„Und ein wunderliches Gefühl der Unvergänglichkeit“

Nescio - Werke   Cover: Suhrkamp

Nescio – Werke Cover: Suhrkamp

In seinen Erzählungen huldigte der holländische Schriftsteller Nescio auf berührende Weise den Bohemiens, Außenseitern und Möchtegern-Poeten, die am spießbürgerlichen und engstirnigen Holland des frühen 20. Jahrhunderts scheitern. Dieser schmerzliche Dualismus mag dem wenig bekannten Autor selbst nicht fremd gewesen sein. Jan Frederik Grönloh, der sich hinter dem Pseudonym Nescio (lat. Ich weiß nicht) verbarg, schrieb zeitlebens in seiner Freizeit, während er als Angestellter Teil des braven Bürgertums blieb. Seine lyrisch anmutende Prosa, die zwischen feiner Ironie und Melancholie changiert, ist ein Ereignis.

Der längst überfälligen Wiederentdeckung der wenigen Erzählungen Nescios hat sich nun der Suhrkamp-Verlag in einer Neuübersetzung angenommen.

von LEONARD MERKES Weiterlesen

Advertisements

Der ganz alltägliche Wandel

Doris Anselms Kurzgeschichtenband und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus erzählt von jenen Momenten, die das Leben entscheidend verändern. Die Autorin schildert diese gezielt und lässt dabei weder Kinder, noch Businessmen oder Hausfrauen aus: Unterschiedlichste Personen treten nacheinander in den Mittelpunkt, werden dem Leser jedoch nicht nahegebracht, sondern verwundern zunächst und lassen ihn einen Großteil der Figuren negativ und realitätsfremd wahrnehmen. Ein Kurzgeschichtenband, der die Stimmung eines verregneten Herbsttages heraufbeschwört, trostlos und negativ.

von VIVIANE SCHWERTFEGER  Weiterlesen

Guten Morgen Baltimore, willkommen in den Sixties!

"Hairspray" an der Oper Dortmund Foto: Bjoern Hickmann - Stage Picture

„Hairspray“ an der Oper Dortmund Foto: Bjoern Hickmann – Stage Picture

Das Musical hat in Deutschland einen schweren Stand: Es wird belächelt als seicht, bunt und dauerfröhlich. Die Oper Dortmund scheint es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, diesen Klischees entgegenzutreten. Ob nun mit dem tiefenpsychologischen Next to Normal, dem düsteren Sunset Boulevard oder dem dramatischen Jesus Christ Superstar – immer wieder beweist das Haus, dass Musical mehr ist als nur eine fröhlich glitzernde Kaugummiwelt. Mit Hairspray gehen die Dortmunder nun sogar noch einen Schritt weiter: Sie spielen ein Musical, das fröhlich, glitzernd UND voller Botschaften ist.

von STEFAN KLEIN Weiterlesen

Folklore mit Schwung oder: Die böhmische Pechmarie

Smetanas "Die verkaufte Braut" am Essener Aalto-Theater Foto: Matthias Jung

Smetanas „Die verkaufte Braut“ am Essener Aalto-Theater Foto: Matthias Jung

Zur Eröffnung der Spielzeit 2017/18 präsentiert das Essener Aalto-Musiktheater den vielleicht größten Klassiker des tschechischen Musiktheaters, Smetanas Die verkaufte Braut, auf Deutsch. Während das junge Regieduo SKUTR inszenatorisch nur wenige Akzente setzt, lässt der Abend in musikalischer Hinsicht beinah keinen Wunsch offen. Vor allem Jessica Muirhead in der Titelpartie und Tomáš Netopil an der Spitze seiner Essener Philharmoniker sorgen für genussvolle Momente.

von HELGE KREISKÖTHER Weiterlesen

Brunftzeit im Schlachthof

FILMPLAKAT_Ildikó Enyedi_Körper und Seele_Inforg-M&M Film Kft.Liebesfilme sind abgeschmackte Massenware? Fast Food für Hausfrauen Mitte Vierzig? Der neue Film der ungarischen Regisseurin Ildikó Enyedi, Körper und Seele, erzählt zwar eine Liebesgeschichte, aber Freunde von seichter Romantik werden hier sicherlich keine Schmetterlinge im Bauch bekommen.

