Handlungsarmut versus Gedankenflut 

Krstine Bilkau: Nebenan; Cover: Luchterhand

Nach ihrem preisgekrönten Debütroman Die Glücklichen ist Nebenan Kristine Bilkaus dritter Roman. Wer auf der Suche nach mitreißenden Spannungsbögen ist, sucht in Bilkaus handlungsarmem Roman lange. Dafür besticht er durch eine detaillierte Beschreibung der Gedanken- und Gefühlswelten der Figuren.  Nun hat er einen Platz auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2022.  

von SASKIA BRÜNGER

Weiterlesen

Tausendsassa Berlioz oder: Ein französisches Troja am Rhein

Die Oper Les Troyens feierte am 24. September Premiere in Köln, Copyright: Matthias Jung

Zur Eröffnung der Spielzeit 2022/23 wagt die Oper Köln, noch immer im StaatenHaus am Rheinpark in Deutz untergebracht, die Neuinszenierung eines hierzulande selten aufgeführten Stückes: Les TroyensDie Trojaner von Hector Berlioz. Ein antiker Stoff, opulent und mitreißend, nicht ganz so lang wie Wagners Ring und dennoch ein vergleichbares musikalisches Epos. Dirigent Francois-Xavier Roth und Regisseur Johannes Erath machen die Kölner Produktion zu einer Sternstunde des Repertoires. Man wird die Opernhäuser in der Region an diesem künstlerischen Niveau messen dürfen.

von HELGE KREISKÖTHER

Weiterlesen

Des Rätsels Lösung – der Spannung Verfall? 

Marie Benedict: Mrs. Agatha Christie; Cover: Kiepenheuer & Witsch

Nimmt man eine der bekanntesten Krimiautorinnen als Protagonistin des eigenen Romans, gleicht das Schreiben eines solchen dem Spiel mit dem Feuer. Die Erwartung an den Roman Mrs Agatha Christie selbst, aber auch Marie Benedicts Schreibweise ist hoch. Kann der Roman dem gerecht werden und das bis heute ungelöste Rätsel um das kurzzeitige Verschwinden der Autorin einen spannenden Roman entwickeln oder lodert die Flamme der Erwartung zu stark?  

von SASKIA BRÜNGER

Weiterlesen

Man nehme einen großen französischen Philosophen, seinen größten Verehrer und eine bewusstseinserweiternde Droge…

Simeon Wade: Foucault in Kalifornien; Cover: Kiepenheuter & Witsch

… und man erhält den Bericht des damals 35-jährigen Assistenzprofessors Simeon Wade über einen Ausflug ins Death Valley mit Michel Foucault, angereichert mit LSD. Was Foucault selbst als „die größte Erfahrung meines Lebens“ bezeichnet, die Briefen zufolge auch seine nachfolgenden Werke beeinflusst hat, nimmt im Buch zwar einen zentralen Platz, aber wenig Raum ein.

von JANA SCHRÄDER-GRAU

Weiterlesen

Narben der Erde

Esther Kinsky: Rombo; Cover: Suhrkamp

Das schicksalhafte Beben im Jahre 1976 erschütterte den italienischen Friaul bis ins Mark. Die Spurenlese dieser Naturkatastrophe betreibt Esther Kinskys Roman Rombo. Ihre Erinnerungsfunde gliedert sie ein in eine natürliche Poetik, die von menschgemachten Narben geziert ist. Zugleich bedeutet das Beben das Ende der traditionellen Lebensweise der Bewohner der Berge Friauls. Eine spannende Nominierung für den Deutschen Buchpreis, aber ob es für den Sieg reicht?

