*zensiert*

Michail-Bulgakow-Skulptur; Українська: Мініскульптура Булгакова, проєкт „Шукай“

Michail Afanassjewitsch Bulgakow wurde heute vor 131 Jahren geboren. Ruhm und Ehre blieben dem sowjetischen Schriftsteller bis zu seinem Tod 1940 im Alter von nur 49 Jahren weitestgehend verwehrt. Zu viel Gesellschaftskritik, zu wenig sozialistischer Realismus – mit den Zensoren der UdSSR lag der gebürtige Kyjiwer im Dauerclinch. Seinen internationalen Durchbruch hatte er daher auch erst Ende der 1960er Jahre – mehr als 20 Jahre nach seinem Tod. Bulgakow ist deshalb vermutlich eines der besten Beispiele dafür, dass gute Literatur ihre Urheber über den Tod hinaus am Leben erhalten kann.

von CARO KAISER

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Im Steinbruch des Textes

Tomas Venclova: Variation über das Thema Erwachen; Cover: Hanser

Variation über das Thema Erwachen lautet der deutsche Titel des dritten Gedichtbandes von Tomas Venclova. Dahinter verbirgt sich ein Parforceritt eines Weltbürgers durch die Welt- und Literaturgeschichte. Für Venclovas Lyrik darf man mit Fug und Recht das Prädikat Weltliteratur bereithalten, muss sich aber auch darauf einstellen, die hochkomplexen Gedichte in einem zeitintensiven Prozess zu dechiffrieren.

von THOMAS STÖCK

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Der Dandy vom Dorf in Kyjiw

Walerjan Pidmohylnyj: Die Stadt; Cover: Guggolz Verlag

Nicht alle Tage kommt es vor, dass man eine solche Perle dem eingestaubten Regal der vergessenen Bücher entreißen kann! Walerjan Pidmohylnyjs Die Stadt gelingt der Spagat, einen der großen europäischen Künstler- und Großstadtromane um 1900 verfasst zu haben und zugleich das Flair einer sowjetischen Tauwetterperiode zu vermitteln, die uns heute weitestgehend unbekannt ist: die der Neuen Ökonomischen Politik und der Ukrainisierung. Doch was in der Literatur ein gutes Ende nimmt, endete für dessen Autor tödlich.

von THOMAS STÖCK

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Der verführerische Klang rostiger Wasserrohre

Tove Ditlevsen: Gesichter; Cover: Aufbau

Nachdem 2021 mit der hochgelobten Kopenhagen-Trilogie (Kindheit, Jugend und Abhängigkeit) ein regelrechtes Tove-Ditlevsen-Jahr im deutschsprachigen Feuilleton gefeiert wurde, ging es im Februar dieses Jahres schon mit der nächsten Neuübersetzung und Veröffentlichung aus dem Œuvre der 1976 verstorbenen dänischen Autorin weiter. Gesichter (dän. Originaltitel: Ansigterne, erstmals veröffentlicht 1968) erzählt die Geschichte einer gefeierten Kinderbuchautorin mit Schreibblockade, Eheproblemen – und jeder Menge schauriger Paranoia.

von CARO KAISER

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Heißer Flirt vor der Revolution

Gioconda Belli: Mich lockt die Liebe mit ihren Stacheln; Cover: Peter Hammer Verlag

Der neue Gedichtband Mich lockt die Liebe mit ihren Stacheln der nicaraguanischen Lyrikerin Gioconda Belli verspricht erotische Episoden inmitten vom Kampf gegen Ungerechtigkeiten. Gegen die Unterdrückung der Frau und eine mörderische Diktatur schreibt die Autorin schon seit Jahrzehnten an. Doch ist dieses Dichten voraussetzungsreich – weshalb wir uns einen Exkurs in nicaraguanischer Geschichte gestatten.

von THOMAS STÖCK

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Mama, ich begrabe dich

Scholastique Mukasonga: Frau auf bloßen Füßen; Cover: Peter Hammer Verlag

In Frau auf bloßen Füßen erschreibt sich Scholastique Mukasonga den Grabstein für ihre Mutter, den sie ihr nie setzen konnte. Denn ihre Mutter Stefania fiel – wie Mukasongas gesamte Familie und über 800.000 andere Tutsi – dem Völkermord in Ruanda 1994 zum Opfer. Ihre Kindheit lässt Mukasonga in dieser Biografie wiederauferstehen: Traditionen und Aberglaube, die aufkommende Globalisierung – und inmitten dessen die ruandischen Tutsifrauen und die allgegenwärtige Todesangst.

von THOMAS STÖCK

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Die Reinheit liegt im Porno

Garth Greenwell: reinheit; Cover: Claassen

Garth Greenwell eröffnet in seinen Texten das Panoptikum der Bilder, Gefühle und Affekte. Seine neueste Erscheinung reinheit begleitet einen Mann durch die Orte einer Stadt, die zugleich Stationen seines Lebens, seiner Liebe und seines Leidens sind, und dabei die Leserschaft durch Sex und Poesie nahe am körperlichen Miterleben zu halten versucht. Nicht immer gelingt das.

von NICK PULINA

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Gefangen in der Ehehölle

Nassira Belloula: Marias Zitronenbaum; Cover: Verlag Donata Kinzelbach

Die algerische Autorin Nassira Belloula zeigt uns in Marias Zitronenbaum die Leiden einer Landsfrau auf, die als Sechzehnjährige zwangsverheiratet wird. Weil sie sich nicht länger damit abfinden will, nicht einmal einen Schritt vor die Tür ohne Begleitung zu setzen, bricht sie aus ihrem alten Leben aus. Ein feministisches Plädoyer für das Selbstbestimmungsrecht der Frau, das ohne viel Handlung, dafür mit vielen weisen Worten aufwartet.

von THOMAS STÖCK

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Kafka im Cornflakesregal

Gonçalo M. Tavares: „In Amerika“, sagte Jonathan; Cover: Kupido Literaturverlag

Eine Reise von der Westküste der USA hoch in den Nordosten und zum Abschluss einige Tage in Florida: Mit „In Amerika“, sagte Jonathan entführt uns Gonçalo Tavares auf eine Reise in einige der großen amerikanischen Städte, aber auch in die Naturenklaven inmitten des US-amerikanischen Traums. An seiner Seite findet sich stets ein Porträt eines Kafka-Fotos, das ihn zu allerlei abgründigen Gedankengängen von eindrücklicher Sprachgewalt anregt. Kafka und die USA – das passt bereits seit dem Verschollenen wunderbar zusammen.

von THOMAS STÖCK

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Darwins böser Cousin

H. G. Wells: Die Insel des Dr. Moreau; Cover: Anaconda Verlag

Am 16. Februar vor 200 Jahren wurde der britische Naturforscher und Schriftsteller Francis Galton geboren. Doch dies ist kein Anlass zum Feiern, sondern des Gedenkens an die Opfer derer, die einer fortschrittsgläubigen und moralisch zunehmend enthemmten Wissenschaft zum Opfer fielen. Durch einen literarischen Zeitgenossen Galtons möchte ich Ihnen vor Augen führen, welche Risiken in der Vererbungslehre und der darauf fußenden Eugenik bereits damals erkannt wurden.

von THOMAS STÖCK

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