Pasolini und Bach in Dinslaken

"Accattone" bei den Ruhrfestspielen Foto: Julian Röder

„Accattone“ bei den Ruhrfestspielen Foto: Julian Röder

Die neue Ruhrtriennale unter Intendant Johan Simons wurde Mitte August an einem neuen Spielort eröffnet – der Zeche Lohberg in Dinslaken, am Rande des Ruhrgebiets. Nach einem kleinen Spaziergang durch die romantische Industriekulisse zur Kohlenmischhalle bekommt man hier Pier Paolo Pasolinis Accattone, inszeniert von Johan Simons, zu sehen und vor allem zu hören: Trotz sehenswerter Tableaus geht besonders die musikalische Live-Untermalung mit Kantaten von Johann Sebastian Bach unter die Haut.

von ANNIKA MEYER

Bereits das Betreten der über 200m tiefen Kohlenmischhalle an der Zeche Lohberg beeindruckt: Man muss sie einmal durchwandern, bevor man auf seinem Platz auf der hohen, ca. 1000 Zuschauer umfassenden Tribüne Platz nehmen kann. Rechts steht ein scheinbar verwahrloster Container, links vor uns auf einem kleinen Podest ist das Collegium Vocale Gent zu sehen, das uns musikalisch durch den Abend führen wird. Dazwischen führen Gleise nach hinten, die Rückwand der Halle fehlt und macht Platz für die beschauliche Aussicht auf einen Birkenwald. Hier treffen wir nun Accattone (Steven Scharf), auf Deutsch „Bettler“, der in der ärmlichen Vorstadt Roms ein ehrloses Leben als Zuhälter verbringt. Er ist, wie seine Freunde, ein Rumtreiber und Taugenichts: Arbeiten würde bedeuten, sich einem ausbeuterischen System unterzuordnen. Und so schlägt er sich, nachdem sein einziges Straßenmädchen Maddalena (Sandra Hüller) vom neapolitanischen Gangsterboss Salvatore (Benny Claessens) verprügelt wurde und ihn verlassen hat, hungernd und mittellos durch, bis er Stella (Anna Drexler) trifft und sich in sie verliebt. Nach vielen Rückschlägen – die naive Stella eignet sich nicht als neue Hure und so muss er zum Beispiel Tochter Io (Pien Westendorp) ein Goldkettchen klauen, um an Geld zu kommen – scheint Läuterung nahe zu sein. Aus einem Loch – oder ist es ein Grab? – holt er Io ihren weggeworfenen Ball zurück und beschließt, für Stella und sich arbeiten zu gehen. Als der Versuch nach einem Tag bereits scheitert und er, ohnehin lebensmüde geworden, von seiner eigenen Beerdigung träumt, lässt er sich von seinem Freund Balilla (Steven van Watermeulen) als Dieb anheuern. Doch schon der erste Raubzug birgt seinen Tod und damit seine Erlösung.

Körper gelöst von Stimme und Handlung

Simons zeigt eine ähnlich langsame, teilweise zähe Dramaturgie wie Pasolini in seinem Film von 1961, verzichtet aber weitestgehend auf den Naturalismus des italienischen Enfant Terrible. Wenn Maddalena von Salvatore verprügelt wird oder Accattone sich mit seinem Schwager schlägt, wird dies von Außenstehenden erzählt, während die Involvierten, untermalt von Streichermusik, eine Kampfchoreografie in Zeitlupe ausführen, die fast einem berauschten Tanz gleicht. Die epische Schilderung mit abstrakten Bildern lässt die Szenen viel intensiver und drastischer beim Zuschauer ankommen, als es die bloße Handlungsdarstellung vermocht hätte. Zudem erfordern die Tiefe der Halle und die orchestrale Begleitung Mikrofone für die Schauspieler, wodurch Stimme und Körper seltsam voneinander losgelöst zu sein scheinen. Die vielen Brüche der Seh- und Hörgewohnheiten sorgen für ästhetische Momente, viele Tableaus regen zum Weiterdenken an. Doch oft wirken die wenigen Handlungen, die die Figuren zeigen, unmotiviert und schlaff: Benny Claessens hat zwar eine tolle Körperlichkeit beim Kampftanz mit Maddalena, wirkt aber in seinen verschiedenen Rollen – im Programmheft als „Das Gesetz“ bezeichnet, spielt er Salvatore, das Gesetz der Straße, Accattones Schwager, das Gesetz der Familie, und die Stellvertreter der Polizei – zu undifferenziert, oft zu säuselig, jammernd und zugedröhnt, als dass man ihm alle (Re)Aktionen abkaufen könnte. Generell wirken die Figuren eher von Drogen berauscht als von Hunger und Tristesse erschlafft, was es mit der Zeit anstrengend macht, ihnen zu folgen. Und auch Anna Drexlers Stella soll zwar als naives Gegenbild zur großartig abgeklärten Hure Amore (Elsie de Brauw) und dem Rest des römischen Lumpenpacks gelten, ihre Inszenierung eines weiblichen Forrest Gump in Jugendjahren ist jedoch zu viel des Guten.

"Accattone" bei den Ruhrfestspielen Foto: Ursula Kaufmann

„Accattone“ bei den Ruhrfestspielen Foto: Ursula Kaufmann

Die Passion Accattones

Würde wird den Figuren weniger durch ihre Handlungen als durch die Musik Johann Sebastian Bachs verliehen. Pasolini benutzte in seinem Film den Schlusschor von Bachs Matthäuspassion – Philippe Herreweghe bzw. Christoph Siebert, der die letzten beiden Accattone-Vorstellungen dirigiert, und Musikdramaturg Jan Vandenhouwe entwickelten für die Ruhrtriennale eine eigene Passion, die aus Kantanten Bachs ein schlüssiges Gesamtbild ergibt. Wuchtig und sanft zugleich schafft es das Collegium Vocale Gent, das Leben Accattones und seiner Mitstreiter musikalisch zu untermalen, aber auch zu kommentieren. So singt Countertenor Alex Potter, während Maddalena von Salvatore Schläge einsteckt, „Ach, bleibe doch, mein liebstes Leben“, und Stellas gescheiterter Versuch, auf den Strich zu gehen, verdeutlicht durch die Zeilen „Komm, oh Tod, Du Schlafes Bruder“ den drohenden endgültigen Existenzverlust. Und so wird auch das Ende Accattones, während der Birkenwald im Hintergrund kaum noch zu erkennen ist und die letzten Sonnenstrahlen durch die Seiteneingänge der Kohlenmischhalle längst verschwunden sind, mit „Ich habe genug, Ich habe den Heiland, das Hoffen der Frommen, Auf meine begierigen Arme genommen; Ich habe genug!“ besungen. Accattone, der stets genommen und erst zum Schluss gegeben und sich somit letztendlich geläutert hat, stirbt mit den Worten: „Jetzt geht’s mir gut.“ Durch den Staub Roms verlassen wir die Zeche in Dinslaken – und sind gespannt auf weitere Inszenierungen der neuen Ruhrtriennale.

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Ein Gedanke zu „Pasolini und Bach in Dinslaken

  1. Sehr einverstanden. Es wäre auch zu viel verlangt, zu fordern, dass das Spiel hier der Wucht der außergewöhnlich sensibel gewählten und dargebotenen Musik beikommt.So bietet es zumindest einen inspirierenden Kontrast dazu.

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