Solider Ökohorror

Jeff Vandermeer - Auslöschung   Cover: Verlag Antje KunstmannEine Expedition macht sich auf den Weg, ein Gebiet zu erforschen, in dem sich seltsame Dinge abspielen. In „Area X“ ist anscheinend eine ganze Weile bevor die Erzählung von Jeff Vandermeer einsetzt etwas passiert, dessen Folgen die Natur des Gebiets ganz gewaltig durcheinander gebracht haben. Keiner weiß genau, was geschah, nur dass die Veränderungen der Natur auf jeden Fall erforscht werden müssen. Niemand ist bisher wieder zurückgekommen und doch machen sich vier Frauen auf den Weg, um den merkwürdigen Phänomenen auf die Spur zu kommen. Die phantastisch-schrecklichen Erlebnisse der Expeditionsteilnehmerinnen sind Gegenstand von Auslöschung, des ersten von drei Teilen der Southern Reach Trilogie.

von SOLVEJG NITZKE

Das Szenario ist nicht ganz neu. Ein mysteriöses Ereignis, beunruhigende Veränderungen in einem Gebiet – oder, wie es bei den Brüdern Strugatzki heißt, in einer „Zone“ –,  das sich zwar auf der Erde befindet, dessen Inneres sich aber irgendwie nicht mehr wie Natur verhält. Jeff Vandermeer greift hier auf bekannte Motive und verdiente Vorläufer der Science Fiction zurück.

Das Team

Obwohl bislang jede Expedition an ihrer Aufgabe, herauszufinden, was eigentlich passiert ist und wie genau sich die eigentlich bekannte Welt in „Area X“ verändert hat, gescheitert ist, machen sich zu Beginn von Auslöschung noch einmal vier Frauen im Auftrag von „Southern Reach“ auf den Weg. Eine Biologin, deren Tagebuch den Roman bildet, eine Landvermesserin, eine Anthropologin und „die Psychologin“ bilden das Team, das, nach Fähigkeiten ausgewählt und scheinbar auf alle Eventualitäten vorbereitet, mit wenigen Waffen und Gerätschaften bestückt die unsichtbare Grenze überschreitet, um „Area X“ zu untersuchen. Es handelt sich dabei gleichermaßen um ein Experiment wie um eine Expedition. Zum ersten Mal wird eine Gruppe losgeschickt, die ausschließlich aus Frauen besteht. Aus früheren Expeditionen hat man anscheinend gelernt, die Forscherinnen mit so wenig Technologie wie möglich auszustatten, weil diese offenbar – ebenso wie die Frauen selbst – allzu leicht zum Gegenstand der Manipulation durch die Area werden. Aus dem gleichen Grund ist auch der Austausch von Namen und persönlichen Anekdoten strengstens untersagt.

Als Leiterin der Expedition ist die Psychologin verantwortlich für den Ablauf und deswegen, so stellt sich alsbald heraus, offenbar befugt, die anderen in ihrem Sinne zu instrumentalisieren. Auch die anderen Frauen, allen voran die Biologin, haben ihre Geheimnisse und persönlichen Motivationen, aufgrund derer sie sich auf die wahrscheinlich letzte Expedition ihres Lebens begeben.

Area X

Allzu bald stellen die Forscherinnen fest, dass offenbar nicht so wenig bekannt ist, wie ihnen über die rätselhafte „Area X“ berichtet wurde. Das paradiesisch anmutende Gebiet, in dem sich die Natur über Jahrzehnte ungestört ausbreiten konnte, birgt ungeahnte Schrecken. Diese wiederum sind mit ziemlicher Sicherheit alles andere als unbekannt, denn nicht nur hat es, wie die Frauen bald herausfinden, offenbar deutlich mehr (gescheiterte) Expeditionen gegeben, als der Öffentlichkeit bekannt ist, sondern auch die Topographie der Gegend unterscheidet sich deutlich von ihren Karten.

Landmarke dieser Fehlinformation ist der Tunnel bzw. „der Turm“, wie die Biologin ihn nennt: ein schwarzes Gebilde oder Gebäude, das scheinbar das materielle Negativ eines nicht weit davon entfernten Leuchtturms darstellt. Die Wände im Innern des Gebildes sind von oben bis unten mit seltsamen, apokalyptisch anmutenden Worten beschrieben. Nicht nur ist die Bedeutung der Worte, mit denen ohnehin niemand etwas anfangen kann (natürlich fehlt nun doch die zurückgelassene und überflüssig geglaubte Linguistin), rätselhaft, auch das Material, aus dem sie bestehen, entzieht sich der Beschreibung. Zudem sondert es seltsame Sporen ab, die die Wahrnehmung und schließlich auch das Wesen der Biologin so grundlegend verändern, dass sie der merkwürdigen Zone immer ähnlicher wird.

Ausgehend von diesem Turm/Tunnel entspinnt sich in zunehmendem Tempo eine Reihe grauenerregender Ereignisse, die keine der Frauen unberührt lässt. Tatsächlich, so stellt sich heraus, ist eben nicht davon auszugehen, dass der Schrecken, der über „Area X“ herrscht, innerhalb fester Grenzen bleibt, vielmehr droht er, sich, mit der Biologin als seinem Bestandteil, über die ganze Erde auszubreiten.

Was für Liebhaber

Zwischen den bemerkenswert hübschen Buchdeckeln von Auslöschung verbirgt sich ein recht konventionelles Beispiel für die neuerlich entdeckte Gattung des „Ökohorrors“. Zwar liest sich die Story flüssig, sie kann jedoch die Begegnung mit dem absolut Fremden in ihrer Kombination aus Cthulhu-Horror und traditioneller Science Fiction nicht ganz überzeugen. Zu bekannt kommen einem die Zweifel der Erzählerin sowie die Andeutungen auf verschworene Regierungsorganisationen und apokalyptische Bedrohung vor. Das ist jedoch nicht unbedingt ein Grund, vom Kauf dieses Buches abzuraten. Es handelt sich um ein solides Stück Genreliteratur und vielleicht kommen die Fortsetzungen (Autorität ist bereits erhältlich, Akzeptanz für März dieses Jahres angekündigt) mit etwas mehr Wucht daher.

Jeff Vandermeer: Auslöschung
Verlag Antje Kunstmann, 240 Seiten
Preis: 16,95€
ISBN: 978-3888979682

 

 

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