Wanderporno

Der große Trip - Wild (2014)Spätestens seit Ich bin dann mal weg von Hape Kerkeling aus dem Jahr 2006 (Verfilmung mit Devid Striesow und Anette Frier, Kinostart noch nicht bekannt) sind spirituell-halbesoterische Selbstfindungstrips auch in Deutschland so richtig in Mode, und ein regelrechter Pilgerkult ist um diese einsame, wahre und naturverbundene Erfahrung entstanden. Wandert sich Reese Witherspoon nun ganz ungeschminkt und mit „Monster-Backpack“ in Jean-Marc Vallées Der große Trip – Wild zum zweiten Oscar? Bitte nicht!

von NADINE HEMGESBERG

Reese Witherspoon geht auf die 40 zu. Das hört sich nun wertender an, als es ist. Denn dabei handelt es sich vielmehr um eine Feststellung, die damit im Zusammenhang steht, dass man seit einer gefühlten Ewigkeit nichts mehr von Witherspoon gehört oder gesehen hat und die seichte Erinnerung an eine wirklich außerordentliche Performance sich schon fast im Verblassen befindet. Damit gemeint: das Cash-Tribute Walk the Line mit Joaquin Phoenix und ihre Darstellung von June Carter im Jahr 2005, die Witherspoon – völlig zu Recht – eine Oscarauszeichnung einbrachte. Aber auch in den frühen 2000ern, man darf es nicht vergessen, hat sie ja Sachen wie Natürlich blond 1 und 2 (2001 und 2003, ihr großer Hollywooddurchbruch) gedreht oder die Marc Levy Schmonzettenverfilmung Solange du da bist (2005). Nun also ein Wanderporno.

Vergangenheitsbewältigung

In Der große Trip – Wild verkörpert Reese Witherspoon die US-Amerikanerin Cheryl Strayed, die Mitte der 1990er-Jahre einen Teil des Pacific Crest Trails entlang wanderte. Ohne die reiseliterarische Vorlage von Strayed gelesen zu haben und ohne der realen Person hier in irgendeiner Weise despektierlich zu nahe treten zu wollen, aber – schon nach zehn Minuten wünscht man sich, dass Witherspoon alias Strayed im Film eines qualvollen Todes stirbt und das Martyrium für den Betrachter doch bitte endlich ein Ende hat. Wie schade, denn es folgen noch weitere 105 Minuten voller Rückblenden auf ein gescheitertes Leben: die viel zu früh an Lungenkrebs sterbende Mutter (Laura Dern), der narzisstische Bruder, der dutzendfach gehörnte Ehemann, das Heroin in der Fußvene und der schnelle Sex mit hochgezogenem Kellnerinnenrock in der versifften Seitenstraße hinterm Diner. Und dann ist da noch das lebend verfaulende Pferd (man weiß nicht so recht, welchem bakteriellem Lochfraß es anheimgefallen ist, aber wenigstens ist es nicht, wie andere Tiere in diesem ach so schönen Naturfilm, von stümperhafter Hand im Frankensteinprogrammierlabor entstanden), durch dessen eigenhändige Tötung sich die Geschwister nun dann endgültig von der so oder so nicht wirklich glückseligen Kindheit – prügelnder, saufender Vater – verabschieden müssen.

Doch bei all der emotionalen Überfrachtung von Tod, Betrug und Selbstbetrug – der innere Zerrissenheits-Funke will nicht so richtig überspringen. Mal wirkt Witherspoons körperlicher Zustand lächerlich verwahrlost (Tag 5), mal ausnehmend geschönt und gänzlich ohne Sonnenbrand trotz sengender Mojavewüste (Tag X). Natürlich, das Identifikationspotenzial mit der nymphomanen Fixerin mag nun auch nicht jedem leicht fallen, aber weder die Naturaufnahmen noch die Innenbespiegelung samt hallender Off-Erzählerinnenstimme  vermögen dem Zuschauer Mitgefühl abzuringen – eine Reportage von Ingo Zemperoni aus dem Spätsommer 2014 hält da fast schon mehr Naturprosa bereit. Aber genau da liegt der Hase, oder vielleicht auch der Fuchs, im Pfeffer begraben: Die Erwartungshaltung an einen solchen von der Gesellschaft Abstand nehmenden Trip in die Natur hat eben seine cineastischen Vorgänger und mit eben jenen – wie Into the Wild, ebenso die Verfilmung der wahren Geschichte des Aussteigers Christopher Johnson McCandless – ist nicht gut Alpen-Süßklee essen. Handelt es sich bei der Verfilmung des tragischen Endes von McCandless in der Wildnis Alaskas um einen ebenso grandiosen Naturfilm, der das Aussteigertum spiegelt und den Protagonisten auf seine Leiblichkeit und seine Vergänglichkeit zurückwirft, spielen die Naturaufnahmen bei der Reise von Witherspoon alias Cheryl Strayed eine eher geringfügige Rolle und werden eben noch durch die fehlende Lebendigkeit einiger animalischer Gefährten unterstrichen.

So kann diese Performance, so ambitioniert sie auch sein mag, mitnichten eine wirklich ernstzunehmende Konkurrenz für den diesjährigen Oscar als beste Hauptdarstellerin sein, Julianne Moore wäre hier mit ihrer Darstellung der Alzheimerkranken Alice Howland in Still Alice anzuführen.

 

Der große Trip – Wild (2014). Regie: Jean-Marc Vallée. Darsteller: Reese Witherspoon, Laura Dern, Thomas Sadoski. Laufzeit: 115 Minuten.

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13 Gedanken zu „Wanderporno

      • Auch ich werde ihn mir auf jeden Fall anschauen. Allerdings, sowohl die Romanvorlage zum Film als auch das nachfolgende Buch von Pynchon, »Bleeding Edge«, haben mich weniger überzeugt. Mit fehlte der humorige Biss und die elegante Schrägheit früherer Werke von Pynchon. Aber P.T. Andersson ist, wie der Trailer zeigt, recht frei mit der Vorlage umgesprungen. lg_jochen

  1. Hatte das Buch „Der große Trip“ damals nach ein paar Seiten schnell wieder weggelegt …
    Und nun bestätigst du ja – auch auf die Verfilmung kann man beruhigt verzichten.
    Dafür interessiert mich nun umso mehr „Inherent Vice“. Der Trailer verspricht einen coolen und sehr schrägen Film.
    Noch einen schönen Sonntag!

  2. Also ich muss ja gestehen, dass ich das Buch sehr gerne gelesen habe – natürlich handelt es sich dabei nicht um hohe Literatur, aber ich habe mich sehr gut unterhalten gefühlt. Den Film werde ich mir wohl auch anschauen, nur jetzt mit etwas gedämpfteren Erwartungen …

  3. Hi!

    Ich war gerade für ein anderes Blog am Recherchieren. Eigentlich wollte ich eine Rezension zu dem Film schreiben, aber du nimmst mir die Worte aus dem Mund 🙂

    Was heute alles (aus Hollywood) in den Himmel gelobt wird… ts ts.

    Das Buch habe ich erst gar nicht gelesen, nachdem ich kurz reingeblättert hatte. Das war aber auch nach dem Film.

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