Dement sein ist kein Kinderspiel

Es ist ermüdend, jeden noch so banalen Augenblick in seine Einzelteile zerlegt vorzufinden und auch die selbstverständlichsten Aspekte des alltäglichen Lebens in unglaublicher Detailtreue erläutert zu bekommen. Das Spektrum dieser Handlungsabläufe reicht hier vom morgendlichen Toilettengang bis zum Waschen vor dem Schlafengehen. Es ist ermüdend und dennoch ist es für Péter Farkas das grundlegende Mittel, um in dem Roman Acht Minuten den Alltag des Protagonistenpärchens darzustellen.

von GERALDINE GAU

Das Buch beschreibt das Leben eines dementen Ehepaares aus der Sicht des Mannes, der zwar auch in weltfremder Abgeschiedenheit dahin vegetiert, sich aber, im Gegensatz zu seiner Frau, noch selbst versorgen kann. Er kümmert sich um sie, versucht zu ergründen, wie ihr Denken funktioniert, und auf welche sinnlichen Reize sie reagiert. Gleichzeitig sieht er dem Verfall seines eigenen Körpers zu. Dem Verlust der Sehkraft folgen Inkontinenz und stetig abnehmende Beweglichkeit. Auch die Launen und fixen Ideen seiner Frau fordern Einfallsreichtum und Ausdauer von ihm. Dennoch wären die beiden ein harmonisches Duo, das sich auch ohne Worte versteht, wären da nicht die Angehörigen, die versuchen, das Leben der alten Leute zu „erleichtern“, indem sie eigenmächtig Entscheidungen über sie treffen. Der alte Mann ist dieser abwertenden Willkür machtlos ausgeliefert und wünscht sich nur, in seinem gewohnten Umfeld in Ruhe gelassen zu werden, damit ihm nicht auch noch die letzten Orientierungspunkte verloren gehen.

Spannung? Fehlanzeige.

Zunächst scheint es überflüssig, jede einzelne Haferflocke des Frühstücksmüslis zu beschreiben oder über das Betrachten einer Wespe in solche Verzückung zu geraten, dass selbst die aderähnliche Struktur der Flügel zu einem unbedingt nennenswerten Betrachtungsgegenstand hochgeschaukelt wird. Auf der anderen Seite wird all das ausgespart, was auch nur annähernd handlungstragende Elemente enthält. Man erfährt nur zum Teil, wie die Protagonisten heißen, wer sie sind und in welcher Beziehung sie zu den mysteriösen Personen stehen, die von Zeit zu Zeit unangekündigt in die Privatsphäre des Paares eindringen, über dessen Leben und Besitz entscheiden und genauso unbemerkt wieder verschwinden, wie sie gekommen sind. Den Stoff, aus dem Geschichten entstehen, Konflikte, Erlebnisse, Familienprobleme, spart Péter Farkas aus und schreibt kurzerhand über die Dinge, die keinen interessieren. Einzelne Ereignisse kommen zusammenhangslos und beinahe zufällig daher. Die Leselust wird davon oft gebremst und Spannung kommt erst gar nicht auf.

Durch fremde Augen sehen

Bei genauerer Betrachtung liegt jedoch genau darin die Stärke des Romans, denn dieser Stil und die Auswahl der zu erzählenden Inhalte ist nicht mehr und nicht weniger als eine gelungene Allegorie auf das Leben der Protagonisten. Gesellschaftliche Konventionen,  Namen, sozialer Umgang, Beziehungen, Gespräche, Medien, Weltgeschehen, Erfahrungen, all das, was für die meisten Menschen den Lebensinhalt bildet, hat für die beiden keine Bedeutung. Sie können sich nicht mehr erinnern, nicht mehr ausdrücken, andere nicht mehr verstehen. Sie erkennen keine großen Zusammenhänge. Dafür wird die unmittelbare Gegenwart zur einzigen Realität. Es zählen die Augenblicke der Klarheit, ist doch die Routine der immer schwerer werdenden Handlungsabläufe die größte Herausforderung ihres Lebens. Auch die Momente, in denen Harmonie und Liebe zwischen ihnen herrscht, kosten sie voll aus.

Wer also Wert auf abenteuerliche Lektüre und überschäumende Handlungsvielfalt legt, sollte dieses Buch vielleicht lieber wieder zurücklegen, auch wenn der leuchtend rote Einband einem herausfordernd ins Auge sticht. Dieser Roman besinnt sich viel mehr auf die Ästhetik des Alltäglichen und die kleinen Freuden, die das Leben ein bisschen erträglicher machen. Dabei gelingt eine authentische und auch rührende Einfühlung in ein alterndes Bewusstsein und eine klare und anschauliche, wenn auch zuweilen schonungslose Darstellung dieser Innenwelten.

Péter Farkas: Acht Minuten
Luchterhand Literaturverlag, 136 Seiten
Preis: 16,99 Euro
ISBN: 978-3-630-87304-6
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