Soziophober Autist von heute

Nagel liest aus Wo die wilden Maden graben und anderen Texten

Osnabrück, Lagerhalle, 02.03.2012

Im lauschigen Spitzboden der Osnabrücker Lagerhalle ist alles für ein angenehmes Leseerlebnis hergerichtet worden. Behagliches Ambiente mit Fachwerkgebälk und Weißputz, ein Haufen schummriger Teelichter an rustikalen Sitzgruppen, hübsche illustre Gesellschaft und last but not least ein Beamer, der ein überdimensionales Foto einer mit Edding beschrifteten Wand an eine Leinwand strahlt: „In case of stress, bang head here“, empfiehlt das Bild. Doch wie sich zeigt, wird das gar nicht nötig sein – ein gutgelaunter Nagel wird sein Publikum heute Abend ganz entspannt mit Bravour auf eine literarische Reise durch seine verquere Gedankenwelt führen.

Von ANDREA SCHAUMLÖFFEL

Das Multitalent Nagel, den viele noch als Frontmann der inzwischen dahingeschiedenen Band Muff Potter kennen und der sich mit zahlreichen Ausstellungen seiner Raucher-Linoldrucke mittlerweile auch als ernstzunehmender Künstler in der Szene etabliert hat, kam nun kurz nach Veröffentlichung seines zweiten Romans Was kostet die Welt im Taschenbuchformat auf die Idee, erneut auf Lesetour zu gehen. Doch was ist das? Gleich zu Anfang verkündet der Autor, sein neuestes Werk heute links liegen zu lassen und nur aus seinem Debüt Wo die wilden Maden graben zu lesen. Und einige andere Texte habe er da auch noch in petto. Doch zunächst kommentiert er eine entzückende Diashow mit selbstaufgenommenen Schnappschüssen, die nur erahnen lassen, wie dieser Mann die Welt wahrnehmen muss. Ein bisschen anders als die breite Masse halt. Neben Fotos aus der Heimat – um genau zu sein: Fotos von „Jesus lebt“-Plakaten („Ich musste eigentlich schnell zur Bahn und hatte keine Zeit und bin erst dran vorbeigelaufen, aber dann bin ich doch stehengeblieben, um mir das anzugucken und musste es fotografieren“) – zeigt er uns begeistert Bilder von verschiedenen, allesamt ziemlich schäbigen Hotels in Istanbul, sowie eine beachtliche Sammlung mannigfaltiger Graffiti, ebenfalls in der türkischen Metropole entdeckt und festgehalten. Urlaubsfotos der etwas anderen Art.

Wie versprochen trägt der Autor auch aus seinem Erstlingswerk vor, und zwar jene amüsante Episode, in der die fiktive Band samt komplettem Musikequipment die Schweizer Grenze zu überqueren versucht und sich mit der Problematik herumschlagen muss, mal eben 500 Kilo Übergewicht loszuwerden, damit die Zollbeamten zufrieden sind und der Tourbus ins Land rollen darf. Obwohl dieser Klassiker mittlerweile (zumindest bei mir) Kultstatus genießt und immer wieder schön anzuhören ist, hätte ich mir lieber einen anderen Ausschnitt aus dem Buch gewünscht, wurde dieser hier doch bis jetzt bei so gut wie allen Nagel-Lesungen, denen ich bislang beigewohnt habe, zum Besten gegeben. Die sieben anderen Texte – teils unveröffentlicht, teils aus Nagels Kolumne in Oliver Kochs Fanzine „Opak“ – machen dies aber gleich darauf mehr als wett. Mal kürzere, mal etwas längere Erzählungen aus dem Alltag bekommt das Publikum zu hören, alles recht lustig verpackt in liebevoll ausschweifendem Premium-Gezeter in altbekannter Nagelmanier.

Das Sahnehäubchen bildet schließlich ein unspektakuläres Filmchen, das (wie sollte es anders sein?) während einer von Nagels zahlreichen Urlaubsreisen entstand und zeigt, wie unser Held … sich mit dem Fahrrad langlegt. Viel schöner als das Video ist jedoch die Begeisterung des neben der Leinwand sitzenden Protagonisten ob seiner eigenen Reaktion während der Filmaufnahmen. Die Leidenschaft, die nachdenkliche – ja fast schon naive – Freude, die er versprüht, weil er in den Rocky Mountains in seine Kamera gesprochen hat, obwohl sonst niemand anwesend war, ist einfach nur mitreißend!

Zwei Stunden dauert das intermediale Intermezzo, mit einer fünfzehnminütigen Raucherpause dazwischen, dann ist der grandiose Abend leider auch schon wieder zu Ende und die Lichter gehen wieder an, nicht ohne vorherigen Hinweis des Autors, er würde jetzt „da hinten“ am Stand seine Bücher verkaufen und signieren. Obwohl heiß begehrt und wild umschwärmt – Nagel macht  sein Versprechen wahr und schreibt seinen Fans auf Wunsch ein alternatives Ende in ihre Exemplare von Was kostet die Welt – nimmt der Autor sich Zeit für ein gemeinsames Foto. Nagel kommentiert: „Andrea, du siehst ausgestopft aus … und ich wie der Teufel“. „Wo der Mann recht hat, hat er Recht!“, denke ich und er beantwortet mir noch ein paar Fragen. Wie es denn kommt, dass er das Buch, dessen Promotion doch sicherlich Ursache für seine Lesereise sei, heute Abend gar nicht angefasst hat. Spontane Entscheidung, erklärt Nagel. Er habe einfach keine Lust auf das Buch gehabt und wollte lieber andere Texte lesen, nachdem er bei den 60 (!) vorigen Lesungen in den letzten anderthalb Jahren ausschließlich aus diesem einen Werk vorgetragen hatte. Das leuchtet mir ein. Diese Tour, so erklärt er mir weiter, sei eigentlich total unabhängig von Verlag und Taschenbuch entstanden, einfach weil er „Bock drauf“ hatte – obwohl ihn zunächst leise Zweifel plagten, ob denn eine weitere Lesetour so ohne ganz neues Material angebracht und machbar sei.

Kann man sich denn in naher Zukunft auf den dritten Roman aus Nagels Feder freuen? Er habe da was angefangen, druckst er herum, aber zurzeit auch wieder auf Eis gelegt. Denn irgendwie hat er gerade wieder mehr Lust, sich aufs Musikmachen zu konzentrieren … Nun gut, dies sei dem charismatischen Allrounder vergönnt. Denn dass es keines neuen Druckerzeugnisses des selbstbetitelten soziophoben Autisten bedarf, um die ergebene Leserschaft für einen Abend vortrefflich zu unterhalten, hat dieser uns bei seinem Tourauftakt in Osnabrück wieder einmal höchst eindrucksvoll bewiesen!

Nagel –  Was kostet die Welt
Heyne, 320 Seiten
Preis: 8,99 Euro [Tb]
ISBN:  978-3453676190

Nagel auf Lesetour im Frühjahr 2012:

05.03. Duisburg, Duisburger Akzente

06.03. Kassel, Lolita Bar

22.04. Saarbrücken, Garage

18.05. Braunschweig, Riptide

http://www.nagel2000.de

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