Tanz des Vampirs – Joann Sfars neuer Comic-Roman

Joann Sfar: Vampir   Cover: avantDer litauische Vampir Ferdinand und die Mandragora Lia sind ein ganz typisches Paar: Man hält es nicht miteinander aus, trennt sich – und hat es doch nicht hinter sich. Zu Beginn der Geschichte hat die zierliche wurzelgestaltige Lia Ferdinand gerade verlassen; am Ende geht sie einmal wieder. Dazwischen sucht sie Zuflucht bei einem Freund, dem Baummann, einem Schreiner und Schuhkatalogsammler (zu dem schon Ferdinands frühere Frau gegangen war, die inzwischen aber von ihm geschieden ist). Der melancholische Ferdinand trinkt gelegentliche Schlückchen Blut (aber nur ja keine tödlichen!) bei anderen Frauen. Er gerät an die punkige Jung-Vampirin Aspirine, die Graveyard-Parties mag, Minderwertigkeitsgefühle gegenüber ihrer verführerischen Schwester Ritalina hegt und mit Ferdinand gern seinen Sarg teilen möchte.

von MONIKA SCHMITZ-EMANS

Joan Sfar erzählt Ferdinands komplizierte Abenteuer in seinem Comic-Roman Vampir mit vertrauter Souveränität, und er schließt dabei an manch Bekanntes an: an die Topoi des Vampirromans und -films, deren Figurentypen und Handlungsmuster er mit liebevoller Ironie zitiert und parodiert, an Lebensformen und Erfahrungen aus der zeitgenössischen Alltagswelt, aber auch an eigene frühere Geschichten und deren Figuren – wie etwa an die Bücher um den Vampir Desmodus. Obwohl Vampir, anders als viele Sfar-Comics, nicht primär im jüdischen Milieu lokalisiert ist, gehört auch ein Rabbi zu den Freunden Ferdinands: Elijah, Opfer eines Pogroms, bei dem seine Familie umkam, hat einen Golem geschaffen, um Rache zu nehmen, brachte dies aber nicht mehr fertig, nachdem der Golem die Augen erst einmal geöffnet hatte. So wurde der Golem vom Rächer zum Freund. Zweite Hauptfigur neben Ferdinand ist seine Katze: grau, segelohrig, aufdringlich und genußsüchtig, begleitet sie ihren Herrn so loyal, wie man es von der Katze des Rabbiners in Sfars gleichnamigem Comic-Roman kennt – allerdings ohne dabei selbst das Wort zu ergreifen. Aus einem anderen Comic des Zeichners bekannt ist auch der verrückte und gefährliche, dabei romantische Imhotep, der auf einem an die „Titanic“ erinnernden Kreuzfahrtschiff sein Unwesen treibt.

Von vampirischer Wiederverwertung

Wie Vampire durch raffiniert geplantes Recycling gedeihen, so auch Sfars Bildgeschichte, die sich von Reminiszenzen an Murnaus Nosferatu nährt (dem Ferdinand deutlich ähnelt), sich zudem noch bei Lewis Carroll, Franz Kafka, Gustav Meyrink, Hanns Heinz Ewers, Fritz Lang, Humphrey Bogart, Serge Gainsbourg und anderen bedient. Wie lange die über Jahrzehnte hinweg entwickelte Figur des Vampirs den Zeichner begleitet hat und welche literarischen, filmischen und anderen Anregungen in den lange vorbereiteten Bildroman eingingen, erfährt man dann auch am Ende des Buchs.

Von tänzerischer Leichtigkeit

Ein Vampir als Protagonist – das ist bei Sfar aber nicht nur einem Hommage ans Prinzip des Recycling, sondern vor allem eine Hommage an die Leichtigkeit: Er nimmt seinen sympathischen Nosferatu-Nachfahren zum Anlaß, ihn durch seine Abenteuer fliegen zu lassen, leicht und tänzerisch, die Katze in der Jackentasche.

