Wer einmal seine Augen öffnet, kann nicht mehr ruhig schlafen

„WENN MIR DER BUS – wo ich mich für einen Platz auf der Plattform entscheide – auch sehr viel lieber ist als die Metro, so gehe ich doch am liebsten zu Fuß. Ständig von allem, was sich meinem Blick darbietet, in Versuchung geführt, ignoriere ich auf meinem Nachhauseweg mit Vergnügen jeder Abkürzung.“

von JOELLE SCHAMANN

So lautet der erste Satz des Protagonisten Bernhard Appelbaum, der Anfang der sechziger Jahre während eines Spazierganges durch Paris zufällig seinen alten Bekannten Robert Bober wiedertrifft. Bober war in der Nachkriegszeit sein Betreuer in einem jüdischen Ferienlager, und ist jetzt Assistent des Regisseurs François Truffaut. Bernhard bekommt prompt eine Rolle als Statist in dem Film „Jules und Jim“. Obwohl die mit Bernhard gedrehte Szene dem Schnitt zum Opfer fällt, gibt dieser Film seinem Leben eine entscheidende Wendung.

Bernhard nimmt, als der Film 1962 in den französischen Kinos anläuft, seine Mutter mit in eine Vorstellung. Diese wird durch die in dem Film beschriebene tragische Dreierbeziehung an ihre Vergangenheit erinnert und sagt nach dem Film zu Bernhard: “Ich habe meinen Jules verloren und meinen Jim.“ Denn die Mutter verlor tragisch Bernhards Vater in Auschwitz und dessen Stiefvater, der bei einem Flugzeugabsturz über dem Atlantik ums Leben kam. Allein mit zwei Söhnen, von den Vätern nur Fotografien in einem alten Schuhkarton. Diese werden zum Schlüssel für eine bis dahin verborgenen Familiengeschichte. Appelbaum macht sich schließlich auf Spurensuche, um seinem Vater näher zu kommen, aber auch, um seine eigene Geschichte zu vervollständigen.

In einer schlichten, ruhigen Sprache von verblüffender Eindringlichkeit hat Robert Bober ein Buch der Erinnerungen geschrieben. Doch vermeidet er – trotz häufiger melancholischer Stimmung – konsequent Sentimentalität und verbindet die Rekonstruktion der Fluchtwege des Vaters mit Spaziergängen durch ein Paris, das ein Tourist nie zu sehen bekommt.

Die Streifzüge sind so lebendig beschrieben, dass man das Gefühl hat, man würde selbst durch Paris gehen. Zudem gelingt es Robert Bober, das Thema „jüdische Geschichte“ präsent zu machen, ohne es auf jeder Seite ansprechen zu müssen: es schwingt ganz selbstverständlich mit, immer anwesend aber ohne zu erdrücken.

Der besondere Schachzug Bobers ist es, sich selbst in die Geschichte einzubringen, als Statist, nicht als Erzähler selbst. Wer einmal die Augen öffnet, kann nicht mehr ruhig schlafen verbindet persönlich Erlebtes mit Erdachtem und nimmt den Leser auf eine Reise durch eine sehr persönliche und berührende Erzählung mit, die einen anregt, über seine eigene Familiengeschichte nachzudenken und mit offenerem Blick durch das Leben zu gehen. Wer einmal anfängt zu lesen, befindet sich mitten in Paris und möchte nicht mehr weg.

„Da standen wir, gemeinsam, ganz nahe, einander gegenüber, in der gleichen Reglosigkeit. Wir waren im selben Alter. Er lächelt mir zu.“

Robert Bober: Wer einmal die Augen öffnet, kann nicht mehr ruhig schlafen
Kunstmann, 284 Seiten
Preis: 19,90 Euro
ISBN: 978-3888977251
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