Türchen 15: Kuraufenthalt oder Selbstmordsekte?

SIGNAs neue Performance-Installation verspricht im Rahmen einer Wald-Kur endgültig den Stress zu besiegen. In gewohnt immersiver Mitmachmanier werden dabei Grenzen aufgezeigt, überschritten und gesprengt. Letzteres jedoch vergleichsweise selten. Machen Sie sich bereit für den Wald, machen Sie sich bereit für das Ende des Menschseins.

von NICK PULINA

Ich liege voll bekleidet auf einer dünnen Matratze, werde zugedeckt, um mich herum 34 weitere Liegende. Ich kriege eine Geschichte erzählt. Von einem Blitzeinschlag, von Myriaden von Aalen in einem See, vom Tierkontakt, vom Grundsatzwechsel der Behandlungsmethode. Ich müsse wieder zum Wald finden, im Wald liege die Erlösung und man würde mir helfen, den ersten Schritt dorthin zu tun.

Dafür trinke ich Birkenrohrling-Tee, werfe mit voller Wucht Aalattrappen in überlaufende Wasserbecken, drücke mein Gesicht in Waldboden, trinke Unmengen an Schnaps, habe eine afrikanische Riesenschnecke auf der Hand, komme dem Wald stetig näher, suche den Wald, lerne den Wald kennen, betrete den Wald – ob ich ihn je wieder verlasse?

Das dänisch-österreichische Künstler:innenduo SIGNA befähigt seine Zuschauenden zur aktiven Partizipation. Wer ein Ticket für Die Ruhe am Deutschen Schauspielhaus Hamburg ergattert hat, wird die Vorstellung nicht gemütlich in einem Theatersessel verbringen. Es gilt, einen Kursus zu durchleben, der die Teilnehmenden von ihrem Grundstress, den ihnen das waldferne Stadtleben aufbürdet, befreien soll.

Wer weitab vom Wald lebt, wird niemals der Natur entsprechend völlig entspannt und bei sich sein. Satyr sei Dank macht es sich eine Regenerationsinitiative um einige ehemalige Nervenärzt:innen zur Aufgabe, auch in Gebieten ab vom Wald – in diesem Fall Hamburg – den Menschen zur Erlösung zu verhelfen.

In dem fünfeinhalbstündigen „Kuraufenthalt“ werden die Waldfernen zahlreiche Anwendungen durchlaufen, um erste Erfahrungen der Annäherung zu machen. Begleitet von im Programm bereits Fortgeschrittenen, den s.g. Leitwanderern, werden mehrere Stationen abgearbeitet, an denen unterschiedliche Kompetenzen und Werte der Waldnahen vermittelt werden sollen. Wer sich als würdig erweist, darf sogar den „dunklen Wald“ betreten. Dort leben die Waldzweisamen und der Waldeinsame – diejenigen, die kurz davor stehen, die Zivilisation komplett aufzugeben und gänzlich im Wald aufzugehen.

Foto: Erich Goldmann

Der Aufenthalt läuft für SIGNA-Verhältnisse erstaunlich linear und harmonisch ab. Wo es in früheren Produktionen immer Raum für eigene Entfaltung gab, ist in Die Ruhe das Regelwerk klar umrissen. Der Kurs wird absolviert, dazu gehen wir erst dort, dann da und schließlich hier hin. Das sonst so charakteristische SIGNA-Merkmal des implizit erlaubten Regelbrechens oder aus der Reihe Tanzens ist nicht gegeben.

Es wird sich bemüht, immer wieder einzelnen Personen Momente zu ermöglichen, in denen sie sich aus ihrer Gruppe lösen und vermeintlich singuläre Erlebnisse erhaschen können. Diese sind allerdings von so kurzer Dauer, dass sie an die Entscheidungsfreiheit voriger Arbeiten nicht heranreichen. Auch die gelegentlichen Momente, in denen sich die bekannten SIGNA-Motive wie sexuelle Gewalt, unterdrückende Hierarchien und Machtmissbrauch zeigen, sind in ihrer Anzahl und Intensität sehr eingeschränkt – zumindest auf den ersten Blick.

Die stärkere Reglementierung mag der Pandemie geschuldet sein oder auch im dramaturgischen Rahmen der Produktion begründet sein. Besonders für SIGNA-Neulinge ist diese jedoch ein gutes Mittel zum schwellenärmeren Einstieg. Die Vorstellung macht Spaß und packt, das steht außer Frage!

Die Perfektion, mit der Signa und Arthur Köstler die Räumlichkeiten des ehemaligen Paketpostamts Altona mit Leben – und dem süßlichen Beigeschmack von Verwesung – füllen, ist ungebrochene Spitze. Highlight: Ein täuschend echt nachgebautes Waldstück mit Hütte und Bär mitten im Gebäude (Bühne: Signa Köstler und Lorenz Vetter).

Die rund dreißig Performer:innen spielen exzellent, lassen den theatralen Rahmen vergessen und ermöglichen das Gefühl, sich in einer „wahrhaften Realität“ zu bewegen. Alle wissen über alle Bescheid, das Narrativ ist wasserdicht, nicht zu unterwandern und wirft trotzdem Fragen auf, die zu stellen sich während der Vorstellung nur die wenigsten trauen.

Über all den vom Leben gebeutelten Schützlingen steht die Institution, die ihnen im Waldleben die wahre Erlösung von ihrem Leid verspricht. Dazu lösen sie sich vom Menschsein und werden eins mit der Natur. Was das konkret bedeutet? Es wird nicht hinterfragt. Man will nur unser bestes!

Foto: Erich Goldmann

SIGNA: Die Ruhe

Deutsches Schauspielhaus Hamburg

Paketpostamt Altona
Kaltenkirchener Straße 1-3
22769 Hamburg

Vorstellungen bis zum 15. Januar

Jeweils 18:30 – 00:00 Uhr

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