In jedem von uns lebt ein Don Quijote!

Don_Quijote_Ruhrfestspiele_Wolfgang Kühnen (1)Als Cervantes mit seiner Arbeit an Don Quijote anfing, wollte er eine Satire auf die damals so populären Ritterromane schreiben. Sein Protagonist sollte eine Karikatur werden, ein Zerrbild, aber dann verliebte sich Cervantes in sein Geschöpf und er schuf mit viel Liebe zum Detail nicht nur den „großartigsten Verlierer der Menschheit“, sondern ,einen von uns‘.
Im neusten Projekt der Patienten und Mitarbeiter der LWL-Klinik Herten, Don_Quijote_SHORT_CUTS, das anlässlich der diesjährigen Ruhrfestspiele Recklinghausen Premiere hatte, zeigt Regisseurin Sandra Anklam, wie wichtig es ist, Visionen zu haben und auch an ihnen festzuhalten. Im Stück, wie im wirklichen Leben, wird jeder der Mitwirkenden zu seiner ureigenen Version des Don Quijote, nur die Windmühlen sind bei jedem andere.

von VERENA SCHÄTZLER

Die Vorstellung beginnt im Innenhof des Schlosses Herten. Die 15 Mitwirkenden, alle in schwarz-weißen, surrealen Kostümen (Susann Bieling), u. a. mit Trommeln als ausladende Hüften oder einer Hand, die nahtlos in eine Kugel übergeht, kommen über den Hof und gehen über die Wendeltreppe in den Vorführungsraum. Ein Violinenspiel führt die Zuschauer in den Festsaal des Schlosses. An den Wänden links und rechts sind die Sitzplätze aufgereiht und so findet das Geschehen in der Mitte des Raumes ganz ohne Bühnenbild und nur mit ein paar Leitern und Holzkisten als Requisiten statt. Was dann folgt, ist eine kunterbunte Collage aus Motiven des Romans, in der sich die einzelnen Szenen so schnell abwechseln wie die einzelnen Darsteller mit der Hauptrolle. Jeder ist mal Don Quijote, jeder Sancho Panza, und die Rollenwechsel wirken so spontan, dass die Aufführung gar nicht inszeniert wirkt, sondern wie zufällig ergeben. Die Darsteller scheinen nicht ihren Part zu zitieren, vielmehr wirkt es, als käme er gerade erst zu ihnen. Etwas, das Sandra Anklam sehr wichtig ist – betont sie doch, dass die Darsteller sich ihren Text selbst erarbeitet haben.

Don Quijote führt einen langen Kampf gegen Riesen, die sich beim genauen Hinsehen als Windmühlen entpuppen. Dieser Kampf gegen Windmühlen wurde zu einer Metapher für den täglichen Kampf gegen die Widrigkeiten des menschlichen Lebens. Nicht nur Don Quijote kämpft, wir alle kämpfen. Dabei wird gezeigt, dass dieser Lebenskampf geschlechterübergreifend ist: Jeder und jede wird einmal zu Don Quijote.

Entstigmatisierung von psychischen ErkrankungenDon_Quijote_Ruhrfestspiele_Wolfgang Kühnen (2)

„Mein Ziel ist Licht. Ich will allen Gutes und keinem Böses tun. Und dafür verdiene ich nach Eurer Meinung Tadel?“ Mit diesen immer wiederkehrenden Liedzeilen machen die Darsteller der LWL Klinik nicht nur auf den Kampf mit den Windmühlen in jedem von uns aufmerksam. Für jeden können diese Windmühlen eine andere Gestalt haben: die eigene Vergangenheit, Bürokratie, die eigene Arbeit, Stigmatisierungen aller Art. Gerade für die Entstigmatisierung von psychischen Erkrankungen setzen sich die Darsteller ein. Die Theaterbühne ist ein öffentlicher Raum. Der Zuschauer muss rätseln, wer Patient ist und wer nicht, da Patienten und Mitarbeiter nicht zu unterscheiden sind.

Im fünften Jahr des Theaterprojekts der LWL-Klinik Herten machen die Schauspieler mit Don_Quijote_SHORT_CUTS in Zeiten, in denen die Auseinandersetzungen mit psychischen Erkrankungen auf dem Vormarsch sind, nicht nur auf ein aktuelles Thema aufmerksam. Mit viel Einsatz und spürbarer Begeisterung laden sie den Zuschauer ein, einen Einblick in ihr Leben zu nehmen. Dabei erbitten sie Verständnis für sich und ihre Situation: „Mein Ziel ist Licht. Ich will allen Gutes und keinem Böses tun. Und dafür verdiene ich nach Eurer Meinung Tadel?“ Nein, Tadel verdienen sie für ihre Darbietung mit Sicherheit nicht. Vielmehr lautstarken Applaus!

Informationen zur Inszenierung

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