Das Todesurteil Jáchymov

„Wir leben so dahin / und nehmen nicht in Acht, / dass jeder Augenblick / das Leben kürzer macht.“ In seinem neusten Werk Jáchymov erzählt der österreichische Schriftsteller Josef Haslinger vom Schicksal eines einst gefeierten tschechoslowakischen Eishockeystars, der unter der Willkür des eigenen Staates als Zwangsarbeiter eines Uran-Bergwerks zu Tode verstrahlt wird.

von Nina Henze

Im ehemaligen St. Joachimsthal, dem heute tschechischen Jáchymov im Erzgebirge, beginnt die Rahmenhandlung des Romans. Der Zufall bringt den Verleger Anselm Findeisen mit einer ehemaligen Tänzerin zusammen. Beide sind aus Wien angereist, doch während Findeisen, unter der die Wirbelsäule versteifenden Krankheit Morbus Bechterew leidend, den Kurort mit seinem Radium-Heilbad besichtigen will, sucht die Tänzerin nach den grauenvollen Spuren der Vergangenheit Jáchymovs. Ihr Vater Bohumil Modrý hatte unter dem kommunistischen Regime als Strafgefangener in Jáchymov mit bloßen Händen Uran verladen müssen. Als Findeisen und Modrýs Tochter sich näher kennen lernen, beginnt sie von ihrem geliebten Vater zu erzählen, dessen Lebenszeugnisse sie akribisch sammelt und wie Heiligtümer bewahrt. Auf Findeisens Bitte hin, schreibt sie schließlich auf, was ihrem Vater widerfahren ist. Aus diesen Manuskriptseiten erfährt der Leser die Geschichte Bohumil Modrýs:

Mit dem Ende des 2. Weltkriegs erreicht die Karriere des Eishockeyspielers ihren Höhepunkt. Als herausragender Torwart gewinnt er mit der tschechoslowakischen Eishockeymannschaft mehrere Weltmeistertitel in Folge. Doch in der diktatorisch kommunistischen Tschechoslowakei ergreifen immer mehr öffentliche Personen die Flucht ins freie Ausland. Und obwohl der Großteil der Eishockeymannschaft von allen internationalen Spielen stets ins eigene Land zurückkehrt, fürchtet die kommunistische Staatsführung weitere Fluchtversuche und somit ihr öffentliches Ansehen. Sie vollzieht radikale Schritte. Ohne triftige Gründe werden Bohumil Modrý und seine Mitspieler 1950 inhaftiert. In einem für die Angeklagten nicht zu gewinnenden Prozess werden die Spieler wegen Hochverrat und geplanter Republikflucht verurteilt. Trotz fehlender Beweise wird Modrý dabei zum Hauptinitiator der Fluchtplanung denunziert und erhält die Höchststrafe von 15 Jahren Gefängnis. Fünf Jahre später wird der einstige Hochleistungssportler dann amnestiert, anderthalb Jahre Arbeit in den strahlenverseuchten Uranminen von Jáchymov haben aus ihm einen physisch gebrochenen Mann gemacht. Zurück zu Hause kann seine Familie nur tatenlos zusehen, wie der Vater an den Folgen der Verstrahlung elendig zu Grunde geht.

In klarer, schnörkelloser Sprache schildert Josef Haslinger die Tragödie einer Familie unter einem der Diktaturregime des 20. Jahrhundert. Die schrecklichen Beschreibungen von Foltermethoden und menschenverachtender Schikane in den verschiedenen Haftanstalten gehen dabei tief unter die Haut.

Das Schicksal der tschechoslowakischen Eishockeyspieler ist romanhaft verarbeitet, im Kern beruhen die Ereignisse um die damalige Nationalmannschaft aber auf historischen Begebenheiten.

Auffallend ist der häufige Sprung zur Geschichte des Verlegers Findeisen. Der immer wiederkehrende Wechsel von Rahmen- und Haupthandlung ist erzählerisch schön gelöst, welche die Handlung tragende Bedeutung die ständig thematisierte Autoimmunerkrankung Findeisens für die Geschichte Modrýs hat, bleibt jedoch unklar.

Josef Haslinger: Jáchymov
S. Fischer, 272 Seiten
Preis: 19,95 Euro
ISBN: 978-3-10-030061-4
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