Mutige Moderne und recycelte Zuschauermagnete

"10 By Ben" am Aalto-Theater Essen Foto: Bettina Stöß

„10 By Ben“ am Aalto-Theater Essen Foto: Bettina Stöß

Mit 10 By Ben feiert Ben Van Cauwenbergh nicht nur sein Schaffen der vergangenen zehn Jahre am Essener Aalto-Ballett als Choreograf und Ballettintendant, sondern auch sich selbst. Hierbei wird jedoch deutlich: Der Star ist ganz eindeutig das Ensemble. In Van Cauwenberghs Jubiläums-Show glänzen vor allem die erstklassigen Solisten des Essener Aalto-Balletts. Und das meist in Werken, die eben nicht von ihrem Intendanten choreografiert wurden. 

von STEFAN KLEIN

Beim Betreten des Theatersaales sieht das Publikum eine offene Bühne. Die Kulissen sind hochgezogen und im nackten Raum stehen vereinzelt Requisiten. Das Ensemble des Essener Balletts wärmt sich zu Klaviermelodien auf, angeleitet vom Chef Ben Van Cauwenbergh persönlich. Er macht seiner Kompanie Bewegungsabläufe vor und triezt die ein oder andere Tänzerin, die nicht so hoch springt, wie er sich das wünscht. Es ist ein stimmungsvoller und irgendwie voyeuristischer Einstieg, der dem Publikum das Gefühl gibt, nun genau zu wissen, wie der Probenalltag eines Balletttänzers aussieht. Was danach kommt, ist den meisten im Publikum wiederum mehr als bekannt: dreizehn Ausschnitte aus den vergangenen zehn Jahren des Essener Aalto-Balletts unter der kreativen Leitung Ben Van Cauwenberghs. Große Publikumslieblinge, die sich alle seit fast zehn Jahren immer wieder auf dem Spielplan des Hauses finden, geben sich die Klinke in die Hand. So darf neben dem Chanson-Abend La Vie En Rose natürlich weder Irish Soul noch die jährlich immer wieder ausverkaufte Tanzhommage an Queen fehlen. Alle drei Stücke importierte Van Cauwenbergh aus seinem vorherigen Engagement vom Staatstheater Wiesbaden, sie haben somit bereits weit mehr als die hier gefeierten zehn Jahre auf dem Buckel. Wohlwollend könnte man die Angestaubtheit als Nostalgie bezeichnen, doch bleibt es leider nicht aus, einen eher entlarvenden Blick auf Van Cauwenberghs Schaffen zu werfen: Die schon mehr als zehn Jahre alten Choreografien zeigen nur wenig Abwechslung in den Bewegungsabläufen der Tänzer. Statische Wechsel zwischen den Figuren und immer wiederkehrende Drehungen, Sprünge und drehende Sprünge dominieren die Ausschnitte aus den Publikumslieblingen. Während man die sich wiederholenden Bewegungen des Ensembles bei Carmen/Boléro noch als Stilmittel zur Spiegelung der Musik sehen kann, sind sie in minutenlangen Soli eher ermüdend.

"10 By Ben" am Aalto-Theater Essen Foto: Bettina Stöß

„10 By Ben“ am Aalto-Theater Essen Foto: Bettina Stöß

Der Ruf nach mehr Moderne

Weitaus spannender als die Gassenhauer aus der Feder Van Cauwenberghs sind die Ausschnitte aus Werken anderer Choreografen. Schon die Eröffnungsnummer aus Ohad Naharins Deca Dance zeigt, was Tanztheater heute leisten kann. Auch hier spielt der israelische Choreograf mit Wiederholungen, die jedoch zu keinem Zeitpunkt langweilig wirken. Zu den hypnotischen Rhythmen eines hebräischen Volksliedes präsentiert das Essener Ensemble Naharins Choreografie, die sich vor allem durch isolierte Körperbewegungen und extreme Flexibilität im Rücken auszeichnet.

Dass den Essener Tänzern ein modernes Bewegungsvokabular steht, zeigt sich auch bei dem Ausschnitt aus 3 By Ekman. Die Szene aus dem Kompilations-Stück des jungen schwedischen Choreografen Alexander Ekman ist das absolute Highlight des Abends. Hierbei beweist das Ensemble, dass mehr in ihm steckt, als Van Cauwenbergh von ihm in seinen Stücken fordert. Von den Tänzern wird bei 10 By Ben viel verlangt: Mit nur wenig Zeit zwischen den oft sehr unterschiedlichen Stücken springen sie von einer Stimmung in die nächste, vor allem aber von einem Stil zum anderen. Trotz dieser schlaglichtartigen Sprünge schaffen die Tänzer es, die richtigen Emotionen des jeweiligen Werkes zu vermitteln, und finden sich gut in ihre jeweiligen Rollen ein. Hierbei wird vor allem Liam Blairs große Wandlungsfähigkeit deutlich. Nach seinem expressionistischen Part in 3 By Ekman rettet er die etwas langweilige Szene aus Van Cauwenberghs Nussknacker, um danach den schmachtenden Romeo in Romeo und Julia zu geben. Über jede Kritik erhaben ist auch Adeline Pastor, die leider nur in der ersten Hälfte des Abends groß im Mittelpunkt stehen darf, dafür jedoch direkt tänzerisch und mit Gesang. Ihre Interpretation von Piafs Hymne à lʼamour ist herzzerreißend und bereitet ideal auf No, je ne regrette rien vor, bei dem sie tänzerisch das Beste aus Van Cauwenberghs Choreografie herausholt.

10 By Ben ist ein meist kurzweiliger Abend, der sehr deutlich zeigt, dass das Essener Ensemble aus sehr fähigen Tänzern besteht, die weit mehr können, als sie in den nichtsdestoweniger immer wieder ausverkauften Ballett-Schlagern Van Cauwenberghs zeigen dürfen. Die Rückschau zeigt gleichzeitig, dass man durch andere Choreografen in Essen immer mal wieder den Mut aufbringt, auch die Moderne in das Haus einziehen zu lassen. Es bleibt zu wünschen, dass dies in Zukunft noch häufiger der Fall sein wird.

 

Informationen zur Veranstaltung
 
Nächste Vorstellungen:
Samstag, der 23.6. (ausverkauft)
Samstag, der 14.7. (ausverkauft)

 

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