„So spendet Segen noch immer die Hand“

Friedrich Christian Delius: Die Birnen von Ribbeck; Cover: Rowohlt Berlin

30 Jahre ist es schon her, dass die Berliner Mauer geöffnet wurde. Anhand des beschaulichen Dörfchens Ribbeck im Havelland und Theodor Fontanes bekannter Ballade porträtiert Friedrich Christian Delius 100 Jahre deutscher Geschichte. Ein wahrer Wortschwall ergießt sich so aus dem vielstimmigen Kreis der DDR-Bürger, deren Erinnerungen zwischen Erleichterung und Vorfreude respektive Resignation und Angst vor der Zukunft changieren.

von THOMAS STÖCK Weiterlesen

Ein neues Dorf für die Weltliteratur

Bela B Felsenheimer: Scharnow Cover: Wilhelm Heyne Verlag

Bela B Felsenheimer: Scharnow Cover: Wilhelm Heyne Verlag

Bela B Felsenheimers Scharnow ist ein Romandebüt, das es in sich hat: Reichlich konfus, voller comicartiger Effekte, Lyrismen, Thriller- und Science-fiction-Anklänge zeichnet der Ärzte-Drummer das sprachliche Panorama einer fiktiven Kleinstadt in Brandenburg, deren Bewohner sich einem Strudel rätselhafter Ereignisse ausgesetzt sehen. Leser, die bereit sind, ihren hermeneutischen Scharfsinn zu vernachlässigen und sich auf einen unterhaltsamen Trip zu begeben, werden begeistert sein.

von HELGE KREISKÖTHER Weiterlesen

Weiße Westen, Persil sei Dank

"Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" am Musiktheater im Revier Foto: Karl und Monika Forster

„Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ am Musiktheater im Revier Foto: Karl und Monika Forster

„Darum lasst uns hier eine Stadt gründen. Und sie nennen Mahagonny. Das heißt: Netzstadt.“ Während die neu gegründete Stadt Mahagonny mitten im amerikanischen Nirgendwo ihr Netz auswirft und immer neue Bewohner einfängt, kann Jan Peters Inszenierung von Kurt Weills Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny im Musiktheater im Revier Gelsenkirchen nur wenige Premierenbesucher fesseln. Weit entfernt von frenetischem Applaus, klatscht das Publikum eher höflich. Etwas euphorischer hätte es jedoch reagieren dürfen, zeigt das MiR doch ein mutiges Stück, in einer Inszenierung, die gern noch etwas mutiger hätte sein dürfen. 

von STEFAN KLEIN Weiterlesen

Vom Gedächtnis in der Kunst

In Werk ohne Autor erzählt Florian Henckel von Donnersmarck – angereichert um fiktionale Elemente – einen Ausschnitt aus Gerhard Richters Biografie. Die Erfahrungen von Nationalsozialismus, Kommunismus und dem proklamierten Tod der Malerei führen den Protagonisten Kurt Barnert zu sich selbst. Donnersmarcks Blick auf Kunst und Erinnerung wertet dabei die streckenweise pathetische Erzählung von Kurts Familienschicksal auf.

von THOMAS STÖCK Weiterlesen

Schwarze Diamanten und weißer Tod

Ralf Piorr (Hg.) – Die Männervon Luise Cover: Klartext

Das Erlebnis der Arbeit unter Tage ist im „Pott“ hinlänglich bekannt – doch die Schattenseiten des Bergmannslebens bleiben oft unerzählt. Ralf Piorrs Wiederentdeckung der anonymen Erzählung Die Männer von Luise überzeugt nicht durch sein ästhetisches Potenzial oder die Poetik des Autors, sondern durch die harte Realität der Kohlenförderung. Von einem, der sich „die Trauer und die Wut von der Seele geschrieben“ hat.

von THOMAS STÖCK Weiterlesen

Erschütternder Wandel einer Persönlichkeit durch den Einfluss von Manipulation

John Boyne - Der Junge auf dem Berg Cover: Fischer

John Boyne – Der Junge auf dem Berg Cover: Fischer

Mit Der Junge auf dem Berg hat John Boyne nach Der Junge im gestreiften Pyjama (2006) einen weiteren Jugendroman geschrieben, der sich mit dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust beschäftigt. Das Buch handelt von dem Jungen Pierrot, der in Paris aufgewachsen ist und nach dem Tod seiner Eltern auf den Berghof, die Sommerresidenz Adolf Hitlers, zu seiner dort arbeitenden Tante Beatrix kommt. Aus dem kleinen französischen Jungen Pierrot, dessen bester Freund der Jude Anshel war, wird hier der deutsche Peter, der stolzes Mitglied der Hitlerjugend wird.

von ANNA LENA KNIEPER Weiterlesen

Unterhaltsame Relevanz im Operettengewand

„Die Blume von Hawaii“ an der Oper Dortmund Foto: Björn Hickmann, Stage Picture

„Die Blume von Hawaii“ an der Oper Dortmund Foto: Björn Hickmann, Stage Picture

Wie schön muss es sein, in einer Operettenwelt zu leben? Man umgibt sich mit fröhlichen und herzzerreißenden Melodien, alles ist bunt und glitzert, und man beschäftigt sich den ganzen Tag mit verwirrenden Liebesdreiecken und vielen Happy Endings. Die Oper Dortmund versucht nun, den Besuchern einen Einblick in ebendiese, vordergründig rein fröhliche, Operettenwelt zu geben und zeigt Paul Abrahams Die Blume von Hawaii. Während Spaß, Goldregen und Showtreppen den Hauptteil des Abends einnehmen, überraschen die Dortmunder doch auch immer wieder mit erstaunlich tiefgreifenden und nachdenklichen Szenen und bieten so einen Operetten-Abend, der abwechslungsreicher kaum sein könnte.

von STEFAN KLEIN Weiterlesen

Und er war eben doch ein Nazi

Per Leo: Flut und Boden // Quelle: Klett-Cotta

 

Als Historiker ist der Autor Per Leo damit vertraut, sich auf Spurensuche in der Vergangenheit zu machen. In seinem literarischen Debüt Flut und Boden. Roman einer Familie taucht er bis zu den Anfängen des 20. Jahrhunderts hinab, um von dort aus die Geschichte seiner eigenen Familie zu ergründen. Auslöser hierfür, aber nicht alleiniger Fokus des Romans, sind sein Großvater Friedrich und dessen Nazivergangenheit.

 

von GREGOR J. REHMER

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Zwischen Massenmord und Alltagsproblemen

Martin Amis - Interessengebiet Cover: PiperThomsen, der obstruktive Mitläufer, Paul Doll, der Kommandant des Kat Zets, und Szmul, der Sonderkommandoführer – in einem namenlosen Konzentrationslager versuchen alle drei ihre Interessen zu wahren: Sand ins Getriebe werfen, Sex mit der eigenen Frau und ein reibungsloser Ablauf der Selektion, oder einfach nur blankes Überleben. In seinem neuen Roman Interessengebiet berichtet Martin Amis aus den sehr unterschiedlichen Ich-Perspektiven dieser drei Männer.

von GREGOR J. REHMER Weiterlesen

Der Cockring der Geschichte

Eiríkur Örn Norðdahl - Böse Cover: Tropen bei Klett-CottaDer Holocaust ist immer wieder Thema literarischer Bearbeitungen. Dass er auch die Enkelgeneration nicht kalt lässt und wie ein Sextoy und Island hiermit zusammenhängen, zeigt Böse von Eiríkur Örn Norðdahl.

von GREGOR J. REHMER Weiterlesen