Zwischen Lachen und Weinen

"Common Ground" von Yael Ronen   Foto: Thomas Aurin

„Common Ground“ von Yael Ronen Foto: Thomas Aurin

Es ist wohl der persönlichste Abend, den viele Zuschauer im Theater je erlebt haben. Der bewegendste beim Theatertreffen 2015 ist er allemal, wenn Yael Ronen zu Common Ground einlädt. Selten wird im Theater an einem Abend so viel gelacht und geweint wie hier, wo ein bunt zusammengewürfeltes postmigrantisches Schauspieler-Septett gnadenlos mit dem Jugoslawienkonflikt und der eigenen Identität abrechnet.

von ALINE PRIGGE

Fünf Schauspieler mit jugoslawischen Wurzeln lassen das Publikum an ihrer Suche nach der Vergangenheit und ihrem Selbst teilhaben. Begleitet werden sie von einer Israelin und einem Deutschen, jetzt auf der Bühne und auch als sie in der Vorbereitung auf das Stück auf eine Reise nach Bosnien gingen. Für viele von ihnen ist es das erste Mal, dass sie seit dem Krieg zurückkehren in dieses von den Bomben zerfurchte Land. Jeder von ihnen mit seiner eigenen Geschichte, seinen eigenen schrecklichen und schönen Erinnerungen im Gepäck.

1991. Slowenien und Kroatien erklären ihre Unabhängigkeit – der Balkankonflikt eskaliert und für fünf der Menschen auf der Bühne bricht eine Welt zusammen. Da ist Vernesa Berbo, sie lebt in Sarajevo und geht davon aus – wie so viele –, dass der Krieg, wenn er überhaupt nach Bosnien kommt, schnell wieder vorbei ist. Sie nimmt 15 Kilo ab und kann wochenlang nicht duschen, weil ihr Badezimmerfenster in der Schusslinie der Scharfschützen liegt. Aleksandar Radenković kommt schon vor dem Ausbruch des Krieges nach Deutschland, in diesem Jahr fährt er seinen Vater besuchen, sie schauen sich Fußball im Fernsehen an, während 38,4 km weiter hunderte Kriegsgefangene ermordet werden. Mateja Meded (gespielt von Jasmina Musić) hatte nicht so viel Glück: Sie lebt bei ihrem Vater. Als Fünfjährige werden ihr die Haare abgeschnitten, damit sie aussieht wie ein Junge, sie lernt drei Finger in die Luft zu halten, damit die Menschen erkennen, dass sie Serbin ist. Schließlich holt ihre Mutter sie dort raus, sie kommt in ein Flüchtlingslager. Überall ist Dreck, am schlimmsten ist es auf dem Klo, überall sind Würmer sie scheißt Würmer. Dejan Bućin ist sechs Jahre alt und sein Vater ist Diplomat, als seine Familie nach Belgrad zurückkehrt. Er ist eifersüchtig auf einen Freund, denn dieser hat einen Panzer gesehen, er nicht. Jasmina Musić (gespielt von Mateja Meded) flieht mit ihrer Mutter aus dem Kriegsgebiet. Die Mutter stopft ihr Geld in die Söckchen, sie darf nicht sprechen auf der Flucht, aus Angst, jemand könnte ihre Nationalität erkennen. Orit Nahmias ist 15 Jahre alt. Sie lebt in Israel und ist noch Jungfrau – auch auf ihre Stadt fallen Bomben. Niels Bormann kommt nach einem Jahr im katholischen Jungeninternat aus Neuseeland zurück. Zuhause erwartet ihn seine weinende Mutter und meldet ihn und sich bei der einzigen Selbsthilfegruppe für Schwule an.

