Dramakademische Erkentnisse im Forum Freies Theater

Theater ist ein Kommunikations- und Darstellungsmodus. Wissenschaft auch. Warum also nicht mal — ähnlich wie beim Science Slam — Forschungsergebnisse als Theaterstück auf die Bühne bringen? Eine Gruppe aus den Bochumer inSTUDIES hat das nun im FFT in Düsseldorf unter dem Titel Performative Erkundungen – Forschen in szenierten Welten versucht. Die Ausbeute ließ sich theatral sehen, blieb aber inhaltlich dünn.

von FABIAN MAY

Ich will nicht immer so ein dummdödeliges Trockengescheiß von wegen ‚Ja, das muss alles in den Daten abzeichenbar sein‘, das steht mir bis hier. Dieses Projekt tötet alles Schöne! Ich möchte doch einfach nur was zu sehen haben, was zu fühlen haben, was mich in Gänze durchdringt.“ (Laron Philipp Janus)

Dass Wissenschaft auch Schauspielerei ist — dieser abgedroschene Gag wird hiermit feierlich ausgelassen. Zwar versammelt die Bühne im Düsseldorfer Forum Freies Theater (FFT) alle Kulissen wissenschaftlicher Kongresse: Stühle, Tische, Namensschilder, Wassergläser, Rednerpult und Beamer. Zwar wird das Publikum zu einem Kongress mit einem absurd umständlichen Titel begrüßt, bevor es gebeten wird sich vorzustellen, es wäre im Theater. Doch die acht Studierenden haben mehr im Sinn als den Wissenschaftsbetrieb zu persiflieren — sie spielen sozialwissenschaftliche Erkenntnisse vor. Performative Sozialwissenschaft nennt sich das.

Ambitionierte Forschungsfragen

Was sind die Zutaten eines intensiven Theatererlebnisses? Wo hört das Spielen der Schauspieler auf und fängt die Rolle an? Was macht die Bühne mit Menschen, dass so viele Laiendarsteller sagen, sie wollten ohne Theater nicht mehr existieren? Zwei Semester lang haben Susanne Goldmann, Christian Minwegen, Alexander Palenga, Laron Philipp Janus, Fabian Vieten, Josepha Odoy, Lioba Sombetzki und Marcus Boxler (unter der Leitung von Prof. Dr. Jürgen Straub und begleitet von den Sozialwissenschaftlern Sebastian Paul Ruppel, Rike Müller und Dr. Pradeep Chakkarath) in qualitativen Interviews diese und weitere Fragen erforscht.

Ich werde Sie […] in meinem nun folgenden Vortrag sehr direkt adressieren, weil meine Ergebnisse mir dies nahelegen.“ (Susanne Goldmann)

Hier eine Aufzählung der handfesten Erkenntnisse, die die Studierenden am 27. Juni vorgetragen haben: (1a) Die Zutaten eines intensiven Theatererlebnisses heißen, wie Susanne Goldmann aufzählt, Publikumsinteraktion, Musik als Emotionsregulator, visuelle Überladenheit, Variation der Darstellungsformen und Akzent auf dem Livecharakter, und, wie ihr Kollege Christian Minwegen vorführt, (1b) wenn man sie alle zugleich einsetzt, wird’s albern. (2) Schauspieler über ihren Beruf zu interviewen, ist, wie Laron Philipp Janus eindrucksvoll präsentiert, wie Fußballer zu ihrem Beruf zu befragen („Kinder verabreden sich, spielen Räuber und Gendarm. […] Und im Spiel wird der Räuber dann irgendwie böse, dass … der Kindsräuber sozusagen, das Räuberkind, und der Polizist übernimmt die Rolle des Polizisten. Ein ganz kindlicher Ansatz.“). (3) Zum Versuch, den spezifischen Suchtfaktor des Theaters zu erklären, bekennt Fabian Vieten: „Ladies and Gentleman, ich kann ganz ehrlich sagen: Ich habe keine Ahnung. Aber: Denken Sie mal drüber nach.“

Kaum klare Antworten

Sind das neue Erkenntnisse übers Theater, weil sie jetzt durch qualitative Interviews und deren schauspielerische Aufarbeitung verbürgt sind? Nein. Das Einzigartige an dieser Performance sozialwissenschaftlicher Erkenntnisse (das wird alle Verfechter des Mysteriums Theater freuen) ist und bleibt all das Flüchtige und Unsagbare, was es nur an diesem Abend zu sehen gab. Ach ja … eine Erkenntnis hat der Abend dann doch gebracht: Sozialwissenschaft macht mit Musik, Gebrüll und Einhorn-Masken viel mehr Spaß als ohne. Auch wenn das den klassischen Forschungsbericht, den die Studierenden auch noch abgeben müssen, nicht ersetzt.

 

Informationen zum Stück

 

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