Wut, Rage und Frustration

"Wut/Rage" bei den Ruhrfestspielen Foto: Krafft Angerer

„Wut/Rage“ bei den Ruhrfestspielen Foto: Krafft Angerer

Als eine der zwei letzten Premieren der diese Spielzeit sehr politischen und überaus erfolgreichen Ruhrfestspiele wurde nun – zumindest in dieser Konstellation – eine Uraufführung aus dem Hamburger Thalia Theater auf die große Bühne in Recklinghausen gebracht: Sebastian Nüblings und Julia Lochtes Konglomerat Wut/Rage von Elfriede Jelinek bzw. Simon Stephens mag thematisch harmonieren, scheitert jedoch an der exzessiven Wiedergabe, die oft den brisanten Inhalt der Textfragmente ver- und überspielt.

von ANNIKA MEYER Weiterlesen

„Das hier ist die neue Welt“

Fiston Mwanza Mujila - Tram 83 Cover: Zsolnay

Fiston Mwanza Mujila – Tram 83 Cover: Zsolnay

In seinem für den Man Booker Prize nominierten Debütroman Tram 83 entwirft der in Graz lebende kongolesische Autor Fiston Mwanza Mujila ein sprachgewaltiges, modernes Sodom. Nun wurde der bereits 2014 erschienene Roman vom Französischen ins Deutsche übertragen.

von LEONARD MERKES Weiterlesen

Die Totalerschöpfung der Utopie

Andrej Platonow - Die Baugrube Cover: Suhrkamp

Andrej Platonow – Die Baugrube Cover: Suhrkamp

Anders als seine Zeitgenossen Michail Bulgakow oder Boris Pasternak, blieb Andrej Platonow als sowjetischer Schriftsteller in Deutschland bis heute weitgehend unbekannt. Insofern wurde auch seinem bekanntesten Roman Die Baugrube diese Nichtbeachtung zuteil. Dabei handelt es sich um ein literarisches Jahrhundertwerk, das einen Vergleich mit den Romanen von Kafka, Joyce und Beckett nicht zu scheuen braucht. Der Suhrkamp Verlag legte im Dezember vergangenen Jahres erstmals eine präsentable deutsche Übersetzung vor, und eines wird offensichtlich: Was Platonow mit seiner Sprache fertigbringt, ist ein Kunststück, das in der russischen Literatur bis heute seinesgleichen sucht.

von JONAS PODLECKI Weiterlesen

Waldens „Neue Welt“ bleibt zu entdecken

COVER_Stanley Cavell_Die Sinne von Walden_Matthes&SeitzAm Unabhängigkeitstag 1845 zieht Henry David Thoreau sich zurück in die Wälder von Concord, um sich dort eine Hütte zu bauen. Von diesem Experiment berichtet sein Buch Walden, ein faszinierendes, aber bis heute in der akademischen Philosophie kaum beachtetes Werk. In Die Sinne von Walden, das nun in deutscher Übersetzung bei Matthes und Seitz erschienen ist, erschließt der seinerseits noch viel zu wenig bekannte amerikanische Philosoph Stanley Cavell (*1926) den Gedankenreichtum von Thoreaus Text. Es handelt sich um ein „Traktat über politische Erziehung“ von ungebrochener Aktualität. Leider in einer äußerst enttäuschenden deutschen Übersetzung.

von BERNHARD STRICKER Weiterlesen

Alles, was man vergesssen hat…

COVER_Matthew Thomas_Wir sind nicht wir_BerlinverlagMatthew Thomas’ Monumental-Werk Wir sind nicht wir ist weder thematisch innovativ noch von sprachlicher Raffinesse oder erzählerisch überraschend. Die 900-seitige Schilderung eines unbarmherzigen Kampfes trifft dennoch mit voller Wucht.

von ANNA KREWERTH Weiterlesen

Das Kotext-Dilemma

COVER_Gomringe_ich-bin-doch-nicht-hier_VolandQuistNora Gomringer hat mit ihrem Text Recherche in diesem Jahr den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen – und das vollkommen zu recht. Die knapp 18 Seiten erscheinen nun mit gut 150 zusätzlichen in einer Sammlung eher mehr als weniger überflüssiger Texte unter dem Titel Ich bin doch nicht hier, um Sie zu amüsieren.

von ANNA KREWERTH Weiterlesen

My Fabulous Lady

"My Fair Lady" am Schauspiel Essen Foto: Martin Kaufhold

„My Fair Lady“ am Schauspiel Essen Foto: Martin Kaufhold

Das Essener Schauspiel landet mal wieder einen Clou: Robert Gerloff beweist mit seiner Inszenierung von My Fair Lady, dass der Pygmalion-Stoff auch knapp 100 Jahre nach seiner bekanntesten Bearbeitung durch George Bernard Shaw nichts an Witz und Schlagfertigkeit verloren hat. Das Publikum erwarten 165 unterhaltsame Minuten, in denen der eine oder andere schiefe Ton gerne verziehen wird.

von ANNIKA MEYER Weiterlesen

50 Shades of White

Yasmina Rezas "Kunst" am Schauspiel Essen Foto: Diana Küster

Yasmina Rezas „Kunst“ am Schauspiel Essen Foto: Diana Küster

Ein vibrierendes Kunstwerk, Scheiße oder irgendwas dazwischen? Drei Männer streiten sich über ein Bild, dabei geht es doch um so viel mehr. Regisseurin Anne Spaeter bringt Yasmina Rezas Kunst auf die Bühne des Grillo-Theaters Essen und zeigt eine fein abgestimmte Komödie, bei der zur Erheiterung des Zuschauers fast jedes Wort pointiert auf die Goldwaage gelegt wird.

von ANNIKA MEYER Weiterlesen

Die Zeit ist scheißnah, Leute. Der Dichter Ulf Stolterfoht schreibt die Geschichte von Neu-Jerusalem

COVER_neu-jerusalemSchon lange nichts wirklich Seltsames mehr gelesen? Dann ist das hier genau das Richtige. Nach der Lektüre von Stolterfohts neu-jerusalem fühlt man sich noch mehr in die Mangel genommen als nach fachsprachen I-XXXVI, seinem sprachkritischen und sprachspielerischen Großprojekt, das im leider untergegangenen Urs Engeler Verlag erschien. Die grundsätzlich ironische Sicht des Dichters auf alle Dinge der Welt und das menschliche Leben tritt auch im neuen Band zutage, doch hinzu kommt ein Stoff aus feinst geklittertem Material: die Geschichte einer fiktiven protestantischen Sekte.

von STEPHANIE HEIMGARTNER Weiterlesen

Über das Sprechen und Schweigen in chorischen Massen

Kaspar Hauser und Die Sprachlosen aus Devil County – unter diesem Titel feiert das neuste Stück des Dortmunder Sprechchors und des in dieser Spielzeit gegründeten Kindersprechchors am Schauspiel Dortmund seine Uraufführung. Bei dieser letzten Premiere in einer durchaus turbulenten Spielzeit zeigen Thorsten Bihegue und Alexander Kerlin (Text und Regie) einen Abend, der mit meist klugen Textfragmenten zwar im Hirn, doch nicht immer unter der Haut haften bleibt.

von ANNIKA MEYER Weiterlesen