Ecce homo caesaris – Porträt des Kaisers als armes Geschöpf

John Williams - Augustus Cover: dtv

John Williams – Augustus Cover: dtv

„Ich bin ein Mensch und so dumm und schwach wie alle Menschen“, konstatiert der mittlerweile Augustus genannte römische Kaiser am Ende seines Lebens und blickt zurück auf ein Reich, das in der Weltgeschichte seinen ersten Höhepunkt erreichte. John Williams zeigt uns in Augustus das lange, traurige Leben eines Menschen, der sich seinen staatlichen Pflichten widmet wie ein Vater seinen Kindern – und unglücklich und zufrieden zugleich ankommt in der Erfüllung seines Schicksal.

von JONAS PODLECKI Weiterlesen

Das ist noch nicht das Ende

cover_can-duendar_lebenslang-fuer-die-wahrheitVoll von unglaublicher Besonnenheit und ansteckendem Optimismus strotzen die Tagebuchaufzeichnungen von Can Dündar. Umso unfassbarer ist das, wenn man bedenkt, wo diese entstanden sind: im Gefängnis.

von ESRA CANPALAT Weiterlesen

Larger than life

Bilder deiner großen Liebe // Wolfgang Herrndorf // Quelle: Rowohlt BerlinWolfgang Herrndorf starb im August 2013. Wenige Wochen vor seinem Tod gab er das Fragment Isa zur Veröffentlichung frei, das nun unter dem Titel Bilder deiner großen Liebe erschienen ist. Der unvollendete Roman erzählt, was die Ausreißerin Isa erlebt, bevor sie auf Andrej Tschichatschow und Maik Klingenberg trifft – der Text ist aber kein bloßes Tschick-Spin-Off, sondern eine literarische Supernova.

von LINA BRÜNIG

Weiterlesen

Von Freiheit und Verlust

Cover_KarenKoehler_Wir haben Raketen geangelt_Carl HanserFast täuscht der Titel über die Ernsthaftigkeit der Erzählungen hinweg. Aber Wir haben Raketen geangelt versammelt Geschichten, die nicht bloß in lieben Erinnerungen schwelgen, sondern sich erzählend solchen Situationen annehmen, die zwischen dem Alltäglichen und dem Extremen aufgespannt werden. Indianer und Vespafahrten, Familienportraits und Eremiten sind Themen und formgebende Elemente dieser Kurzgeschichten, denen gemeinsam ist, dass ihre Protagonisten und Erzählerinnen sich der Aufgabe stellen, sich am eigenen (Kinder-)Anspruch zu messen.

von SOLVEJG NITZKE Weiterlesen

Mein Bruder, der Rockstar

Cover_Spiotta_Glorreiche Rage_Berlin Verlag„Stell dir vor, mit allem, was dir vorangegangen ist, anstellen zu können, was immer du willst. […] Stell dir absolute Freiheit vor.“ Was wäre, wenn man seine eigene Vergangenheit noch einmal neu erfinden könnte? Wo hört die ,Realität‘ auf und wo beginnt die Fiktion? Und was ist das überhaupt, Erinnerung? Der Roman Glorreiche Tage der New Yorker Autorin Dana Spiotta stand 2011 bereits auf der Liste des US-amerikanischen National Book Critics Circle Award. Nun ist er auch auf Deutsch erschienen, übersetzt von SPEX-Mitbegründerin Clara Drechsler und ihrem Partner Harald Hellmann.

von ANNA-LENA BÖTTCHER Weiterlesen

Anjas Geschichte, von Mischa erzählt

Wie geht man damit um, wenn sich die Ehefrau das Leben nimmt? Das Buch über Anna des russischen Philosophen Michail Ryklin ist nicht nur die Dokumentation einer Spurensuche nach möglichen Gründen, sondern auch eine Liebeserklärung an die Frau, mit der er 33 Jahre zusammengelebt hat. Entstanden ist eine intime, aber niemals voyeuristische Bestandsaufnahme eines gemeinsamen Lebens, die bewegend ist, ohne kitschig zu sein. Und doch bleibt der Leser mit zwiespältigen Gefühlen zurück.