von THOMAS STÖCK

Weiterlesen

Wie Katz und Maus: Der Kangal und der Wolf

Anna Yeliz Schentke: Kangal; Cover: S. Fischer

Anna Yeliz Schentkes Debütroman Kangal berichtet von den sich etablierenden Überwachungsstrukturen in der türkischen Diktatur unter Recep Tayyip Erdoğan in Folge des Putschversuchs 2016. Zur titelgebenden Metapher wird dabei der türkische Hirtenhund Kangal, der sich mutig den Wölfen der Diktatur entgegenstellt. In plastischen, direkten Formulierungen wird ein Klima der Angst aufgerufen, das aufgrund der Sprachmischung eine poetische Einladung wie Herausforderung an deutschsprachige Leser aufbietet. Ein politisch hochbrisanter Roman, aber für den Deutschen Buchpreis zu wenig.

von THOMAS STÖCK

Weiterlesen

Das Atom-Trauma des 21. Jahrhunderts

Bertrand Galic; Roger Vidal: Fukushima. Die Chronik einer Katastrophe; Cover: Cross Cult Verlag

Die Atomkatastrophe von Fukushima im Jahr 2011 bedeutete eine Zeitenwende in der Atomenergiegeschichte: Viele Länder wandten sich vollständig von der Atomenergie ab, Japan schaltete eine Vielzahl seiner über 50 Generatoren ab und verstärkte die Sicherheitsvorkehrungen gegen einen Super-GAU. Das Eintreten eines solchen beleuchten Bertrand Galic und Roger Vidal in ihrer Graphic Novel Fukushima. Die Chronik einer Katastrophe, wobei sich das Buch nicht recht entscheiden kann, ob es nun sachlich berichten oder ein packendes Abenteuer erzählen will.

von THOMAS STÖCK

Weiterlesen

„Heutzutage ist man keine ernstzunehmende Intellektuelle, bis man einen Shitstorm bekommen hat“ – Ein Gespräch mit Mithu Sanyal

Die Kulturwissenschaftlerin, Journalistin und Autorin Mithu Sanyal; Foto: Stephan Röhl; Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.en

Am 20. Juni 2022 hat uns die Autorin, Journalistin und Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal mit ihrem Debütroman Identitti (2021) im Seminar „Postcolonial Studies in Literatur und Kultur“ am Germanistischen Institut der Ruhr-Universität Bochum besucht. Identitti hat es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2021 geschafft und wird seit November 2021 am Schauspielhaus Düsseldorf, seit April 2022 am Staatstheater in Darmstadt inszeniert. Der Roman hat Aufmerksamkeit auf ein bislang in der Gesellschaft und damit auch in der Literatur unterrepräsentiertes Thema gelenkt: die Identitätssuche und Repräsentation von BIPoCs (Black, Indigenous, People of Colour) in einer weißen und weiß geprägten Kultur. Wir durften mit der Autorin über ihr Buch, dessen Entstehung und die Hintergründe sprechen.

von JANA SCHRÄDER-GRAU

Weiterlesen

Märchenstunde mit E.T.A. Hoffmann

E. T. A. Hoffmann: Das fremde Kind; Cover: Secession

Das fremde Kind des Schauerromantikers E. T. A. Hoffmann entführt uns in eine Welt, die zunächst von den allzu realen Gegensätzen um 1800 geprägt zu sein scheint. Doch schon bald dringen die fantastischen Wesen und Momente in den Alltag der beiden Protagonisten Felix und Christlieb ein. Ein prachtvoll illustriertes romantisches Kunstmärchen entfaltet seine Wirkung.

von THOMAS STÖCK

Weiterlesen

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – Kolonialismus aus neuer Perspektive

Nana Oforiatta Ayim: The God Child; Cover: Bloomsbury

Ghanaische Geschichte verpackt in einem autobiographischen Roman: Mit ihrem Debüt The God Child trägt Nana Oforiatta Ayim dazu bei, postkoloniale Strukturen bewusst zu machen und arbeitet dabei nicht nur die Geschichte ihrer Heimat, sondern auch die ihrer eigenen Familie auf. Geschichten, die enger verwoben sind, als man zunächst vermuten würde.

von SHARLEEN WOLTERS

Weiterlesen