Eine Nische den deutschsprachigen Dialekten!

Kurt Marti: wo chiemte mer hi? sämtlechi gedicht ir bärner umgangsschprach Cover: Nagel & Kimche

Ein Jahr nach Kurt Martis Tod ist mit wo chiemte mer hi? die erste vollständige umgangssprachliche Gedichtsammlung des Berners erschienen. Moderne Lyrik in Mundart: Dieses Projekt kommt einer kleinen Revolution der Schweizer Literaturszene gleich – und trifft über 50 Jahre nach seiner ersten Publikation zumindest sprachlich nach wie vor den Zahn der Zeit.

von THOMAS STÖCK

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Verschobene Dichtkunst, die herausragt

Adam Zagajewski: Asymmetrie. Gedichte. Cover: Carl Hanser

Adam Zagajewski unternimmt in seinem Gedichtband Asymmetrie den Versuch einer inkongruenten Ästhetik. Thematisch variieren seine Gedichte zwischen zumeist biografisch angelegten Charakterisierungen von Größen aus Kunst und Wissenschaft, hochpersönlichen Erzählungen sowie nicht zuletzt metaphorisch aufgeladenen Lobeshymnen auf seine literarischen Vorbilder. Zagajewskis pointenreiche Sprache geleitet durch ein exzellentes Zeugnis engagierter Literatur.

von THOMAS STÖCK Weiterlesen

„Und ein wunderliches Gefühl der Unvergänglichkeit“

Nescio - Werke   Cover: Suhrkamp

Nescio – Werke Cover: Suhrkamp

In seinen Erzählungen huldigte der holländische Schriftsteller Nescio auf berührende Weise den Bohemiens, Außenseitern und Möchtegern-Poeten, die am spießbürgerlichen und engstirnigen Holland des frühen 20. Jahrhunderts scheitern. Dieser schmerzliche Dualismus mag dem wenig bekannten Autor selbst nicht fremd gewesen sein. Jan Frederik Grönloh, der sich hinter dem Pseudonym Nescio (lat. Ich weiß nicht) verbarg, schrieb zeitlebens in seiner Freizeit, während er als Angestellter Teil des braven Bürgertums blieb. Seine lyrisch anmutende Prosa, die zwischen feiner Ironie und Melancholie changiert, ist ein Ereignis.

Der längst überfälligen Wiederentdeckung der wenigen Erzählungen Nescios hat sich nun der Suhrkamp-Verlag in einer Neuübersetzung angenommen.

von LEONARD MERKES Weiterlesen

Seegurken, Grottenolme und Cyborgs

Heinrich Detering - Wundertiere   Cover: WallsteinMit dem Band Wundertiere legt der Germanist Heinrich Detering eine Sammlung von Gedichten vor, die überwiegend eine große Ruhe verströmen. Das ist nicht sehr aufregend, aber gut zum Innehalten.

von STEPHANIE HEIMGARTNER Weiterlesen

Entschlossen maritim: Mathias Jeschkes melancholisch-ironische Gedichte

Mathias Jeschke: Der Fisch ist mein Messer Quelle: edition AZURDer Fisch ist mein Messer heißt rätselhafterweise dieser Band, und der Titel ist Programm, nicht nur, weil er es schafft, gleichzeitig auf den biblischen Hebräerbrief (4,12) und Hans Benders berühmt gewordene Poetik-Anthologie Mein Gedicht ist mein Messer von 1961 anzuspielen, sondern auch, weil diese Gedichte das mehrmalige Um-die-Ecke-Denken bei Leser und Leserin unbedingt einfordern.

von STEPHANIE HEIMGARTNER

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Visuelle Poesie und ein kleines, dickes Männchen

Nicolas Mahler - Gedichte   Cover: SuhrkampMit der Geburt beginnt es. Mit der Hölle endet es. Der österreichische Zeichner und Humorist Nicolas Mahler erzählt durch visuelle Gedichte von Schicksal, Abenteuer und einem kleinen, dicken Männchen. Es sind grafische Gedichte der Nachdenklichkeit, teils mit Humor. Im September 2013 erschienen Mahlers Gedichte mit einem Nachwort von Raimund Fellinger in der Insel-Bücherei.

von CHRISTOPH BÜRGENER

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Lyrik zum Verlieben

Der Lyrikband Wiederworte wurde 2011 veröffentlicht und basiert auf dem im Jahr 1981 erschienenen Lyrikband Herz über Kopf, der ebenfalls von Ulla Hahn verfasst wurde. In Wiederworte nimmt Ulla Hahn die Gedichte ihres frühen Gedichtbandes wieder auf und rückt sie in ein neues Licht. So entsteht ein lyrisches Zwiegespräch Ulla Hahns mit sich selbst, in dem einige ihrer frühen Gedichte ihren neuen Gedichten gegenübergestellt werden. In den neuen Gedichten antwortet sie ihrem jungen lyrischen Selbst mit Varianten, Gegenreden oder Fortführungen… Lyrik mal anders! Von Nathalie Busch

 

Der Gedichtband fällt schon durch seine Gestaltung auf, denn das lyrische Selbstgespräch ist im Buch dadurch kenntlich gemacht, dass die Gedichte optisch voneinander getrennt sind. Die frühen Gedichte stehen jeweils auf der linken Seite und sind grau hinterlegt, während Hahns neue Gedichte auf der rechten Seite abgedruckt und weiß hinterlegt sind. Auf jeder Seite des Buches befindet sich nur ein Gedicht, was ein einfaches und angenehmes Lesen dieses Bandes mit sich bringt.