Im Motiv des Fliegens, assoziiert mit der Überwindung von Grenzen und Hindernissen, dem schnellen Wechsel von Schauplätzen und Impressionen, kondensiert sich eine Kernthematik von Sfars Vampir-Roman: Die Freude am Überraschenden, der Ausbruch aus der Langeweile – der „Ausflug“ eben. Ferdinands Abenteuer werden zeichnerisch phantasievoll inszeniert: Düstere und bunte Szenen wechseln ab; viele Episoden spielen in Nacht und Dunkelheit, aber die Düsternis wird immer wieder in mehr als einem Sinn aufgehellt: durch die Signalfarben wichtiger Figuren (Lias’ Grellgrün, das Gelb des Golems) – und durch Sfars Humor.

Vampir erzählt von der Leichtigkeit und Schwere des Lebens: von Liebe und Eifersucht, von Genuß und tödlicher Bedrohung, vom Glück der Augenblicke und von den Schattenseiten der Seele. Immer wieder siegt dann aber doch die Leichtigkeit; so erliegt Ferdinands Oma zwar beim Gekrösesuppe-Kochen einem Hirnschlag, doch mittels eines Zauberstabs, in den man pustet, läßt sich das Blutgerinnsel im Gehirn leicht wieder entfernen. Opulente Tanzszenen spielen sich in verschiedenen Milieus ab, und in Sfars Version vom Tanz der Vampire sind es die jeweils anderen, die den Vampir zum Tanz verführen: Punker auf der Friedhofsparty, eine leichte Dame unter Drogen, schließlich eine Schlangenfrau, mit deren Hilfe Ferdinand sogar die Begrenzungen abgeschlossener Räume durchtanzt. Auch die düsteren Figuren tanzen: Mumien, der Teratologe Professor Bell, sein metamorphotischer Dämon Eliphas und eine widerliche Monsterpaste, die immer neue Gestalten annimmt. Gerade im Zeichen des Tanzes nähern Leichtes und Schweres sich an: Im „Moonshine Club“ des Kreuzfahrtschiffs wird Ferdinand widerstrebend in skurrile Tänze zu „altbackenem Discobeat“ verwickelt, der Rabbi aber dankt tanzend seinem Gott – für sein Unglück.

Von der Rettung des Vampirs

Vampir ist einfallsreich von der ersten bis zur letzten Seite. Dazu gehört auch der Auftritt des Zeichners selbst, der seine Geschichte unterbricht, um die gespannten Leser zappeln zu lassen, und sich vom Appell an sein Gewissen nicht beeindrucken läßt. An Ferdinands Bild-Geschichte schließt sich ein Interview mit dem Vampir an, das seinen Lebensauffassungen und Neigungen gilt und ahnen läßt, wieviel Ferdinand mit seinem Schöpfer Sfar verbindet. Beide sind vor allem Helden der Leichtigkeit: Ferdinand dank seiner Daseinsweise als Vampir, der, unbelastet vom Gedanken an den Tod (den er ja schon hinter sich hat und folglich nicht fürchten muß), seine Freundschaften pflegen darf, auch wenn es mit der Liebe (zu Lia) nicht so recht läuft; und der Zeichner als Erfinder phantastischer Bildgeschichten, in denen auch Erzählungen über den Tod, über Leid, Einsamkeit, Gewalt und Zerstörung so spielerisch inszeniert werden, daß man fast vergißt, wie dunkel es draußen ist. Auf der letzten Seite charakterisiert Sfar seine Beziehung zur eigenen Vampirgeschichte so: „Man könnte sagen, dass der Hauptzweck darin besteht, Murnaus Nosferatu zu retten, indem man ihn in eine amerikanische Komödie einlädt.“ Die Rettung des Vampirs ist gelungen, und es sieht ganz so aus, als fühle er sich in der Komödie wohl.

Joann Sfar: Vampir.
Übers. von Paula Bulling & Barbara Hartmann
avant-Verlag, 216 Seiten
Preis: 29,95 Euro
ISBN 987-3-939080-74-9
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