Es ist auch das Jahr, in dem Nirvana das Album Nevermind rausbringen und Steffi Graf in Wimbledon gewinnt. Erzählte Banalitäten werden gemischt mit berichteten Naturkatastrophen, Kriegsausbrüchen und den eigenen persönlichen Erfahrungen aus den Kriegsjahren. Alles zusammen verschwimmt in einem immer schneller werdenden Strudel aus Schauspielern, Worten, Musik und Holzstückchen, die über die Bühne fliegen. Das Publikum lacht mit ihnen, als Niels Bormann von seiner schwulen Anarchogruppe erzählt, die mit dem Bulli durch die Republik tingelt und vor dem Kölner Dom zum Kiss In halten. Es fiebert mit Vernesa Berbo mit, die in Sarajevo die selbsternannte Partyqueen ist, ist schockiert von Matejas und Jasminas Erfahrungen als Kinder, die zwischen die Fronten geraten, und atmet schließlich erleichtert auf, als Dejan das Ende des Jugoslawienkonflikts im Jahr 1995 verkündet.

"Common Ground" von Yael Ronen   Foto: Thomas Aurin

„Common Ground“ von Yael Ronen Foto: Thomas Aurin

Wenn sich der Sturm gelegt hat

Der dynamischen Anfangssequenz folgt ein ruhigerer, narrativer Teil. Das Kennenlernen der Gruppe und die Erlebnisse ihrer Bosnienreise werden geschildert. Jasmina und Mateja erzählen von ihrem ersten Treffen und wie sie herausfanden, dass der Vater der einen verantwortlich sein könnte für den Tod des Vaters der anderen. Wie lebt man damit und wie beurteilt man als Zuschauer, dass Mateja und Jasmina hier von der jeweils anderen dargestellt werden? Verdeutlicht es lediglich die Wahllosigkeit von Opfer und Täter, ist das makaber oder gar notwendig? In den persönlichen Anekdoten werden viele Fragen aufgeworfen, große Themen einer Kriegskindheit werden angesprochen: Aleksandar Radenković fühlt sich bei den Erzählungen einer alten Frau plötzlich als Serbe und schuldig, obwohl er weder an ihrem Leid verantwortlich ist, noch sich jemals zuvor bewusst einer jugoslawischen Teilethnie zugeordnet hat. Was ist passiert mit den Eltern, Großeltern, Freunden und Verwandten, die in diesem Krieg „verschwunden“ sind? Welche Schuld trägt man selbst, als Kind eines Kriegsverbrechers, als jemand, der Fußball geschaut hat, während Menschen starben? Und wie ist das eigentlich mit der Vergebung? Können Jasmina und Mateja sich vergeben, für das, was zwischen ihren Vätern vielleicht war? Kann man sich selbst vergeben, obwohl man durch europäische Clubs gezogen ist, während die eigene Familie zerbombt wurde?

Es sind diese Momente, die das Publikum zu Tränen rühren – man möchte aus seinem Sitz aufstehen und ihren Schmerz lindern. Doch Yael Ronen gelingt es meisterhaft, diese Momente der Trauer und des Schmerzes zu verbinden mit Momenten des Lachens und der Heiterkeit. Nicht zuletzt durch das brillant-ironische Spiel Niels Bormanns mit deutschen Vorurteilen und deutschem Pragmatismus. Ronen zeigt, dass es auch im Krieg nicht nur Schrecken geben muss, sondern Hoffnungsschimmer hindurchbrechen. So geht es auch um Freundschaft, um Optimismus, um Menschen, die im Angesicht des Krieges und seinen Nachwirkungen ein positiv ausgerichtetes Leben führen.

Dass diese Inszenierung mehr als nur eine Theatersensation ist, wird spätestens in der letzten Szene klar, in der die Darsteller von ihrer Wartezeit am bosnischen Flughafen erzählen. Aleksandar nimmt statt seines deutschen Passes auf einmal seinen serbischen Pass, um nach Deutschland einzureisen, Mateja und Jasmina scheinen wie Schwestern geworden zu sein. Und sind das in Dejans Augen echte Tränen? Dieses Projekts scheint das Leben der Darsteller verändert zu haben, meins hat es auf jeden Fall.

Common Ground läuft im Repertoire des Maxim-Gorki Theaters, nächste Vorstellung ist am 12.06. Wer nicht so lange warten oder so weit fahren will, kann die Inszenierung auch am 31. Mai bei den Mülheimer Theatertagen sehen. Ein absolutes Muss.

Aline Prigge studiert Theaterwissenschaft und Komparatistik an der Ruhr-Universität Bochum und macht zurzeit ein Praktikum in der Presseabteilung der Berliner Festspiele.

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