von CARO KAISER Weiterlesen

Weiblich, arbeitslos, Eigenbrötler sucht: männlich, reich, adlig

COVER_Sevgi Soysal_Tante Rosa_BinookiSevgi Soysals Erzählband Tante Rosa von 1968 über eine exzentrische und anachronistisch selbstbestimmte Frau im Süden Nachkriegsdeutschlands ist in einer Neuübersetzung und –auflage im Binooki-Verlag erschienen. Ein Text der zeigt, dass auch weibliche Figuren Material für eine Ein-Mann-Show hergeben. 

Von CAROLIN KAISER Weiterlesen

Vater sein, Kind sein – glücklich sein

Liebesgeschichte mal anders: Jochen Schmidts Zuckersand ist eine bittersüße Liebeserklärung eines Vaters an den Sohn. Mit skurrilen Marotten und einer wehmütigen Melancholie um die eigene Kindheit nimmt Schmidt seine Leser mit auf eine Expedition zur Erforschung des Alltags mit Kind.

von ELISA TINNAPPEL Weiterlesen

Im Griff der Filmindustrie

F. Scott Fitzgerald - Für Dich würde ich sterben Cover: Hoffmann und Campe

F. Scott Fitzgerald – Für Dich würde ich sterben Cover: Hoffmann und Campe

F. Scott Fitzgerald verbrauchte sich in jeglicher Hinsicht: emotional an der Liebe zu seiner Frau Zelda, schriftstellerisch an seinen erzählerischen Auftragsarbeiten und gesundheitlich an seiner Trunksucht, die in einem tödlichen Herzinfarkt resultierte. Trotz seiner Exzesse hinterließ er fünf Romane und über 160 Erzählungen, ein literarisches Reservoir, das einige der wichtigsten Werke des 20. Jahrhunderts enthält. Nun erschienen bei Hoffmann und Campe größtenteils noch unveröffentlichte Erzählungen in dem Band Für dich würde ich sterben, der ein neues Licht auf den Autor der Lost Generation und sein Schaffen Ende der 1930er Jahre wirft. Er zeigt, dass Fitzgerald aus seinem Leben schöpfte wie bisher, und dass er zu wesentlich mehr in der Lage gewesen wäre, als diese Erzählungen es suggerieren mögen.

von JONAS PODLECKI Weiterlesen

Wenn die Paranoia um sich greift

Arthur Millers "Hexenjagd" am Schauspiel Düsseldorf Foto: Sebastian Hoppe

Arthur Millers „Hexenjagd“ am Schauspiel Düsseldorf Foto: Sebastian Hoppe

Das Düsseldorfer Schauspielhaus bringt Arthur Millers Hexenjagd auf die Bühne. In der Regie des Russen Evgeny Titov entwickelt das Stück mitunter einen düsteren Sog, verblasst aber insgesamt wegen seiner etwas ideenlosen Imitation konventioneller cineastischer Effekte. 14 leidenschaftliche Schauspieler berühren das Publikum ungeachtet ihrer schablonenhaften Rollentypen.

von HELGE KREISKÖTHER Weiterlesen

Hauptsache, es knallt

Mozarts "Titus" am Essener Aalto-Theater Foto: Thilo Beu

Mozarts „Titus“ am Essener Aalto-Theater Foto: Thilo Beu

Ausgerechnet am fünften Doch-Nicht-Geburtstag des Berliner Pannen-Flughafens lädt das Essener Aalto-Theater zur letzten Premiere seiner diesjährigen Spielzeit. Regisseur Frédéric Buhr siedelt die antike Geschichte um den milden Kaiser Titus (zufällig?) an einem stylishen Flughafen in unserer Gegenwart an und präsentiert eine bemüht aktuelle Mozart-Interpretation, die seine Holzhammermethode nicht nötig gehabt hätte, um Aktualität widerzuspiegeln.

von STEFAN KLEIN Weiterlesen