Die sich gegenüberstehenden Gedichte spiegeln Ulla Hahns Stimmung und emotionale Situation wieder. Es ist auffällig, dass die neuen Gedichte meist positiver geschrieben sind als die frühen Gedichte. Somit entsteht eine Opposition zwischen dem, was früher war und was in der Gegenwart ist. Die frühen Gedichte werden dominiert von Tristesse, Traurigkeit und der Suche nach dem Selbst. Im Kontrast dazu sind die neuen Gedichte voll von Fröhlichkeit, Zufriedenheit, Glück und der inneren Ordnung und damit verbundener Findung des Selbst der Autorin. Hahn betrachtet ihr frühes Selbst als kleine Schwester. Durch die Sicht von sich selbst als kleine Schwester und Ich werden unterschiedliche Perspektiven eröffnet. Genau wie es eine Veränderung von frühen und neuen Gedichten gibt, besteht eine Art Entwicklung im Ich von Ulla Hahn. Sie reflektiert über ihr frühes Selbst, wie sie es in den Gedichten im Band Herz über Kopf  beschrieben hat. Sie denkt noch einmal über ihre frühen Gedichte und damit auch über ihre Vergangenheit nach.

In den Gedichten werden Stationen des alltäglichen Lebens beschrieben wie die Liebe, Freundschaft, die Familie, den Tod und die Trauerverarbeitung oder das Kommen und Gehen von Jahreszeiten. Sehr interessant ist es, dass Hahn in den Gedichten über die Arbeit eines Dichters sowie über das Gedichte Schreiben an sich und die Wirkung, die Gedichte auf ihre Leser haben, schreibt.

Die Gedichte sind zum Teil sehr humorvoll, amüsant und lebendig geschrieben, zum Beispiel wenn sie sich über ihr eigenes Älter werden macht, was den Gedichtband auflockert.

Darüber hinaus werden ernste Themen, wie die Situation der Opfer von Folterung, die Beschneidung von jungen Mädchen in Afrika oder die Geschichte Deutschlands mit seinen zwei Weltkriegen und der Judenverfolgung, angesprochen. Aktuelle Themen, die Hahn in ihre Gedichte einbindet sind unter anderem die Globalisierung, die Klimakonferenz und die aktuelle Lage Deutschlands. Diese Themen werden mitunter in zynischem Ton angesprochen.

Die Themen, die in den Gedichten behandelt werden, werden bereits in den Kapitelüberschriften erwähnt: Liebe ist ein Lied mit Strophen, Drei Fingerspitzen Sand im Stundenglas, Eitelkeit Staub und Asche    auf einer leeren Seite, Keine Zeit für Elegien, Gibt es ein Wiederwort? Dort., Durch diese Unterteilung der Gedichte erhält der Leser einen schnellen Überblick über die Themengebiete, was ein strukturiertes Lesen ermöglicht, ohne dass Verwirrung beim Lesen entsteht.

Bemerkenswert ist außerdem, dass Ulla Hahn in ihren Gedichten größtenteils auf Zeichensetzung verzichtet, was jedoch den Lesefluss nicht beeinträchtigt. Der Grund hierfür ist die gute Verständlichkeit der Gedichte. Bei Gedichten von Shakespeare zum Beispiel könnte man nicht weitgehend auf Zeichensetzung verzichten, da es dann sehr schwierig wäre, seine komplexen Gedichte zu verstehen.

Besonders mit den Themen der modernen Gedichte kann sich der Leser identifizieren. Die Gedichte nehmen Bezug auf das Leben eines jeden Menschen, was den Gedichtband interessant macht. Vor allem der Sprachgebrauch der modernen Gedichte ist an die heutige Zeit angepasst.

Wenn man das Wort Gedichtband hört, denkt man zunächst vielleicht: langweilig und anstrengend. Doch auf Wiederworte treffen diese beiden Adjektive nicht zu. Wiederworte ist in jedem Fall ein lesenswertes Buch und auch, wer bisher keine Gedichte mochte, sollte den 179 Seiten umfassenden Gedichtband lesen und sich davon überzeugen lassen, dass Lyrik auch kurzweilig, amüsant und modern sein kann. In ihren Gedichten offenbart Ulla Hahn ihr Innerstes und schreibt ihre frühen Gedichte um, während sie sich selbst durch ihre frühen Gedichte mit einem Abstand von dreißig Jahren betrachtet. Dabei ist sie sehr ehrlich zu sich selbst, was beim Leser Sympathie für Ulla Hahn hervorruft.

Ist das (zeitgenössische) Lyrik?

Darf eine Rezension zu subjektiv sein? Bei Ulrich Ziegers Aufwartungen im Gehäus scheint es keine andere Möglichkeit zu geben.

Von NATALIA KNICKMEIER

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