von KAI FISCHER

Weiterlesen

„Ein letzter Triumph des Geistes über das Gemüse“

Wolfgang Herrndorf – Arbeit und Struktur   Cover: RowohltParadox für den Leser: Arbeit und Struktur von Wolfgang Herrndorf ist ein bewegender und innovativer Text – von dem man sich wünscht, der Autor hätte ihn nie verfassen müssen. Denn der Schreibanlass war die Diagnose eines unheilbaren Gehirntumors im Jahr 2010. Nach Herrndorfs Selbstmord im August des vergangenen Jahres erscheint sein Blog nun bei Rowohlt in Buchform.

 von LINA BRÜNIG

Weiterlesen

Dies ist nicht mehr meine Zeit

Christa Wolf - Ein Tag im Jahr im neuen Jahrhundert   Cover: Suhrkamp1960 erscheint ein Aufruf in der Moskauer Zeitung Iswestija, Schriftsteller „mögen einen Tag dieses Jahres, nämlich den 27. September, so genau wie möglich beschreiben.“ Diese Idee ist nicht neu, sie geht zurück auf das Projekt Ein Tag der Welt von Maxim Gorki aus dem Jahr 1935. Christa Wolf folgt dem Aufruf – und schreibt weiter. Immer wieder protokolliert sie bis zu ihrem Tod im Jahr 2011 ihren 27. September. Sie schreibt gegen das Vergessen, über das Ich „eingebettet in, gebunden an seine Zeit.“

von KATJA PAPIOREK

Weiterlesen

Der Frosch, der Wolf, der Bär und die griechische Krise

Edit Engelmann - Schulden am Olymp. Tagebuch eines Frosches   Cover: GrößenwahnWie lebt es sich als Frosch? Wenn man ausbaden muss, was Wolf und Bär einem eingebrockt und der Affe verschwiegen hat? Edit Engelmann weiß es. In Krise! Krise! Schulden am Olymp. Das Tagebuch eines Frosches gibt sie dem griechischen Frosch eine Stimme. Die Rollen sind klar verteilt: der Wolf in der Politik auf der einen Seite, der Bär im Finanzwesen auf der anderen und dazwischen der kleine Frosch von der Straße. Was klingt wie eine äsopsche Fabel, ist Engelmanns Versuch mit dem Bild Griechenlands und dessen Krise in den (deutschen) Medien aufzuräumen.

Dieses Buch entstand, weil sie dem Leser zeigen wollte „was nicht in den Zeitungen steht, was an Informationen unterschlagen wird.“ Und auch, weil sie findet, dass „auch der deutsche Frosch wissen sollte, was der griechische Frosch denkt.“ So von Frosch zu Frosch eben.

von VERENA SCHÄTZLER

Weiterlesen

Das große Frösteln

Die Finanzkrise ist in der Belletristik angekommen. Eine ihrer vielen literarischen Stimmen ist der isländische Schriftsteller Guðmundur Óskarsson, Jahrgang 1978, dessen dritter Roman Bankster Islands großes Bankensterben im Herbst 2008 aus einer sehr persönlichen Perspektive betrachtet und dafür mit dem Isländischen Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Er erzählt die Geschichte des jung-dynamischen Paares Markús und Harpa, die über Nacht ihre lukrativen Jobs als Bankangestellte verlieren und sich mit der neuen Situation arrangieren müssen. Während Harpa schnell eine Anstellung als Aushilfslehrerin findet, kommt Markús kaum noch von der Couch herunter und lässt sich hängen. Auf den Rat eines Freundes hin beginnt er, Tagebuch zu führen. Bankster ist dieses Tagebuch.

Von PETER VIGNOLD

Weiterlesen