütroman Restwärme eine über mehrere Generationen reichende Familiengeschichte, die nichts von nostalgischer Wärme hat.

von ESRA CANPALAT Weiterlesen