„Ach, du hast Hunger? Na, dann friss!“

Anton Kannemeyer - Papa in Afrika   Cover: Avant„W“ steht für weiß und „schwulstige Lippen“ stehen für schwarz – Anton Kannemeyer geht mit seinen südafrikanischen Landsleuten hart ins Gericht, wobei auch deutschsprachige Leser etwas lernen können.

von CHRISTIAN A. BACHMANN

Vor etwas weniger als einem Jahr, im Dezember 2013, wurde in Deutschland kurz aber heftig über die Legitimität rassistischer Darstellungen dunkelhäutiger Menschen diskutiert. In der Sendung Wetten, dass? sollten damals im Rahmen der sogenannten Stadtwette 25 Paare verkleidet als Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer auftreten. Die Sendung wurde aus Augsburg übertragen, wo die für diverse Puppen-Adaptionen bekannte Puppenkiste steht, die auch Michael Endes Kinderbuch aufführte – das hatte also irgendwie Sinn. Zumindest so lange man nicht weiter darüber nachdenkt. Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer erschien 1960 bei Thienemann mit Illustrationen von Franz Josef Tripp. Dieser hatte sich bei Jims Gestaltung offenkundig an eindeutig rassistischen Vorbildern orientiert, wie sie u.a. die amerikanischen Minstrel-Shows oder auch die Schokoladenfirma Sarotti aus der Berliner Mohrenstraße boten. In die Figurendarstellung ‚des Afrikaners‘ floss alles ein, was an Vorurteilen etabliert war: Menschen aus Afrika sind faul, dumm, dreckig, feige, lächerlich, beherrschen europäische Sprachen bestenfalls rudimentär, haben Schlauchbootlippen und krauses Haar, kurz: Sie sind minderwertig.

Das bürgerliche deutsche – überwiegend weiße – Publikum, das man einer Sendung wie Wetten, dass? unterstellen darf, reagierte prompt und entrüstet: Man sei nicht rassistisch und überhaupt habe man Jim Knopf schon als Kind toll gefunden und lasse sich das nicht von ein paar Moralisierern kaputt machen! Anders gesagt: Ein Rassist will man nicht sein, aber seine Rassismen sind einem heilig, sie werden gehegt und gepflegt, zum Beispiel im Fernsehen. Dass sich viele farbige Frauen bis heute die Haare für viel Geld dauerhaft glätten lassen, hat sicher damit zu tun, dass europäisch-glattes Haar objektiv schöner ist, nicht etwa damit, dass Kraushaar ein Zeichen afrikanischer Dümmlichkeit ist. Und dass Fußballkommentatoren anlässlich der letzten Fußball-WM über die Laufkraft und Energie der Afrikaner“ sprechen konnten, während die DFB-Mannschaft (nicht etwa „der Europäer“) eher berechnend und taktisch spielt, ist kein wenig verborgener Rassismus: Die sind halt so!

„Fang auf, Massa Hund …“

Aus der Jugend kennt der deutsche Bürger auch Tim und Struppi. Die kommen zwar nicht aus Deutschland, sondern aus Belgien, sind aber trotzdem heilig. Tim im Kongo ist die Nummer 1 von Hergés Comicreihe um Tim und Struppi (Tim im Land der Sowjets läuft als Nr. 0). Selbst die gegenüber der serialisierten Erstveröffentlichung von 1930 entschärfte Fassung, die hierzulande von Carlsen vertrieben wird, strotzt nur so von Rassismen. Der sehr dürftige Plot der Geschichte ist durchsetzt von Szenen, in denen es seitenlang darum geht, Menschen aus Afrika lächerlich zu machen, zumindest, wenn sich Tim nicht gerade als Großwildjäger ergeht. Die Kolonialgeschichte Belgiens unter König Leopold II. war nicht eben rühmlich, hat ihn aber zumindest zu einer brauchbaren Karte in der dritten Auflage des Tyrannen-Quartetts gemacht. Mit „Todesopfer: 10 Mio.“ und „Privatvermögen (US $): > 10 Mrd.“ kann man schon einige schwächere Tyrannen ausstechen.

Just diesen Tim und Struppi-Comic hat sich der südafrikanische Comiczeichner und Künstler Anton Kannemeyer als Vorlage für einige seiner Comics genommen, die nun erstmals in einer größeren Auswahl in Deutschland publiziert wurden. Papa in Afrika heißt das Album, das außer den Comics noch einige politische Cartoons enthält. Nimmt man den Katalog der 2011 zuerst in Bremen gezeigten Ausstellung We are not armed, don’t shoot! raus, ist Kannemeyer nach Karlien de Villiers (Meine Mutter war eine schöne Frau, 2006) und Joe Daly (Doppeltes Glück mit dem Roten Affen, 2012) erst der dritte südafrikanische Comicautor, dessen Werke in deutscher Übersetzung veröffentlicht wurden. Das liegt zum einen daran, dass Comics in Südafrika eine untergeordnete Rolle spielen. Zwar gibt es eine gewisse Tradition lustiger und abenteuerlastiger Eigenproduktionen, doch diese sind hierzulande kaum bekannt und zuweilen zu spezifisch, um in der Übersetzung eine verlegerisch ausreichende Zahl von Lesern zu gewinnen. Der äußerst beliebte Zeitungsstrip Madam & Eve von Stephen Francis und Rico beschäftigt sich zum Beispiel intensiv mit der südafrikanischen Tagespolitik, deren Probleme (fehlende Schulbücher, Nkandla, Julius Malema) den deutschsprachigen Lesern nur ausnahmsweise (Oscar Pistorius) vertraut sind. Andere Comics wie T. O. Honiballs Oom Kaspaas en Nefie sind so altbacken oder so kulturspezifisch, dass sie außerhalb der afrikaanssprachigen Welt kaum Leser finden dürften. Umso erfreulicher ist es, dass die südafrikanische Comic-Avantgarde langsam mehr Beachtung findet.

„Tu doch was Harald, diese historisch benachteiligten Männer wollen mich vergewaltigen!“

Während ihres Studiums an der Universität in Stellenbosch haben Anton Kannemeyer alias Joe Dog und Conrad Botes mit Bitterkomix ein Magazin gegründet, das als die Speerspitze südafrikanischer Untergrund-Comics gilt. Kannemeyer ist nicht zimperlich, wenn es darum geht, der südafrikanischen Kultur den Spiegel vorzuhalten. Sein erklärtes Ziel ist es, mit Comics und Kunstwerken zu provozieren. Dabei werden alle Tabus rigoros gebrochen, was ihm unter den ohnehin zu calvinistischer Prüderie neigenden Afrikaandern keine Zuneigung eingebracht hat. Die in Papa in Afrika ausgewählten Werke, die alle zwischen 1999 und 2014 entstanden sind, geben ein Bild von einem zornigen Mann, der mit den Rassismen und Vorurteilen kämpft, die seine Kindheit während der Apartheid geprägt haben und die der vermeintlichen Regenbogennation Südafrika bis heute Gestalt geben. Kannemeyer richtet sich vorwiegend an die weißen Südafrikaner. Ihre kollektiven Neurosen stellt er schamlos bloß: die Angst vor der Virilität des schwarzen Mannes mit seinem übergroßen unkontrollierbaren peester, die Begierde, eine schwarze Frau sexuell zu unterwerfen, die Verdrängung der Gewalttaten und der eigenen Ignoranz unter Hendrik F. Verwoerd und seinen Nachfolgern, die Angst vor der körperlichen und sexuellen Gewalt des Befreiten gegen seine einstigen Unterdrücker.

In Hergés Tim im Kongo gibt es eine Passage, in der Tim auf Antilopenjagd geht. Er feuert auf eine, doch sogleich sieht er sie wieder. Er feuert wieder und wieder. Als er sie endlich getroffen zu haben glaubt und ihren Kadaver holen will, stößt er auf einen Berg von erschossenen Tieren. Er konnte sie nicht auseinanderhalten und hat sie alle der Reihe nach erlegt. Kannemeyer ersetzt in seiner Nacherzählung die Antilopen durch schwarze Männer. Um die ganze nutzlos verschossene Munition zu erklären, schneidet er den Leichnamen die rechten Hände ab. So hat man es halt gemacht, damals im Kongo. Jede Patrone eine rechte Hand, jeder Schuss ein Treffer. Nicht immer ist so eindeutig, wie man sich als Leser zu den Geschichten und ihrer Botschaft zu verhalten hat. Manche hinterlassen ein diffuses Gefühl von WTF?, das zum Nachdenken zwingt.

Zwei große Feindbilder kristallisieren sich in Papa in Afrika heraus, die beiden Sprachen der Unterdrücker: zum einen das Afrikaans, zum anderen die Bilder. Kannemeyer seziert sie und präpariert ihre Rassismen fein säuberlich heraus. Doch ganz so einfach sind die Rollen nicht verteilt, sie unterscheiden nicht nur weiße Täter und schwarze Opfer. Neben den krausköpfigen Schlauchbootlippen wird auch das Bild des Weißen als Klischee sichtbar, das überdacht gehört. Und was ist eigentlich, wenn das schwarze Opfer selbst zum Täter wird? Ist dafür der weiße Unterdrücker verantwortlich zu machen? Kannemeyer gibt darauf keine Antwort, aber er wirft in den Grauzonen die Fragen auf, denen wir uns stellen müssen.

„Ich denke, also bin ich gefährlich“

Was geht das denn die deutschsprachigen Leser an, die sich an der Rassensegregation nicht beteiligt haben und mit Südafrika schlimmstenfalls nicht mehr verbinden als die Fußballweltmeisterschaft 2010, Haikäfigtauchen und Safaris im Krüger-Nationalpark? Einiges. Welchen Anteil gerade die Deutschen auch an der Produktion von Bildern haben, die kapitalistische Unterdrückung fördern, zeigt ein Cartoon, in dem ein weißer Anzugträger einen Mercedes-Benz halbnackten Männern mit Schlauchbootlippen präsentiert, die den Wagen lobpreisen. Mercedes-Benz produziert übrigens Limousinen im südafrikanischen East London.

Eine kurze Bildreihe in Tim im Kongo kann symbolisch für Kannemeyers Comics stehen. Sie zeigt Tim dabei, wie er einer (schlecht gezeichneten) Würgeschlange, die gerade noch Struppi verschlungen hatte, ihren eigenen Schwanz ins Maul schiebt. Wider Willen muss die Schlange sich selbst fressen und Tim kommentiert: „Ach, du hast Hunger? Na, dann friss! Guten Appetit!“ Kannemeyer stopft uns bis zum Würgen mit den Rassismen, die wir so gerne übersehen. Wir müssen aber noch herausfinden, wie wir nicht an ihnen ersticken. Diese Rassismen sind in den deutschsprachigen Ländern und in der deutschen Sprache so aktuell wie eh und je. Auch in Europa tut man gut daran, sie zu reflektieren, und Kannemeyer erinnert uns daran, schon allein, indem er Hergés beliebten Comic herbeizitiert. Dafür gebührt ihm Dank, besonders, wenn es wehtut, denn seine Comics und Cartoons sind klug und wichtig, aber nichts für schwache Nerven.

Anton Kannemeyer: Papa in Afrika
avant-verlag, 64 Seiten
Preis: 19,95 Euro
ISBN: 978-3-945034-13-2

 

Als Referenz unerlässlich:
Hergé: Tim im Kongo
Carlsen Comics, 64 Seiten
Preis: 9,99 Euro
ISBN: 978-3-551-73221-7
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3 Gedanken zu „„Ach, du hast Hunger? Na, dann friss!“

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